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Medaillen und MehrwegbecherWie der Köln-Marathon tonnenweise CO2 einspart

Lesezeit 5 Minuten
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So sehen die neuen Medaillen aus Holz aus, die die Teilnehmer im Ziel überreicht bekommen.

  • Am Sonntag, 13. Oktober, findet der Köln-Marathon statt. Die 23. Auflage des Großereignisses bringt einige Neuerungen mit sich.
  • Die größte: Die 28.000 Medaillen sind nicht mehr aus Metall, sondern aus Holz. Eine Designerin aus Wuppertal hat sie entworfen und produziert.
  • Auch die Müllmenge wollen die Veranstalter deutlich reduzieren. An den Verpflegungsstationen setzen sie 100.000 Mehrwegbecher ein.

Köln/Wuppertal – Der Rhein braucht am längsten. Ist eben wie das Leben. Ein langer ruhiger Fluss. 28.000-mal graviert der Laser ihn in die vorgefertigten Platten aus ungarischem Erlenholz. Nachhaltig und zertifiziert.

Nina Witte (38) ist schwer erleichtert. Und äußerst zufrieden. Rund zwei Wochen vor dem Start des 23. Köln-Marathon am kommenden Sonntag ist sie auf der Zielgeraden ihres persönlichen Marathons angekommen. Die letzten 160 von 28.000 Medaillen sind in der Mache.

Seit Mitte Juli hat die Kommunikationsdesignerin aus Wuppertal täglich zehn Stunden auf zehn Quadratmetern verbracht. In einem Nebenraum der Tischlerei Holzig – die heißt wirklich so. Im Ortsteil Vohwinkel, direkt neben dem Knast. Freigang höchstens am Wochenende.

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Wieder und wieder hat Nina Witte eine neue Holzplatte für 30 Medaillen in den Laserprinter gespannt, graviert, den Rohling ausgeschnitten, die feinen Holzreste weggefegt, jede einzelne per Hand mit einem Lederbändchen versehen. Und damit etwas geschaffen, das bei den großen Stadt-Marathonläufen in Deutschland einmalig ist. Eine Medaille aus Holz.

Hochwertiges Material. Mit der passenden Streckengrafik, der 21 für den Halbmarathon, der 42 für den Marathon oder als Vierer-Set für die Staffeln. Mit den eingravierten Buchstaben K – Ö – L – N. „Die Staffelläufer müssen sich halt untereinander einigen, wer im Ziel welchen Buchstaben bekommt“, schmunzelt Witte.

Ob die Holz-Auszeichnung bei den Läufern ankommt, die über all die Jahre schwere Medaillen aus Metall gewohnt waren und diesmal nach dem Ziel auf der Komödienstraße mit einem Stück Holz um den Hals nach Hause humpeln werden?

Zwei Absagen 

„Ich hoffe, dass wir damit genau im Trend liegen“, sagt Renndirektor Markus Frisch. Auch wenn es in den sozialen Netzwerken ein paar Proteste gibt und zwei Läufer aus Lübeck die Teilnahme abgesagt haben. Für ein Stück Holz kämen sie nicht nach Köln. „Laufen ist neben dem Schwimmen die einfachste und reinste Sportart. Man braucht fast nichts, keine Fläche, theoretisch nicht mal Schuhe“, sagt Frisch.

In dem Bemühen, eine Massenveranstaltung wie den Köln-Marathon möglichst umweltfreundlich zu gestalten, haben die Organisatoren 2019 einen Riesenschritt nach vorn getan. Das offizielle Laufshirt besteht aus einem Gemisch von Holzfasern und Bio-Baumwolle und wurde in der Europäischen Union aus 100 Prozent nachhaltigem Material hergestellt.

Die Führungsfahrzeuge für die Spitzenläufer werden schon seit Jahren elektrisch angetrieben, mit der Startnummer verbunden sind die freie Fahrt mit Bus und Bahn im gesamten Verkehrsverbund – und das für die ganze Familie.

Das größte Problem jedoch bleiben die 400.000 Becher, die an den elf Verpflegungsstationen und im Zielbereich ausgegeben werden. „Wir werden im Ziel und als Versuch auch an einer Verpflegungsstation vor dem Rautenstrauch-Joest-Museum auf Mehrwegbecher umstellen“, sagt Markus Frisch. 100.000 hat die Rhein-Energie angeschafft. Die restlichen 300.000 sind aus Pappe und sollen recycelt werden.

Fangnetze an Verpflegungsstationen

Überdies wird es an allen elf Stationen eigens von den Abfallwirtschaftsbetrieben hergestellte Fangnetze geben, um die Müllflut einzudämmen. Sechs bis acht Netze pro Station, drei bis vier pro Seite. „Wir haben Becherengel im Einsatz, die möglichst alles aufsammeln, was an Mehrwegbechern doch auf der Straße landet. Auch da müssen wir testen. Wir wissen ja nicht, wie lange ein Läufer den Becher in der Hand hält. Und wann er ihn wegschmeißt.“ Die Mitarbeiter der Müllabfuhr werden die Netze mit Saugern leeren. Das Ziel ist eine möglichst hohe Recyclingquote.

Wie schwierig das ist, hat sich beim Berlin-Marathon vor zwei Wochen gezeigt. Dort waren mehr als 46.000 Läufer aufgefordert, die gebrauchten Becher in Müllcontainer zu werfen. Das Ergebnis war niederschmetternd. In Köln hofft man, dass die großen Fangnetze besser angenommen werden. „Wir werden daraus lernen und ab 2020 ganz auf den Mehrwegbecher umsteigen, wenn das Experiment einigermaßen glückt“, sagt Frisch.

Läuferin und Designerin

Man muss auch mal etwas riskieren. Nina Witte weiß, wovon sie spricht. Im Jahr 2010 ist sie in Köln ihren ersten Marathon gelaufen. In vier Stunden, 28 Minuten und 37 Sekunden. „Das war der ausschlaggebende Grund, warum ich mich selbstständig gemacht habe. Ich habe mir gesagt, wenn ich das schaffe, habe ich Ausdauer, Disziplin, Durchhaltevermögen und Ehrgeiz beweisen. Vier Eigenschaften, die ich brauche, um selbstständig zu sein. Das bin ich jetzt erfolgreich im neunten Jahr und bin noch zwei weitere gelaufen.“

Die letzten Holzmedaillen sind fertig. Wittes Ein-Frau-Unternehmen läuft auf Hochtouren: Ihre Geschäftsidee, Design und Sport zu verbinden, hat durch den ersten Großauftrag des Köln-Marathon eine Bestätigung gefunden. „Ich habe irgendetwas Alltagstaugliches gesucht, diese Streckengrafiken faszinieren mich. Deshalb eine Marke daraus gemacht.“

Unter dem Label „Deine Strecke“ produziert Witte alles, was den Läufer ansprechen könnte. Sie graviert Zeiten und Strecken auf Schlüsselanhänger oder Armbänder aus Acryl, stellt Handyhalter her, Boxen mit einen Design aus gesammelten Startnummern, in denen der Marathonläufer seine Medaillensammlung adäquat aufbewahren kann. „Die müssen ja nicht in einem schnöden Schuhkarton verschwinden.“

23 Tonnen CO2 gespart

Vom Erfolg ihrer Holzmedaille ist Witte überzeugt. Weil allein bei der Produktion im Vergleich zu den Vorgängern aus Metall, die in Südafrika unter hergestellt wurden, 23 Tonnen CO2 eingespart werden konnten. „Sie waren aus Zink, insgesamt 1,3 Tonnen, der dort im Tagebau unter problematischen Arbeitsbedingungen gefördert wird“, sagt Renndirektor Frisch. „Das wollten wir so nicht mehr.“

Dass die neuen deutlich leichter sind, sei nicht von Nachteil. „Das Gewicht einer Medaille hat mit deren Wert doch nichts zu tun“, findet Witte. Die Leute seien schwere Metallmedaillen gewohnt, „aber deshalb haben wir auf der Rückseite extra vermerkt, dass diese Medaille aus nachhaltiger Forstwirtschaft kommt. Schließlich befindet sich die Welt im Umbruch.“ Nina Witte wird am Sonntag beim Halbmarathon starten. „Ich werde mir meine eigene Medaille erlaufen und stolz darauf sein.“

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