Die Ahmadiyya-Gemeinde in Niehl traf sich zum Neujahrsputz – und reagierte damit auf die „Stadtbild“-Aussage von Friedrich Merz. Ein Besuch im Kölner Norden.
Besuch in einer Niehler Moschee„Warum sollten diese Menschen die Oberhand gewinnen?“

Gehören auch zu Deutschland: Imam Shakeel Ahmed der Ahmadiyya-Gemeinde in Köln-Niehl mit den Männern und Jugendlichen der Gemeinde.
Copyright: Arton Krasniqi
Die Bait-un-Nasr-Moschee in Köln gilt als liberal, die Gläubigen als engagiert. Obdachlosenspeisungen, Blutspendeaktionen, Charity Walks – nicht ohne Stolz zählt Shakeel Ahmed Mahmood, der Imam der Gemeinde, auf, was hier alles für das Allgemeinwohl getan werde. Manches ist neu dazugekommen, anderes schon älter. Der Neujahrsputz etwa, den mache man schon über 30 Jahre. Es sei Teil ihres Glaubens, auch den Ort, an dem man lebe, sauber zu halten, erläutert Mahmood. Also treffe man sich einmal im Jahr, mit Greifzangen und Handschuhen, mit Besen und Schaufeln und natürlich Müllsäcken, und räume im Veedel auf. Und dann kam Friedrich Merz.
Es gebe da diese „Probleme im Stadtbild“ so der Bundeskanzler im Oktober vergangenen Jahres auf einer Pressekonferenz, und trat damit eine Debatte los über die, die vermeintlich zu diesem Stadtbild gehören, und eben jene, die das angeblich nicht tun.
Mahmood und die anderen Gläubigen nahmen sich die Aussagen zum Motto – ebenso wie 15.000 andere Muslime, so teilte es die Ahmadiyya-Gemeinde mit. Zu dem Verband gehören neben der Bait-un-Nasr-Moschee noch rund 70 andere islamische Gotteshäuser bundesweit und mehr als 55.000 Mitglieder.
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Jeder Schritt unter Beobachtung
Die Gläubigen verschönerten auch am diesjährigen Neujahrstag das Stadtbild. Das machen sie schon seit 30 Jahren am 1. Januar. Ein Stadtbild, in dem vor allem für männliche muslimische Jugendliche wie jene aus Niehl oft kein Platz vorgesehen ist – so empfinden es viele hier zumindest. Wie fühlt es sich an, wenn man von Geburt an argwöhnisch beäugt wird?
„Ich bin hier geboren, ich identifiziere mich als Deutscher, aber ich sehe nicht aus wie einer – und deswegen kriege ich des Öfteren Sprüche gedrückt wie ‚Du kannst ja echt gut Deutsch“‘, erzählt der 17-jährige Ischarab Malik. So geht es ihm damit, dass er für manche nicht ins Stadtbild passt.

Imam Shakeel Ahmed Mahmood und Männer und Jugendliche der Gemeinde beim Fototermin im Gebetsraum. Den Slogan „Wir sind alle Deutschland“ tragen sie auf ihren T-Shirt.
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Fremd im eigenen Land
Es gehe ihnen darum, Vorurteile abzubauen, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, positiv aufzufallen – etwa durch ihr Engagement, sagen die Jugendlichen. Ankämpfen müssen sie dabei gegen ein Bild ihrer Religion, für das sie selbst nichts können. „Es ist uns wichtig, ein Statement gegen Gewalt zu setzen. Unsere Religion ruft dazu nicht auf, unsere Religion steht für Frieden“, sagt Shakeel Ahmed Mahmood.
Das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen, das Gefühl, in einer Bringschuld zu stehen, hätten sie trotzdem nicht. Man würde den Neujahrsputz nicht machen, weil er erwartet würde – man lebe lediglich den eigenen Glauben aus, so Subhi Rana. „Wir machen das schon immer so. Unser Glaube sagt, dass wir den Menschen zu dienen haben.“ Die Männer in der Bait-un-Nasr-Moschee in Köln-Niehl wollen die Deutung ihrer Identität durch andere nicht widerspruchslos hinnehmen.Der Glaube sei nur ein Teil davon.
Auf einem Tisch im Nebenraum des Gebetsraums liegen verstreut Pappbecher, eine Flasche Wasser und die Takke – die Kopfbedeckung des Imam. Sechs Männer, sechs Geschichten, ein Schicksal: Sie alle kennen das Gefühl, als Fremde im eigenen Land behandelt zu werden. „Wir sind hier geboren, hier aufgewachsen, wir alle waren fast nie in dem Land, aus dem unsere Eltern kommen. Wir fühlen uns als ein Teil Deutschlands“, stellt Shakeel Ahmed Mahmood klar.
Träume auf Deutsch
Er habe damit gelernt, zurechtzukommen, sagt Ischarab Malik, er ziehe jetzt Grenzen. Spricht er, klingen gleichzeitig Kummer, Reife und Trotz mit. „Ich bin een kölsche Jung“, sagt er. Er träume sogar auf Deutsch.
Während Subhi Rana, 52, Anfeindungen versachlichen und damit neutralisieren kann, sodass sie schließlich an ihm abprallen, scheinen die Jugendlichen mitgenommen von dem, was sie im Alltag erfahren. „Wenn ich mit Freunden in die Bahn steige und wir lachen, etwas laut sind, bekommen wir böse Blicke. Bei einem, ich sage mal, Bio-Deutschen, heißt es dann: ‚Wie schön, dass er was zu lachen hat, wie schön, dass er Spaß hat am Leben‘“, berichtet Saboor Attaul, 24 Jahre alt.
Trotzdem oder gerade deswegen, wollen Iman Shakeel Ahmed Mahmood und die Jugendlichen seiner Gemeinde nicht aufhören, gegen Vorurteile anzuarbeiten. „Warum sollten diese Menschen, die Oberhand gewinnen?“, wirft der Imam ein.

