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„Traust du dir das zu?“Kölner Pflegerin über Zweifel, Stress und Höhepunkte

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Doris Röhlich-Spitzer1

Doris Röhlich-Spitzer 

Sülz – Er saß am Ende des langen Flures im Rollstuhl. Der „hübsche Kerl“ sprach sie an: „Du komm mal her. Reich mir mal mein Wasser.“ Es stand vor dem Mann auf seinem Tablett. Doris Röhlich verspürte einen Widerwillen, fühlte sich überfordert: „Warum kann er das nicht selbst?“ Sie versuchte ihm seinen Wunsch zu erfüllen, mit zitternden Händen. Der Mann sagte, sie müsse nicht verunsichert sein. Nach drei Jahren im Rollstuhl habe er seine Situation akzeptiert.

Ausbildung zur Altenpflegerin mit 18

Doch Röhlich wollte am liebsten wegrennen. Sie war 18 Jahre alt, hatte keinen inneren Sicherheitsabstand. Vor einigen Tagen erst hatte sie ihre Ausbildung zur Altenpflegerin begonnen. Sie würde nun regelmäßig in solche Situationen geraten. Röhlich fragte sich: „Traust Du Dir das zu?“ Sie tat es schließlich, doch die Frage blieb ihr Leben lang, und so wurde sie nun zum Titel des Buches, das die Sülzerin in Zusammenarbeit mit dem Edigo-Verlag verfasst hat. Eigentlich sollte sie eine Abhandlung über die moderne Altenpflege verfassen. Nachdem der Verlag ihren Lebenslauf gelesen hatte, entschied er sich für eine Biografie.

Sie beginnt im Örtchen Warin bei Wismar. Die erste Kindheitserinnerung: das Rattern des Dreirads, mit dem Röhlich in ihrem Geburtsort über das Kopfsteinpflaster fuhr. Die zweite: ein Lied. „Cindy, oh Cindy.“

Den traurigen Song über Liebe und Abschied sang sie laut, als sie mit ihrer Mutter und ihren beiden Geschwistern aus der DDR floh: „Damit habe ich das ganze Flugzeug unterhalten“, so die heute 67-Jährige. Die neue Heimat der Vierjährigen waren die Riehler Heimstätten, wo der Vater nun als Oberpfleger arbeitet und die Familie eine Wohnung bezog, ein „Riesenreal“ mit viel Grün, hohe Bauten zwischen Ruinen, sehr wenigen Kindern, aber voller Ordensschwestern, älteren und behinderten Menschen.

Als Kind in den SBK gelebt

In der Vorweihnachtszeit war die kleine Doris bei der Bescherung in den Einrichtungen im Engelskostüm unterwegs, noch unbekümmert und ohne Berührungsängste. Angst und Selbstzweifel kamen mit dem Erwachsensein. „Doris, traust Du Dir das zu?“, den Satz hörte sie oft von ihrer Mutter, die nach der Flucht einen unstillbaren Hunger nach Sicherheit verspürte. Nichts sollte sich mehr ändern.

„Eigentlich sollten wir alle zuhause bleiben und keinen Schritt nach draußen machen“, erzählt Röhlich. Doch die Frage nach dem Sichtrauen, die stets in ihren Ohren klangt, hemmte sie nicht nur, sondern stachelte sie auch an.

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Doris wollte ihrer Mutter und sich selbst beweisen, dass die Antwort „Ja“ lautet. Nach ihrer Ausbildung übernahm sie mit 20 die kommissarische Leitung eines Pflegehauses für psychisch Erkrankte innerhalb der Riehler Heimstätten und dann im Alter von 29 Jahren die des Arnold-Overzier-Hauses in der Südstadt, damals ein ganz neues Haus mit 220 Plätzen. 18 Jahre setzte sie hier moderne Konzepte der Altenpflege um. Dann wollte sie einem „neuen Baby zum Laufen verhelfen“, wie sie es nennt. Sie übernahm die Leitung der Seniorenresidenz im Schlosspark von Bensberg. Doch sie scheiterte.

Leiterin im Clarenbachwerk

Dort konnte sie ihre Vorhaben nicht umsetzen, kündigte nach kurzer Zeit, war mit Anfang 50 auf dem Weg zum Arbeitsamt. Nach einer kurzen Phase der Selbstständigkeit kam dann aber ein Anruf einer Personalvermittlerin.

Diese suchte für das Clarenbachwerk in Köln eine Geschäftsführerin, eine Erneuerin, denn ein Kraftakt stand an: Die Einrichtungen mussten aufgrund des Wohn- und Teilhabegesetzes im Bestand komplett saniert werden, Doppelzimmer abgebaut, Einzelzimmer eingerichtet werden.

Röhlich galt als Verfechterin moderner Standards und Reformatorin „Bis Ende der 60er-Jahre wurden ältere Menschen eher verwahrt“, erläutert die Expertin, „überwiegend im Bett versorgt und gepflegt, bis sie verstarben. Die moderne Altenpflege orientiere sich hingegen an den Bedürfnissen der einzelnen Menschen und ihren individuellen Möglichkeiten, ermutige sie zur Selbstständigkeit, soweit es noch geht.

Bis 2018 leitete sie das Clarenbachwerk und weiß, wie viele helfende Hände in der modernen Pflege nötig sind. Der „Pflegenotstand“ schwebt wie ein Damoklesschwert über den neuen Errungenschaften. „300.000 Pflegekräfte werden benötigt bis 2030“, betont Röhlich. Den Bedarf zu decken, sei sehr schwierig, weil viel zu wenige den Beruf ergreifen möchten. „Ich setze auf bessere Bezahlung, kürzere Arbeitszeit, Karriereförderung – und vor allem mehr Anerkennung“, so die Fachfrau. Es ist so ein wunderbarer Beruf.“ Wenn man sich traut.

Doris Röhlich-Spitzer: Traust du dir das zu? Mein Leben in der Altenpflege, Köln, edigo Verlag,  256 Seiten, 20 Euro

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