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Institution in SülzIn der „Wundertüte“ gibt's das wohl erste Kölner Raucherfenster

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Eine Frau mit kurzem Haar, Brille und Karo-Hemd sitzt an der Bar in einer geräumigen Kneipe.

Rosy Hagemeier sitzt ausnahmsweise auf der Gäste-Seite des Tresens in ihrer „Wundertüte“.

Die Wundertüte zog vor 15 Jahren von der Pfälzer Straße an den De-Noel-Platz und verbreitet dort ihren originellen Kneipen-Charme, der Jung und Alt anlockt.

Die grün umwucherte und mit Lichterketten reich verzierte Eckkneipe am De-Noel-Platz wird regelmäßig von neuen Kunden entdeckt. „Junge Menschen rufen an und möchten einen Tisch für zwei Personen reservieren“, erzählt Wirtin Rosy Hagemeier. „Ich frage dann: Ja, was wollt ihr denn machen?“ Die Antwort laute meist: „Nichts Besonderes.“ Und Rosy klärt auf: „Das hier ist eine Kneipe. Kommt einfach vorbei. Wir finden eine Ecke.“ Die „Wundertüte“ verbreitet rustikalen Kneipen-Charme wie man ihn nur noch selten findet in Sülz. Zwischen Vietnamesen, Italienern, Sushi und moderner Cross-Over-Gastronomie ist sie so gut gealtert wie ein edler Rotwein.

Die große Rückwand schmückt eine Fototapete, die eine längst vergangene Szene in einem französischen Lokal zeigt und für den französischen Anisschnaps Ricard wirbt. Über den Holztischen und gemütlichen Bankecken hängt geblümtes Bettzeug an der Decke, als unkonventioneller Schallschutz. Bilder und Plakate zeugen von vergangenen Ereignissen. „Annenmaykantereit“ sind auf einer großen Schwarz-Weiß-Aufnahme zu sehen. Die Kölner Band, die mittlerweile große Festivals rockt, gab in der Wundertüte ihr erstes Konzert. Doch die Kneipe ist noch viel älter als die drei jungen Musiker.

Eine Frau steht an einer Scheibe, die zwei Löcher zum Rauchen hat: Eins für den Kopf, eins für einen Arm.

Rosy Hagemeier steht am wie sie es nennt „ersten Kölner Raucherfenster“.

Rosy Hagemeier ist seit den 70er-Jahren ihre Wirtin. Sie stieg damals als Partnerin ein, als sich das Lokal noch an der Pfälzer Straße befand. Sein Name, erzählt Rosy, habe ihr der damalige Wirt als Anspielung auf einen Joint gegeben. Sie habe ihn behalten, weil sie ihn ganz passend fand für einen Ort, der Überraschungen bereithält. Als sie die Pfälzer Straße verlassen musste und an den De-Noel-Platz umzog, nahm sie Namen und Interieur mit, wie die Kupferummantelung, die heute den Tresen ziert, wo Gaffel-Kölsch gezapft wird. Die Speisekarte hat sie mittlerweile auf selbst gemachten Kartoffelsalat und selbst gebrutzelte Frikadellen geschrumpft. Die sind unverzichtbar: „Sobald es anfängt, danach zu riechen, sind sie schon fast weg“, erzählt Hagemeier.

„Trau Dich, Feigling“ - Bühne für junge Musiker in Köln-Sülz

Sonst schlägt sich der Einfallsreichtum im Programm nieder: Unter dem Titel „Trau Dich, Feigling“ steht in der Wundertüte eine Bühne regelmäßig aufstrebenden Musikern offen, die sich erstmals vor Publikum ausprobieren wollen. Die „Lesebühne“ Autoren und Autorinnen, um ihre Texte vorzustellen. Kleine Konzerte finden in der Kneipe statt und das „Table-Quiz“, bei dem die Gäste als Tisch-Teams um die Wette raten.

Bänke und Tische stehen auf einem Platz vor einer Kneipe.

Die Wundertüte liegt an einer ruhigen Ecke von Sülz am De-Noel-Platz, Ecke Nikolausstraße.

Als Hagemeier mit ihrer unkonventionellen Kneipe an das Sülzer Plätzchen zog, fand sie den Ort erst sehr ruhig. Das Viertel sei schon etwas bürgerlich, sagt sie. Aber es gäbe dort keinen Ärger mit den Gästen. „Ich kann mich aber auch immer noch gut durchsetzen.“ Mit ihren 72 Jahren ist die Wundertüten-Wirtin noch immer unangepasst. Sie hat sich nie widerspruchlos jeder Regel untergeordnet: „Als man mir verboten hat, in meiner eigenen Kneipe zu rauchen, habe ich eine Kiste Havanna-Zigarren gekauft“, erzählt Hagemeier. Mit Stammkunden habe sie diese am letzten Abend vor dem Verbot demonstrativ in der Wundertüte angezündet. „Die WDR- Lokalzeit war da“, erinnert sie sich.

Und so standen Ordnungsbeamte dann regelmäßig zur Kontrolle auf der Matte. Als Antwort entwickelte Hagemeier „das erste Kölner Raucherfenster“, eine Plexiglasscheibe, die ein Loch aufweist, damit Raucher den Kopf rausstrecken können, ein kleineres ist für die Hand, die die Zigarette hält. Die Gäste haben sich allerdings mittlerweile daran gewöhnt, zum Rauchen nach draußen zu gehen. Manche von ihnen kennt Hagemeier noch aus der Zeit an der Pfälzer Straße. „Sie sind vor mir nach Sülz gezogen, mit Kind und Kegel, und sitzen jetzt wieder als Single hier.“ Andere sind jung und haben die Kneipe gerade für sich entdeckt. Für ihre Wirtin ist das die perfekte Mischung.


Eine Frikadelle kostet 4 Euro, der Kartoffelsalat 5,50 Euro. Ein frisch gezapftes Gaffel-Kölsch ist für 2,20 Euro zu haben. Wundertüte, De-Noel-Platz 1, www.wundertuete.koeln