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Vier Jahre Krieg gegen die UkraineMutter und Tochter gründen in Köln Verein und junge Musikgruppe

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Die Frauen der ukrainischen Volksmusikgruppe Ralets stehen in traditionellen Kleidern zusammen auf einer Wiese.

Vira Kulinenko (l.) hat in Köln die ukrainische Volksmusikgruppe Ralets gegründet. Die Jugendlichen haben viele Auftritte. 

Yuliia Kulinenko und ihre Familie war 2014 aus dem Donbass nach Kiew geflüchtet, im Frühjahr 2022 flüchteten sie nach Köln. 

Für Yuliia Kulinenko und ihre Familie begann der Krieg in aller Brutalität im Jahr 2014. Sie arbeitete als Zeitungsjournalistin in Donezk, als die russischen Truppen in der Ostukraine einmarschierten. Ihre Mutter lag im Krankenhaus, als Soldaten das Gebäude einnahmen und anordneten, dass die alte Frau das Hospital sofort verlassen müsse. Wenige Tage später starb die Mutter. „Ich denke, sie haben meine Mutter getötet“, sagt die Tochter.

Kulinenko floh mit ihrem Mann und ihrer damals dreijährigen Tochter Vira nach Kiew. Sie fanden neue Jobs, bauten sich ein neues Leben auf. Viele der Frauen von Yuliias Donezker Volksmusik-Ensembles Dyvyna trafen sich als Binnenflüchtlinge in der ukrainischen Hauptstadt wieder.

Bild von Mutter und zwei Töchtern, im  Hintergrund eine Shoppingmall

Mutter und Töchter sind in Köln gut angekommen, vor allem die die sechsjährige Liuba, die im Sommer eingeschult wurde und viele Freundinnen hat.

Nach der russischen Invasion am 24. Februar 2022 war schnell klar, dass die Familie wieder fliehen muss. Sie dachten, die Russen würden Kiew innerhalb weniger Tage einnehmen. Yuliia, Vira und die heute sechsjährige Tochter Liuba kamen am 8. März nach Köln. Noch am gleichen Abend gingen sie zu einem Konzert der ukrainischen Sängerin Marianna Sadovska. Auch viele Mitglieder des Volksmusikensembles Dyvyna trafen die Kulinenkos in Köln wieder. Wenig später gingen sie auf Europatournee. Die Frauen singen von Verzweiflung und Kampf, Einsamkeit und Einheit, Trennung und Liebe. Vielen Geflüchteten aus der Ukraine sprechen sie aus der Seele.

Inzwischen hat auch Vira, die jetzt 17 Jahre alt ist, ein Volksmusik-Ensemble gegründet. Die Gruppe Ralets, die in traditionellen Kleidern auftritt und bei der Yuliia als einzige Erwachsene mitmacht, hat viele Konzerte. Mutter und Tochter spielten allein im vergangenen Jahr „70 bis 80 mal“. „Die Musik“, sagt Yuliia Kulinenko, „bringt uns zusammen und rettet uns.“

„Das Leben geht immer weiter, auch wenn weiter unsicher ist, was morgen wird“, sagt die Mutter, die in den vergangenen Jahren immer wieder gesundheitliche Schwierigkeiten hatte. „Wenn man ein normales Leben führt, plant man für drei, fünf oder zehn Jahre im Voraus. Unser Horizont geht höchstens bis zum nächsten halben Jahr.“ Die täglichen Videotelefonate mit dem Vater, der in Kiew ist, die ständige Ungewissheit, was in der Ukraine passiert, die täglichen Drohnen und Angriffe auf die Energie-Infrastruktur: „Das ist schwer zu ertragen“, sagen Mutter und Tochter. „Es ist besser, sich nur auf die Gegenwart in Köln zu konzentrieren.“

Mein Vater ist Mikrobiologe, meine Tante Physikerin, ich würde auch gern Wissenschaftlerin werden
Vira Kulinenko (17), Schülerin

Vira möchte unbedingt die Qualifikation fürs Abitur schaffen. „Mein Vater ist Mikrobiologe, meine Tante Physikerin, ich würde auch gern Wissenschaftlerin werden“, sagt sie. Die Mutter arbeitet im Offenen Ganztag an einer Schule und lernt weiter Deutsch – wenn sie die C1-Prüfung schafft, könnte sie womöglich irgendwann als Lehrerin arbeiten, hofft sie. In der Ukraine hat Yuliia Kulinenko Phiosophie und Religion studiert.

Gerade hat sie einen deutsch-ukrainischen Bildungs- und Kulturverein mitgegründet – „damit wollen wir vor allem den Menschen helfen, denen es hier schwer fällt, Fuß zu fassen“, sagt sie. Die Kulinenkos haben das geschafft – sicher fühlt sich der Boden unter ihren Füßen allerdings nicht immer an. „Auch wenn es so genannte Friedensverhandlungen gibt, sind wir näher an einem Dritten Weltkrieg als an dauerhaftem Frieden“, glaubt Yuliia. „Wenn man Russland nicht Einhalt gebietet, wird Putin weiter Krieg führen. Ich glaube, vielen Menschen ist das nicht klar.“