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Nach Priscilles TodEhemalige Patientin schildert Missstände in LVR-Klinik Merheim

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Die LVR-Klinik in Köln-Merheim

Drogen, Diebstahl und Verwahrlosung: Eine junge Frau kritisiert auf Tiktok Zustände in der Merheimer Klinik.

Fast 20 Mal war Natalja, die sich auf Tiktok „inner.lich“ nennt, nach eigenen Angaben zwischen 2019 und 2021 Patientin in der LVR-Klinik in Köln-Merheim. Auf der Internetplattform berichtet sie nun über ihre Erfahrungen. Nach ihrer Erinnerung seien die Stationen oft verwahrlost und dreckig gewesen, es habe nach menschlichen Ausscheidungen, Schweiß und Desinfektionsmittel gerochen. In den ersten Nächten habe sie mangels eines eigenen Zimmers auf dem Gang schlafen müssen, während andere Patientinnen und Patienten an ihrem Bett vorbeiliefen. Dabei sei sie auch angefasst worden, so ihre Erinnerung.

Das kürzlich veröffentlichte Video rückt erneut die Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Merheim in den Fokus. Die Akutpsychiatrie versorgt Menschen in schweren psychischen Krisen, die unmittelbar Hilfe benötigen. Wie berichtet starb dort Ende Mai die 26-jährige Priscille K., während sie an ihrem Bett fixiert war. Woran genau sie gestorben ist, ist bislang ungeklärt: Ergebnisse der Obduktion und ein toxikologisches Gutachten stehen noch aus. Die Staatsanwaltschaft Köln hat ein Todesermittlungsverfahren eingeleitet, um zu prüfen, ob ein Fremdverschulden vorliegt. „Im Rahmen dieser Prüfungen wird selbstredend auch die Frage, ob etwaige Fixierungs- und Überwachungsmaßnahmen, deren Art und Weise und weitere in diesem Zusammenhang getroffene Maßnahmen rechtens und verhältnismäßig waren, in den Blick genommen“, so die Staatsanwaltschaft.

Patientin berichtet von Übergriffen

Natalja berichtet auf Tiktok ebenfalls über Fixierungen. „Ich wurde zum Teil über 24 Stunden lang in einem Raum isoliert, in dem es nichts gab außer einem Bett und einem Fenster zum Pflegezimmer“, sagt die junge Frau. „Sehr sporadisch wurde dort mal durchgeschaut. Die Überwachung während der Fixierung habe ich insgesamt aber als sehr miserabel in Erinnerung.“ Eine Nachbesprechung habe es nicht gegeben, obwohl die Erfahrung für sie traumatisierend gewesen sei. Statt therapeutischer Gespräche habe es in Krisenmomenten häufig Beruhigungsmittel gegeben, darunter das Benzodiazepin Tavor. Die Folge seien tagelange Erinnerungslücken und ein Gefühl permanenter Benebelung gewesen. „Ich wurde im Prinzip ein Zombie“, sagt sie in dem Video.

Zudem berichtet die junge Frau von offenem Drogenkonsum auf der Station: Nach ihrer Beobachtung seien regelmäßig Kokain und Haschisch konsumiert worden. Auch Diebstahl sei in der Klinik nach ihrer Erfahrung ein ständiges Problem gewesen. Wertsachen habe sie daher mit ins Bett genommen, sogar ihre Schuhe. Mehrfach sei sie in ihr Zimmer gekommen und habe eine fremde Person in ihrem eigenen Bett vorgefunden. „Es gab keine Rückzugsorte“, sagt sie, „ich war in ständiger Alarmbereitschaft.“ Wiederholt sei es nach ihrer Beobachtung zu aggressivem Verhalten und körperlichen Übergriffen durch Mitpatientinnen und Mitpatienten gekommen, ohne dass sie sich von der Pflege geschützt gefühlt habe.

Wenn so viele Menschen unabhängig voneinander von ähnlichen Erfahrungen berichten, dann können wir das nicht einfach als Einzelfälle abtun. Das ist systemisches Versagen.
Natalja, „inner.lich“, auf Tiktok

Auf Nachfrage unserer Redaktion äußerte sich die LVR-Klinik nun zu den konkreten Vorwürfen. „Wir nehmen die Schilderungen der ehemaligen Patientin sehr ernst“, sagte eine Sprecherin der Klinik. Einzelne konkrete Situationen könne man heute ohne Kenntnis der jeweiligen Behandlungsverläufe nicht bewerten, auch weil sie mehrere Jahre zurückliegen. Eine unabhängige Verifizierung der Schilderungen aus den Videos war auch unserer Redaktion nicht möglich.

Selbstverständlich tut die Klinik alles, damit diese Rahmenbedingungen nicht zu einer Unterschreitung notwendiger Standards bei Behandlung, Sicherheit und Betreuung führen.
LVR-Klinik Merheim

Einige angesprochene Probleme seien der Klinik jedoch bekannt und man habe bereits darauf reagiert, heißt es auf Nachfrage. So seien etwa die Patientenzimmer auf zwei geschützten Stationen inzwischen mit abschließbaren Spinden ausgerüstet und durch ein technisches Zugangssystem gesichert. Dies solle vor Diebstahl und dem unerlaubten Betreten von Zimmern schützen. Die Zahl der Diebstähle sei durch diese Maßnahmen signifikant zurückgegangen, teilt die Klinik mit.

Zwangseingewiesenen Patientinnen und Patienten, die meist von der Polizei oder dem Rettungsdienst in die Klinik gebracht werden, könne man nicht abweisen – auch wenn bereits alle Plätze auf den Stationen belegt seien. „Dadurch kommt es zeitweise zu Überbelegungen, die für Patientinnen, Patienten und Mitarbeitende eine erhebliche Belastung darstellen“, sagt die Klinik. „Selbstverständlich tut die Klinik alles, damit diese Rahmenbedingungen nicht zu einer Unterschreitung notwendiger Standards bei Behandlung, Sicherheit und Betreuung führen.“ 

65 offizielle Beschwerden im vergangenen Jahr

Verschmutzungen und Mängel am Mobiliar seien trotz täglicher Reinigung möglich, beispielsweise „wenn Patienten im wahnhaften Erleben eine Reinigung nicht zulassen können“, so die Klinik. Mitarbeitende seien bemüht, schnellstmöglich Abhilfe zu schaffen. Der LVR-Klinikverbund habe zudem aus eigenen Mitteln in den vergangenen Jahren erhebliche Summen investiert, um die bauliche Situation in seinen Kliniken zu verbessern, so die Sprecherin weiter. Auch in der Merheimer Klinik seien mehrere Neu- und Umbauten geplant.

„Erfahrungsberichte, wie die der Patientin aus dem Tiktok-Video, sind immer Anlass, zu prüfen, wo Versorgung verbessert werden muss“, sagt die Klinik. 2025 gingen nach Angaben der Klinik 65 offizielle Beschwerden von Patientinnen und Patienten der LVR-Klinik ein, die im Durchschnitt innerhalb von knapp sieben Tagen beantwortet wurden. Im selben Zeitraum wurden laut Klinik rund 6000 stationäre und 4000 ambulante Patienten dort behandelt.

Demo am Samstag geplant

Das Video der jungen Frau löste online große Resonanz aus: Nach ihren Angaben haben sich in den Kommentaren zu dem Video Hunderte Menschen gemeldet – ehemalige Patientinnen und Patienten der LVR-Klinik und aus anderen deutschen Psychiatrien, aber auch ehemalige Mitarbeitende, die von ganz ähnlichen Beobachtungen berichten: verwahrloste Stationen, Gewalt, Sedierung, Isolation, fehlender Schutz. „Wenn so viele Menschen unabhängig voneinander von ähnlichen Erfahrungen berichten, dann können wir das nicht einfach als Einzelfälle abtun“, sagt Natalja. „Das ist systemisches Versagen.“

Unterdessen wächst der öffentliche Druck auf die Klinik. Im Fall der 26-jährigen Priscille hat sich derweil ein Bündnis gegründet:  „Justice4Priscille“ hat eine Demonstration organisiert, um auf den Fall der 26-Jährigen aufmerksam zu machen. Die Demo soll am Samstag, den 26. September, um 18 Uhr auf dem Bahnhofsvorplatz stattfinden.