Abo

Keinen Notdienst erreichtKölner erlebte Odyssee mit vergiftetem Hund

Lesezeit 5 Minuten
Der Kölner Philipp Kratz mit Latte Macchiato im Café Hallmackenreuther

Philipp Kratz

Wie reagieren Menschen, was erzählen sie, wenn man sie auf der Straße anspricht und zum Kaffee einlädt? Darum geht es Susanne Hengesbach in ihrer Rubrik „Zwei Kaffee, bitte!“

Schade, dass ich Paul, den eigentlichen Hauptakteur dieser Geschichte nicht kennenlerne. Aber ich denke während des Gesprächs mehrfach, Paul könnte kein fürsorglicheres Herrchen haben, als Philipp Kratz. Ich begegne dem 49-jährigen Versicherungsmakler im Belgischen Viertel, wo er wohnt und arbeitet. Beim Kaffee im Hallmackenreuther erzählt er mir von einem Sonntag im Sommer, den man keinen Hundebesitzer wünschen möchte.

Es geschieht am 7. August, einem dieser besonders heißen Tage. Kratz ist mit seinem zwölfjährigen Rhodesian Ridgeback wie so oft sonntagmorgens am Niehler Hafen. Wie üblich sucht Paul mit der Nase den Boden nach Essbarem ab, er ist ein „Bodenstaubsauger“ auf vier Beinen. Kratz lässt ihn gewähren. Erst als Paul später in der Wohnung so ungelenk sein gewohntes Leckerli nimmt und für den nächsten Spaziergang kaum aufstehen will, läutet bei Kratz eine Alarmglocke. Sie läutete daher stärker, als er feststellte, dass Pauls Liegeplatz urindurchtränkt ist. „Ab, zum Arzt“, denkt Kratz. 

Aus Kapazitätsgründen kein Notdienst

Was bei Kindern häufig zutrifft, gilt auch für Hunde: Die schlimmen Dinge passieren meistens am Wochenende, wenn der vertraute Mediziner nicht zur Verfügung steht. Kratz schaut im Internet nach dem tierärztlichen Notdienst. Als er mit seinem Hund aufbricht, stellt er fest, dass sein Paul kaum noch die Treppenstufen schafft. Kratz hebt das große Tier mit Mühe in sein Auto. Ausgerechnet zu dieser Stunde gibt es an der Antwerpener Straße kein Durchkommen. FC-Fans, die vor den Bildschirmen der Sportbars das Heimspiel gegen Schalke verfolgen, haben die Durchfahrt blockiert. Kratz wartet zähneknirschend bisvzum Abpfiff, dann fährt er zur Tierklinik nach Braunsfeld. 

Dort angekommen, sieht er ein Schild, dass „aus Kapazitätsgründen kein Notdienst“ geleistet werden können. Er klingelt so lange, bis jemand kommt. „Ich brauche dringend Hilfe“, sagt er, doch man erklärt ihm, „das auf dem Schild ist genauso gemeint“. Statt tierärztlicher Hilfe bekommt Kratz „einen Zettel mit elf Tierkliniken“ in die Hand gedrückt; unter anderen Adressen in Aachen, Düsseldorf, Bonn und Hahn. „Die haben Sie alle abtelefoniert“, mutmaße ich. Kratznickt. „Mein Hund stirbt!“, betont er beim Telefonat mit der Tierklinik in Pulheim-Stommeln. „Das tut uns sehr leid“, bekommt zu hören. Mehr aber auch nicht.

Verdacht auf aufgeplatzten Milztumor

Noch immer auf dem Parkplatz in Braunsfeld, klingelt er erneut. Das Team sei die nächsten zwei Stunden im OP, heißt es nun. Dann hört Kratz einen Mann, er vermutet einen Arzt, sagen, man kann ihm auch danach nicht helfen. Inzwischen ist es 19 Uhr, Paul liegt im Auto und hebt kaum noch den Kopf, wenn man ihn anspricht. In seiner Not wählt Kratz die Handynummer seiner regulären Tierärztin und schildert die Situation. „Reden Sie nicht länger, kommen Sie zu mir nach Bocklemünd!“ Kratz fährt sofort los.

„Oh weia!“, sagt die Ärztin beim Blick auf den Hund im Auto. Zusammen mit Kratz schleppt sie Paul zum Behandlungstisch, wo als Erstes die schneeweißen Lefzen auffallen. Pauls Blutwerte sind katastrophal. Nach gründlicherer Untersuchung vermutet die Ärztin einen aufgeplatzten Milztumor. „Wir brauchen ein Ultraschallgerät“, sagt sie, nur ist ihr eigener defekt. „Oder wir erlösen ihn!“ Erlösen ist für Kratz keine Option. Auch ruft er auf Anraten der Ärztin bei der Tierklinik Kaiserberg in Duisburg an.

Nachts vier Stunden gewartet

„Wenn Sie viel Zeit mitbringen“, wird ihm gesagt, „können Sie kommen!“ Es ist bereits nach 21 Uhr als er in Duisburg ankommt. Dort wird ihm erklärt: „Wir haben gerade niemanden, der Ihren Hund untersuchen kann“. Ich schüttele den Kopf und sage: „Das gibt's doch nicht!“ Kratz nickt und berichtet von den vier Stunden, die er wartend im Flur verbringt. „In dieser Zeit wurden drei Hunde eingeschläfert“, stellt er fest. Mir kommen schier die Tränen. „Wussten Sie, dass die Einäscherung von einem kleinen Hund preiswerter ist, als die eines großen?“ Ich schüttele den Kopf.

Um zwei Uhr nachts ist er endlich an die Reihe. Während der Kölner noch mit der Ärztin spricht, rappelt sich Paul überraschend hoch und beschnüffelt den Behandlungstisch. Ein kleiner Hoffnungsschimmer. Es vergehen weitere zwei Stunden, bis sämtliche Untersuchungen - Röntgen, Blutwerte - gemacht sind. Kratz muss währenddessen draußen warten und schwitzt Blut und Wasser. Um vier Uhr morgens geht schließlich die Tür auf. Paul trottet neben der Ärztin her und kommt dann – noch ein wenig wackelig, aber schwanzwedelnd – auf sein Herrchen zu.

Drogen, die einen Hund töten können

„Wir haben nichts gefunden. Es ist auch nichts geplatzt. Wir haben keine Ahnung, was mit Paul los war, erklärt die Ärztin. „Aber wenn ich den Hund nicht selber erlebt hätte“, sagt sie, „hätte ich mit Ihnen einen Alkohol-Test gemacht.“

Rückblickend vermutet Kratz eine Vergiftung. Paul könnte am Niehler Hafen kontaminierten Menschenkot gefressen haben. „Glauben Sie mir, da wird alles konsumiert, was der liebe Gott verboten hat“, sagt er über manchen Nicht-Hundespaziergänger, der dort unterwegs ist. „Leider auch Drogen, die einen Hund töten können.“ 

Heute ist Kratz natürlich überglücklich, dass sein Paul tags drauf schnell wieder der Alte war und es weiterhin geblieben ist. Länger weh getan habe die Klinik-Rechnung aus Duisburg und die bittere Erkenntnis, dass in der Millionenstadt Köln kein tierärztlicher Notdienst zu finden ist. „Wie kann das sein?“, frage ich. „Immer mehr Kliniken geben ihren Klinikstatus ab, weil sie die Auflage, täglich rund um die Uhr Notdienst anzubieten, aus Personalgründen einen nicht mehr leisten können.“ 

KStA abonnieren