Abo

Erinnern in Köln-SülzSchüler des Schiller-Gymnasiums entwickeln Stolperstein-Guide

3 min
Zwei Schüler stehen auf einer Straße, zwei haben Tablets in den Händen, einer spricht.

Elvin erzählt die Geschichte von Peter Max Blank.

Zehnt- und Neuntklässler haben einen Audioguide erstellt, der die Lebensgeschichten der Menschen hinter den Stolpersteinen in Sülz und Klettenberg erzählt.

Peter Max Blank war ein echter kölscher Jung. Nur so lässt es sich erklären, warum er später wieder in die Stadt zurückkehrte, von wo aus er vor den mordenden Nazis fliehen musste. Der 15-jährige Elvin, Schüler des Schiller-Gymnasiums, erzählt an diesem Morgen seine Geschichte. Er hat sie mit seinem Mitschüler Finn recherchiert. Denn seine Klasse 10 b hat sich im Geschichtsunterricht auf Spurensuche begeben und Biografien von verschiedenen Menschen erstellt, an die in Sülz und Klettenberg Stolpersteine erinnern. Die Schüler und Schülerinnen der Klasse 9 d haben die Texte anschließend im Fach Sozialwissenschaften per Sprachaufnahme vertont. In Gemeinschaftsarbeit ist ein Audioguide entstanden, der nun auf der Homepage des Schiller-Gymnasiums allen Interessierten zur Verfügung steht. 

Sülzer Schüler floh nach Belgien, überlebte später Auschwitz

An diesem Tag unternimmt die Klasse einen Spaziergang zu den Stationen, so auch zu dem Stolperstein an der Lohrbergstraße 27, der den Namen von Peter Max Blank trägt. Elvin klärt auf: Blank wurde 1920 geboren, besuchte das Gymnasium in Köln-Lindenthal, musste es als Jude mit 14 Jahren allerdings verlassen. Im selben Jahr starb seine Mutter an Krebs. Sein Vater floh mit beiden Söhnen 1936 nach Belgien und zog mit Peters Bruder weiter in den Spanischen Bürgerkrieg. Peter blieb in Antwerpen zurück und wurde nach dem Einmarsch der deutschen Truppen 1940 nach Frankreich verschleppt.

Dort schloss er sich dem französischen Widerstand an, wurde aber 1942 verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Er überlebt Zwangsarbeit, das Vernichtungslager sowie den Todesmarsch nach Dachau. Von dort konnte er fliehen und wurde am 1. Mai 1945 völlig entkräftet von amerikanischen Truppen im Wald aufgefunden. 1946 kehrte er nach Köln zurück und arbeitete als Journalist und Dokumentarfilmer. Elvin kann sich in den Mann hineinversetzen: „Er hat sicherlich sehr viel Willenskraft gebraucht, um nach dem, was er durchgemacht hat, noch weiterzuarbeiten“, sagt er.

Schülerinnen und Schüler stehen nebeneinander vor drei Stolpersteinen auf einem Bürgersteig an einer Straßenkreuzung.

Die Schüler und Schülerinnen der 10 b machten bei ihrem Stolperstein-Spaziergang Halt an der Lohrbergstraße 27.

Die Referendarinnen Melissa Befus und Natalie Burr, die das Projekt begleiten, finden das gut: „Die Schüler entwickeln durch die Eigenrecherche eine ganz andere Nähe zu dem Thema“, sagt Befus. Diese Art von Projektarbeit sei sehr wichtig für die Demokratiebildung und dafür, die jungen Menschen dazu zu befähigen, an eigenen Projekten zu arbeiten. Die Stolpersteine in der Nähe der Schule hätten sich als Betrachtungsobjekt angeboten, erzählen die angehenden Lehrerinnen. Die Stolperstein-App des WDR, die dem Stolpersteine-Projekt von Gunter Demnig für NRW zu einer digitalen Dimension verhilft, bietet Schulen eine Kooperation zur Mitarbeit an.

Leonardo Amaresco war Opernsänger und lebte in Klettenberg

Mit Hilfe von Materialien des NS-Dokumentationszentrums recherchierten die jungen Menschen noch fehlende Biografien für Stolpersteine im Viertel, beispielsweise zu dem an der Weisshausstraße 25: Marta und Alba, haben die Geschichte des Mannes, an den er erinnert, bildreich in einer Graphic Novel zusammengefasst und erzählen: Leonardo Amaresco, war ein bekannter Opernsänger und arbeitete beim WDR – bis er nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten entlassen wurde.

Er versuchte, sich mit Gastspielen im Ausland über Wasser zu halten, war aber auch dort nicht sicher und floh 1940 in die USA, wo er bereits im Alter von 48 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts starb. Ein Stolperstein, so haben die jungen Menschen herausgefunden, erinnert sogar an einen ehemaligen Schüler ihres Gymnasiums, Fritz Rosenwald, der vor dem Holocaust in die USA floh. Der liegt auf der Antwerpener Straße, ein bisschen zu weit weg für den Spaziergang. Seine Biografie ist aber in die Hintergrundinfos des Audioguides aufgenommen worden und er so nun wieder Teil der Schulgemeinschaft.

https://www.youtube.com/watch?v=usaqfknxHT8&t=2s