Köln – Am Montagabend fand in der Synagoge in der Roonstraße eine Lesung des letzten Interviews mit der Holocaust-Überlebenden Esther Bejarano statt. Rund 60 Menschen hörten der Theater-Schauspielerin Brigitte Grothum zu, die Bejarano ihre Stimme schenkte.
Bejarano selbst verstarb im Juli 2021. Kurz vor ihrem Tod besuchte der Medienschaffende Sascha Hellen die damals 96-jährige mit den Jugendlichen Florian und Kai in Hamburg. Das Interview ist Teil Bejaranos Vermächtnisses. Ihr war es besonders wichtig, den Dialog mit jungen Menschen zu suchen und sie zu „Zweitzeugen“ zu machen, die ihre Geschichte von ihr persönlich erzählt bekommen haben und verbreiten.
Musizieren rettete Bejarano
Dieses Gespräch wurde in Hellens Buch „Nie schweigen“ festgehalten. Darin erzählt Bejarano von ihrem Überlebenskampf in den Konzentrationslagern Ravensbrück und Auschwitz. Nachdem sie 1943 mit 18 Jahren nach Auschwitz deportiert wurde, nutzte sie ihre Chance, im Mädchen-Orchester des Konzentrationslagers Akkordeon zu spielen und konnte so dem sicheren Tod entkommen.

Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau
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In dem Interview erzählte sie unter anderem von dem Alltag im Lager, Albträumen nach ihrer Flucht und ihren Gefühlen den Tätern gegenüber. „Hass kenne ich nicht. Es darf keinen Hass zwischen Völkern und Menschen geben“, so Bejarano. Auf der Bühne stellte Grothum das Gespräch mit Florian nach, der in dem ursprünglichen Interview noch persönlich mit Bejarano gesprochen hatte.
Kritik an Scholz
„Ihr habt keine Schuld an dem, was passiert ist. Aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nicht wissen wollt, was damals geschah“, sagte Bejarano zu den Jugendlichen. Der Lesung wohnten auch die Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (Linke), Abraham Lehrer, der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und der Journalist Hendrik Groth bei. Bei der anschließenden Podiumsdiskussion sprachen sie über Antisemitismus und Möglichkeiten, diesen zu bekämpfen.

Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland Abraham Lehrer
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Unter anderem ging es dabei um die von der AfD ausgehende Gefahr und Scholz' Schweigen nach der Holocaustrelativierung des Palästinenserpräsidenten Abbas. „Olaf Scholz hat gepatzt. In so einer wichtigen Frage muss man von einem Bundeskanzler anderes erwarten“, so Lehrer.
Sorgen über heutige Zeit
Auch in heutigen Zeiten müssen sich viele Juden in Deutschland über ihre Sicherheit Gedanken machen, so der Tenor der Gesprächsrunde. „Meine Frau hat zu mir gesagt: Du musst uns sagen, wann es an der Zeit ist zu gehen“, berichtete Lehrer. Gerade im Hinblick auf die Inflation in den kommenden Monaten und die Aktivitäten der Rechten mache sich Lehrer Sorgen.
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Er könne sich vorstellen, dass jüdische Deutsche als Sündenböcke herhalten müssen. Auch Petra Pau nehme die Situation ernst, doch sei nicht bereit, im Kampf gegen Antisemitismus nachzugeben. „Ich habe Esther Bejarano gekannt und ich habe sie auch heute wieder gehört. Solche Abende geben mir die Kraft, mich weiter einzumischen“, so Pau.


