Kölns alte FestungenWie eine Kaserne in Müngersdorf zur Freiluftschule Freiluga wurde

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Die Freiluga, hervorgegangen aus dem preußischen Zwischenwerk Va, in den 1920er Jahren.

Die Freiluga, hervorgegangen aus dem preußischen Zwischenwerk Va, in den 1920er Jahren. (Archivfoto)

Die ehemalige Kaserne ist seit vielen Jahrzehnten eine Waldschule, in der Kölner Kinder die Natur kennenlernen können.

Wer Berührungsängste im Umgang mit Flora und Fauna hat, findet an der Belvederestraße in Müngersdorf die passende Therapie. „Wir können innerhalb eines Tages erleben, wie jemand, der Stein und Bein schwört, auf keinen Fall einen Regenwurm auf die Hand zu nehmen, das am Ende des Tages dann macht“, sagt Nikolas Wiese. Er gehört zu den Lehrern der Freiluft- und Gartenarbeitsschule Freiluga der Stadt Köln, in der seit 101 Jahren Schüler die Natur hautnah erleben.

Über dem Kaserneneingang des ehemaligen Zwischenwerks Va hat Friedrich Schiller seine Spuren hinterlassen: „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit. Und neues Leben blüht aus den Ruinen“, steht dort in großen Lettern. Das Zitat passt bestens zur Geschichte des preußischen Militärgeländes, das von 1875 bis 1877 als Teil des äußeren Festungsgürtels errichtet wurde und sich nach dem Ersten Weltkrieg in ein Paradies für Schulklassen aus der dicht bebauten Altstadt verwandelte. „In der Regel gab es links und rechts der großen Forts ein kleines Werk, das waren die Zwischenwerke“, erklärt Alexander Hess vom Verein „Fortis Colonia“. Davon geblieben ist nur die Kehlkaserne, in der rund 150 Soldaten untergebracht waren.

Der Felsengarten mit Weiher gehört zu den Sehenswürdigkeiten der städtischen Freiluft- und Gartenarbeitsschule, die seit 101 Jahren Kindern die Natur näherbringt.

Der Felsengarten mit Weiher gehört zu den Sehenswürdigkeiten der städtischen Freiluft- und Gartenarbeitsschule, die seit 101 Jahren Kindern die Natur näherbringt.

Die Freiluga diente ab 1925 sowohl medizinischen als auch pädagogischen Zwecken. Zur allgemeinen Stärkung bekamen die Großstadtkinder fettreiche Kost, Licht und Luft verabreicht, auf einer Liegewiese mit Liegehalle konnten sie sich erholen. Unterricht und Bewegung fanden möglichst unter freiem Himmel statt, ein Planschbecken, ein Freilufttheater und Turnplätze boten vielfältige Möglichkeiten. In den Schulgärten betreute jede Klasse ihr eigenes Beet. Auf diese Weise sollten Gemeinschaftssinn, Selbstversorgung, aber auch die Heimatliebe aufblühen.

Freiluga ist „außerschulischer Lernort“

Mohamed Maameri ist Imker und Betriebsgärtner der Freiluga. Er führt über die 5,5 Hektar große Anlage, in der es unter altem Baumbestand an jeder Ecke etwas zu entdecken gibt. Rund um die preußische Kehlkaserne sind einige Freiluft-Klassenräume samt Sitzgelegenheiten und Garderobenständern erhalten geblieben. Zur frühen Ausstattung gehört auch ein Felsengarten mit Teich. Innerhalb der Kaserne kann ein Querschnitt des Rheintals als geologisches Wandmodell von 1932 bewundert werden.

Neu hinzugekommen ist die Igelstation, die Maameri aufgebaut hat. Das Schulbiologische Zentrum mit angeschlossenen Gärten westlich der Kaserne hat 2010 ein neues Gebäude bekommen. Der „außerschulische Lernort“ der Stadt ist beliebt, rund 6000 Schüler pro Jahr lernen hier im Rahmen ihres Biologie- oder Sachunterrichts über Honigbienen, Kartoffelanbau oder – je nach gewähltem Themenschwerpunkt – Klimaschutz.

Der Entwurf für die Freiluga stammt vom städtischen Gartendirektor Fritz Encke. Zwar mussten die Kölner ihre Festungsanlagen nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg unbrauchbar machen. Auf Initiative von Oberbürgermeister Konrad Adenauer durften jedoch einige Kasernengebäude stehenbleiben und in die neuen Grüngürtel integriert werden. Sie wurden zu Vereinsheimen umfunktioniert oder Waldschulen, von denen es neben der Freiluga gleich mehrere gab. Dass die Freiluga noch heute existiert, wundert Nikolas Wiese kaum: „Sie ist erstens die größte und zweitens die schönste“, sagt der Lehrer der Neuehrenfelder Eichendorff-Realschule, der sich seit 2011 auch um die Freiluga kümmert.

Comeback in den 1970ern

Während des NS-Regimes bleibt die Schule bestehen, sie fügt sich gut in die „Blut-und-Boden“-Ideologie der Nazis, auch wenn der zuständige Stadtschulrat Fritz Schu nicht ihre Ansichten vertritt und 1937 zwangspensioniert wird. 1969 gehen für den Bau der LVR-Förderschule Belvedere 20.000 Quadratmeter Freiluga-Gelände verloren. Ohnehin ist die Freiluga in den 1960er Jahren kaum noch gefragt. „Die Leute wurden wohlhabender und haben vielleicht auch einen eigenen Garten gehabt“, sagt Nikolas Wiese. Krankheiten verlieren durch Impfungen ihren Schrecken.

Doch Anfang der 1970er Jahre entsteht in Deutschland ein neues ökologisches Bewusstsein. Die Freiluga erlebt ein Comeback. Das „Schulbiologische Zentrum“, das 1972 eröffnet wird, ermöglicht verstärkt wissenschaftliches Arbeiten. Heute kommen fast jeden Tag zwei Schulklassen nach Müngersdorf, wo dann viele Kinder vielleicht zum ersten Mal einen Regenwurm in die Hand nehmen.