Roswitha und Willi Schäfer haben ihre Mülheimer Dachterrasse zu einem Ort gemacht, der die ganze Familie seit Jahrzehnten zusammenhält.
„Was haben wir hier gefeiert...“Eine Dachterrasse für die Mülheimer Großfamilie
Wenn Willi Schäfer alle Blumen auf der Dachterrasse gießt, ist das keine schnelle Nummer. Eine Dreiviertelstunde ist er unterwegs mit der Gießkanne, holt neues Wasser, verteilt es an alles, was dort grün ist und oder blüht. Immer wieder legt der 91-Jährige kleine Päuschen ein auf seiner Gieß-Runde – Sitzecken gibt es hier reichlich, auf der Dachterrasse in der Stegerwaldsiedlung in Mülheim.
Und das ist gut so, denn das Zusatzzimmer der Schäfers ist groß. Nicht ein bisschen größer, sondern sehr. Geschätzt: tennisplatzgroß. Blumen, Sitzecken, Hollywoodschaukel im vorderen Teil, der direkt am Haus liegt. Wäscheständer, Nutzgarten und Feigenbaum im hinteren. Getrennt sind beide Bereiche durch einen kleinen Holzzaun.
Roswitha und Willi Schäfer sind seit 1956 verheiratet. Seit 1973 leben sie in dem Haus in der Stegerwaldsiedlung, das sie selbst gebaut haben. Die Familie betrieb hier lange Jahre einen Supermarkt – erst Willis Eltern im Nachbarhaus, dort, wo heute das „Radieschen“ ist. Und mit dem neuen Haus zog auch der Supermarkt um. „Bei Schäfers gibt es alles, haben die Leute früher immer gesagt“, erzählt die 91-Jährige. „Wir hatten eine große Fleischabteilung, da waren am Wochenende fünf Frauen im Einsatz“, ergänzt ihr Mann. Fleisch im Supermarkt, damals war das etwas Besonderes. „Wir haben keine 40 Stunden in der Woche gearbeitet, bei uns wurden es immer 60“, sagt er. Morgens um sieben öffneten sie den Laden und kümmerten sich darum, dass die Leute vor der Arbeit Frikadellen und Kotelett bekamen.

In Teilen sind die Schäfers Selbstversorger: Zucchini, Gurken, Kohlrabi, Tomaten, alles da
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Die Tennisplatz-Dachterrasse befindet sich über der kompletten Fläche des früheren Supermarktes, in dem sich heute ein türkischer Möbelladen befindet. „So groß war sie allerdings nicht von Anfang an, mit den Jahren haben wir die vergrößert“, erzählt Roswitha Schäfer.

Acht bis zehn Kilo Feigen wirft der Baum pro Jahr ab
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Die Blumenkästen, die heute die Brüstung säumen, sind rund 40 Jahre alt. Plastik, aber robust. Früher standen mal schwere Waschbetonkübel in der Mitte, darin wuchs Wein – den ernteten sie gemeinsam mit Freunden und kelterten ihn selbst. Ob er geschmeckt hat? Roswitha Schäfer lacht: Hat er nicht.
Allmählich entwickelte sich aus der Terrasse ein kleines Gesamtkunstwerk: Dahlien in allen Farben, Basilikum, Verbene, Chrysanthemen, Weihrauch, der langsam die Brüstung hinunterwächst. Auf der einen Seite des Zauns Blumen, auf der anderen Gemüse – Tomaten, Gurken, Salat, Kohlrabi, „der wird so groß, dass eine Familie davon satt wird und man noch was einfrieren kann“, erzählt Roswitha Schäfer. Und dann der Feigenbaum, der acht bis zehn Kilo im Jahr abwirft.

Auch Hennes hat sein Zuhause auf der Dachterrasse
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Für Roswitha und Willi Schäfer war die Terrasse nie nur ihr eigener Rückzugsort. Sie war immer auch der Ort, an dem die Familie, an dem die Freunde zusammenkamen. „Was haben wir hier gefeiert...“, sagt Roswitha Schäfer. „Wir hätten das viel mehr im Bild festhalten müssen.“ Zu Hochzeiten, wie jüngst bei einem Enkel, der nicht in eine Gaststätte gehen wollte und seine Oma fragte, ob sie nicht auf der Terrasse feiern dürften. Zum 90. Geburtstag, den das Paar im vergangenen Jahr beging. Zum 1. Mai und bestimmt auch im Juni, wenn Schäfers 70. Hochzeitstag ansteht. Dann wird der Tisch aus dem Keller geholt, den Schäfers „Pastorentisch“ nennen und den man so lang ausziehen kann, dass 18 bis 20 Menschen daran Platz nehmen können.
Die Familie der Schäfers ist groß, sie braucht viel Platz: Denn die beiden haben drei Töchter, sechs Enkelkinder, sieben Urenkel – und alle kennen diese Terrasse seit ihrer Kindheit. Für die Enkelkinder stand hier einmal sogar ein Schwimmbecken, rund drei Meter groß und mitten auf dem Dach. Roswitha Schäfer hatte Sorge wegen der Statik, ob das Ganze hält oder sie am Ende doch das viele Wasser unten im Supermarkt hat. Es hat gehalten, aber sie war froh, als das Riesending wieder weg war.
Den Schäfers gibt ihre Dachterrasse bis heute ein großes, im Wortsinne, Stück Freiheit. Besonders unmittelbar gemerkt haben sie das während der Pandemie. Sie mussten nicht raus, sondern konnten damals einfach eine der Türen öffnen, die zu ihrem Draußenzimmer führen, und waren in der Natur. Denn: Wer auf Schäfers Dachterrasse sitzt, sieht nicht auf Häuser, sondern rundherum nur Grün, hört keinen Straßenlärm, sondern Vogelgezwitscher. „Es ist ein absoluter Genuss, wenn man abends hier raus kann“, sagt Roswitha Schäfer.

Die Dachterrasse der Schäfers in Mülheim von einem weiteren Balkon aus
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Eine Tochter der Schäfers lebt ebenso im Haus wie ein Enkelsohn mit Familie. Der hat immer klar gesagt, so erzählt seine Partnerin Julia, die im vergangenen Jahr aus Bayern nach Köln zog: „Solange Oma und Opa leben, ziehe ich hier nicht weg.“ Wenn besondere Arbeit anfällt, hilft ohnehin die Familie mit. Roswitha und Willi sollen nicht mehr auf Leitern herumklettern, Schweres sollen sie auch nicht mehr heben, Gießen ist okay, wenn es nicht zu heiß ist und die beiden Pausen machen.
Ausreichend Sitzgelegenheiten gibt es ja auf ihrer tennisplatzgroßen Dachterrasse.
Die Stegerwaldsiedlung
Von 1952 bis 1956 ließ die Deutsche Wohnungsgesellschaft (Dewog) zwischen dem Pfälzischen Ring, der Deutz-Mülheimer Straße und Bahngleisen ein neues Quartier mit 1677 Wohneinheiten für rund 6000 Menschen errichten. Notwohnungen auf einer Industriebrache der Vereinigten Stahlwerke van der Zypen und Wissener Eisenhütten AG waren dafür abgebrochen worden. Die früheste Kölner Großsiedlung nach dem Krieg lag damals auf Deutzer Gebiet, wurde aber in den 1970er Jahren Mülheim zugeschlagen, was vielen Bewohnern missfiel.
Zur Erstausstattung zählten ein Kindergarten und eine Schule, außerdem Kirchen, Altenwohnungen und Wohnheime für Ledige. „Die Siedlung war autark“, sagt Manfred Moll, Hobby-Historiker und von 1954 bis 1973 in der Stegerwaldsiedlung zu Hause. Metzgerei, Sparkasse, Apotheke oder Post– alles für den täglichen Bedarf sei vorhanden gewesen.