In drei Worten, wie war das erste Jahr?
Aufregend, arbeitsreich, spaßig.
Inwiefern?
Ganz am Anfang war es unfassbar viel auf einmal. Ich habe im Juni als Rechtsanwalt angefangen und keine 4 Monate später haben wir Koalitionsverhandlungen geführt. Einen Monat danach wurde ich gewählt. Es war für alle eine neue Situation, nicht nur für mich, auch für die Verwaltung, für den Stadtbezirk, die Politik. Jeden Tag gab es irgendwas Neues, in das ich mich einarbeiten musste. Es gibt viele Dinge anzupacken und es macht großen Spaß.
Vincent Morawietz ist seit einem Jahr Mülheims Bezirksbürgermeister
Wie fühlt es sich an, der jüngste Bezirksbürgermeister in Köln zu sein?
Ich nehme nicht wahr, dass ich anders behandelt werde als die Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Bezirken. Im Alltag werde ich immer mal wieder drauf angesprochen. Ich freue mich vor allem, wenn es jüngere Leute bemerken und sie dann etwas offener mit mir reden.
Inwiefern ist die Arbeit, wie Sie sich sie vorgestellt haben?
Ich habe zuletzt häufig dran denken müssen, dass ich zu meiner Verlobten damals meinte, es seien zwei Termine pro Woche mehr in etwa. (lacht)
Es sind wesentlich mehr Termine wahrzunehmen als gedacht und es ist wesentlich mehr Austausch mit der Verwaltung nötig, als ich dachte. Ich habe den Satz „Am Geld hängt alles“ noch nie so sehr verstanden wie im letzten Jahr, weil das oft der entscheidende Faktor ist. Ich muss ständig gucken, was in dieser Haushaltslage umsetzbar ist und freue mich, wenn ich vermittelnd wirken kann.
Mülheims Bezirksbürgermeister freut sich vermitteln zu können
Gerade diesen Vermittlungsaspekt hatten Sie sich bei Ihrem Amtseintritt vorgenommen. Was von dem, was Sie sich vorgenommen haben, funktioniert gut?
Ich bin froh, dass es viele Projekte gibt, bei denen ich ursprünglich die Befürchtung hatte, da knallen verschiedene politische Ansichten aufeinander, wo wir dann aber doch gut zusammengearbeitet haben. Zum Realismus gehört aber auch, zu sagen, es wird nie eine Politik geben, hinter der sich alle versammeln können. Das muss man in einer Demokratie aushalten.
Und wo stoßen Sie bei ihren Vorhaben an Grenzen?
Wenn es ums Geld bzw. um Ressourcen geht, die schlicht nicht zur Verfügung stehen und deshalb kein Handlungsspielraum existiert. Das kann schon sehr frustrierend sein.
Was sind die drei größten Herausforderungen in Mülheim?
Es gibt zu wenig Wohnraum. Wir sehen zwar Bewegung in einem Teil des Mülheimer Südens, aber es gibt noch genug Grundstücke, die mir Bauchschmerzen bereiten.
Das zweitgrößte Problem ist aktuell das Sicherheitsgefühl. Ich bin regelmäßig mit der Polizei im Austausch - die Kriminalitätszahlen sinken insgesamt im Stadtbezirk, auch am Wiener Platz sind sie runtergegangen, seitdem wir Videobeobachtungen dahaben. Aber viele Leute haben Angst, auch aufgrund dessen, was sie in den vergangenen Tagen und Wochen gehört haben. Man muss das Thema Sicherheit sachlich und ernsthaft angehen – und dabei insbesondere die organisierte bzw. Drogenkriminalität im Blick haben.
Wohnraum, Sicherheit und Verkehr beschäftigen Vincent Morawietz in Mülheim
Der Verkehr ist auch eine große Herausforderung. Ich mache drei Kreuze, wenn die Mülheimer Brücke in 2 Jahren hoffentlich fertig ist. Und gleichzeitig merken wir einfach, dass die Leute in den Randgebieten immer noch zu lang brauchen, um im Alltag unterwegs zu sein.
Und was sind die 3 größten Chancen des Stadtteils?
Der Wohnungsbau. Zu wenig Wohnraum bedeutet hohe Mieten. Aber es gibt in Mülheim viele Möglichkeiten für mehr und bezahlbaren Wohnraum, die genutzt werden müssen. Eine weitere Chance ist, wenn wir unsere Plätze aufwerten und beleben – das stärkt die Lebensqualität. Und eine der größten Chancen in Mülheim ist natürlich unsere starke Vereinskultur. Die verschiedenen Vereine erhalten Kultur und Brauchtum in ihren Veedeln und sorgen dafür, dass die Nachbarschaft zusammenhält. Dafür brauchen sie aber auch die entsprechende Infrastruktur.
Wie nehmen Sie Mülheim und die Menschen wahr?
Super. Ich nehme die Menschen in Mülheim sehr aufgeschlossen wahr. Sie wissen, was sie für sich und ihren Stadtteil wollen, sie hören sich aber auch gerne andere Perspektiven an.
Sie haben dieses Jahr eine Bürgersprechstunde eingeführt. Wie sind Ihre Erfahrungen damit?
Die Nachfrage nach Terminen ist mittlerweile recht hoch und ich finde es sehr interessant, aber auch hilfreich. Ich höre den Menschen zu und weiß dann, wie sie zu bestimmten Themen stehen, die wir in der Politik besprechen.
Zuletzt: Sind Sie froh über die Entscheidung, das Amt angetreten zu haben?
Ja. Es ist ein unfassbar großes Privileg und ich bin dankbar, dieses Ehrenamt ausüben zu dürfen. Ich habe in letzter Zeit häufig überlegt, was meine Bilanz nach einem Jahr ist. Es wird das Waldbad Dünnwald weiterhin geben. Am Flachsrosterweg fahren nächstes Jahr hoffentlich wieder die Autos über die Brücke. Wir haben jetzt einen Sparkassenbus für die Stegerwaldsiedlung. Die Notschlafstelle für obdachlose Jugendliche im Don-Bosco-Club bleibt erhalten. Ich freue mich, wenn nächstes Jahr hoffentlich ein Bouleplatz auf dem Piccoplatz in Holweide kommt. Aber es steht noch viel mehr an. Ich hoffe, die Menschen freuen sich in vier Jahren auch, dass ich es gemacht habe.

