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Mein VeedelVom Schwarzwald nach Nippes – Wie Köln-Imi Christoph Sieber sein Veedel lieben gelernt hat

6 min
Ein Mann mit Sonnenbrille und bunter Jacke sitzt auf einer Bank, im Hintergrund ist der Altenberger Hof in Nippes zu sehen.

Der Nippeser Kabarettist Christoph Sieber ist der Gastgeber der Sendung Mitternachtsspitzen. Hier sitzt er im Nippeser Tälchen. 

Christoph Sieber stammt aus einem Dorf im Schwarzwald. Seit 20 Jahren ist Nippes nun auch die zweite Heimat des Imis und politischen Kabarettisten. 

Christoph Sieber kommt mit dem Rad. Der große Schlaks mit der bunt bedruckten Jacke ist nicht zu übersehen. Den Wilhelmplatz als pulsierendes Herz von Nippes hatte er als Treffpunkt vorgeschlagen. „Für mich als Kind vom Land ist es immer noch was Besonderes, einen Markt um die Ecke zu haben.“ Und dann sogar einen, der täglich stattfindet. Die Freude am Großstadtleben ist ihm anzumerken. Erst recht, als er entdeckt, dass sein Lieblingsstand auch freitags da ist: „Hier beim Belitz bin ich Stammkunde.“ Käse ist für ihn, den Frankreich-Urlauber, Lebensart. Glücklich bestellt der als Kabarettist und Gastgeber der Mitternachtsspitzen in Köln heimisch gewordene Schwarzwälder „seinen“ Comté und den Brie de Meaux.

Ein Mann mit Sonnenbrille und bunter Jacke steht an einem Käsestand.

Christoph Sieber schätzt den Markt auf dem Wilhelmplatz. Am Käsestand ist er Stammkunde.

„Das Geschrei der Händler, der Anblick der bunten Stände von Gemüse bis Blumen, das ist für mich hier auch immer ein bisschen Urlaubsgefühl“, erzählt Sieber, als wir den Markt Richtung Neusser Straße überqueren. Sieber stammt vom  Rande des Schwarzwalds. „Da gab es nur zehn Häuser auf dem Berg, das Radfahren habe ich erst spät gelernt.“ Vielleicht mit ein Grund, warum er heute noch immer sein erstes Rad fährt, das er sich mit 18 Jahren zulegte. „Es hat nur noch einen Gang, aber für meine Zwecke völlig ausreichend“. Radverkehr in Nippes sei ja auch eines der letzten Abenteuer, „das wird jetzt schon bei Jochen Schweizer angeboten“, witzelt der Nippeser, der den harten Kampf um den Verkehrsraum in seinem Veedel täglich erlebt.

Ein Mann läuft eine Straße entlang. Ein U-Bahn-Schild weist auf die Station Florastraße hin.

Mit Christoph Sieber geht es die Neusser Straße entlang.

Auf dem Weg zum Buchladen auf der Neusser Straße erzählt Sieber, dass schon seine erste Kölner Wohnung in Nippes war. In der Siebachstraße. Er wollte damals die Comedy-Schule von RTL besuchen. „Nach dem Erfolg von RTL Samstagnacht gab es die, ich wurde eingeladen.“ Damals war Christoph Sieber in Essen, studierte Theater und Pantomime auf der Folkwangschule. Den Wechsel nach Köln hat er nie bereut. Und seinem Veedel blieb er, wenn auch an wechselnden Adressen, treu. „Es ist schon gut, wenn man weiß, wo alles ist. Und natürlich trifft man sich ja schon auch mal in anderen Veedeln“.

Eine Frau mit rotbraunem Haar und ein Mann mit bunter Jacke stehen inmitten einer Buchhandlung vor einem Bücherregal

Mit Dorothee Junck über Bücher plaudern gehört zum Veedelsspaziergang mit Christoph Sieber

Auch für seine Literaturbedürfnisse hat Sieber einen festen Ort. Tatsächlich lese ich Bücher noch auf Papier“, sagt er im Buchladen Neusser Straße von Dorothee Junck. Auch hier ist er Stammkunde. Besonders Fachliteratur, aber auch Krimis von Martin Suter haben es ihm angetan. Zuletzt hat ihn „Wackelkontakt“ des österreichischen Autors Wolf Haas begeistert, weil es dem  Buch gelang, als Roman-im-Roman zu funktionieren, ohne den Leser komplett zu verwirren und im Gegenteil bestens  zu unterhalten. Für seine Soloprogramme - aktuell ist er mit „Weitermachen“ unterwegs - setzt sich der 55-Jährige intensiv mit Themen auseinander, etwa wenn es um Social Media geht oder das Gesundheitssystem. Da müssen Zahlen und Fakten stimmen.

Gefahren im Internet werden von Eltern komplett unterschätzt

Tatsächlich legt Sieber gerne den Finger in die Wunden der Gesellschaft, etwa wenn sich Mütter zwar darum sorgen, dass ihre Kinder beim Radfahren einen Helm aufsetzen, aber ihnen blind vertrauen, wenn sie sich ins Internet begeben. In einer Nummer für die Mitternachtsspitzen referiert er darüber, dass 92 Prozent der Dreijährigen schon Inhalte im Internet konsumieren, sich Jugendliche bei Blackout-Challenges in Lebensgefahr bringen, sich Pädophile als 13-jährige Pferdenärrinnen ausgeben und ein Welpen-Quälvideo 2,5 Millionen Likes generiert. Harter Stoff für sein Publikum.

27.02.2026, Köln: Heinrixh-Pachl-Platz. Veedelsspaziergang mit Christoph Sieber durch Nippes. Der Kabarettist ist der Gastgeber der Sendung Mitternachtsspitzen. Foto: Uwe Weiser

27.02.2026, Köln: Heinrixh-Pachl-Platz. Veedelsspaziergang mit Christoph Sieber durch Nippes. Der Kabarettist ist der Gastgeber der Sendung Mitternachtsspitzen. Foto: Uwe Weiser

Weiter geht es in die entgegengesetzte Richtung, die Neusser Straße hoch,  Richtung Golde Kappes. Gegenüber ist der Kaufhof. Sieber outet sich als Fan des Konzepts Warenhaus. „Ich finde es unglaublich, dass man da vom Bindfaden bis zum Schlafanzug alles bekommt. Ich mag das.“ Angenehm „old school“ erscheint der Imi aus dem Schwarzwald, ein Bewahrer von Traditionen, der er ja auch als Gastgeber der Mitternachtsspitzen ist.

Christoph Sieber segelt das Flaggschiff des Kabaretts

„Als der WDR mich vor fünf Jahren fragte, ob ich übernehmen möchte, war mir ganz wichtig, dass Jürgen Becker und auch Wilfried Schmickler damit einverstanden sind.“ Waren sie. Und so führt Sieber das Flaggschiff des Kabaretts in die Zukunft. Es ist für ihn auch eine Mission. „Ich glaube, dass die Gesellschaft besser werden kann.“ Sein Vater war Bürgermeister, daher stammt vielleicht die Überzeugung, doch etwas bewirken zu können.

Am Büdchen an der Schillstraße macht er Station. Neben dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ den er als einzige Lektüre elektronisch konsumiert, versorgt er sich hier mit überregionalen Zeitungen. Dass er die dann aber lieber bei einem Kaffee zu Hause liest, daran ist letztlich Smudo schuld. „Ich kann tatsächlich kein einziges Café in Nippes empfehlen.“ Mit Smudo von den Fantastischen Vier teilte er sich vor etwa 15 Jahren für eine Sendung eine Garderobe. „Eins muss ein Mann haben“, sagte ihm der Pionier des deutschen Raps damals: eine Kaffeemaschine. „Wenn ich schon keine extravaganten Hobbys habe, dann habe ich wenigstens meine Vibiemme“, sagt Sieber auf dem Weg zum Altenberger Hof.

Das Nippeser Bürgerzentrum liegt ihm besonders am Herzen. „Hier trete ich auch immer wieder auf, und es ist einfach toll, wie divers die Kulturlandschaft in einer Stadt wie Köln noch ist.“ In einem Land wie Frankreich sei der Kultursektor schon längst heruntergespart.

Ein Mann mit grauem Haar steht in einem Kiosk, den einen Arm hat er auf einem Kasten Kölsch abgelegt.

Christoph Sieber kauft seine Zeitungen im Kiosk an der Schillstraße.

Neben dem Altenberger Hof liegt eine im Veedel sehr beliebte Schotterfläche: Der Boule-Platz wurde nach Heinrich Pachl benannt, einem Urgestein des politischen Kabaretts, der in unmittelbarer Nachbarschaft lebte. „Ich werde nie vergessen, dass bei seiner Trauerfeier in der Kulturkirche Obdachlose teilnahmen, denen Pachl vorher geholfen hatte.“ Man dürfe den Glauben daran nicht verlieren, dass das eigene Handeln einen Unterschied machen könne. Deshalb sei Pachl für ihn, der nun selbst in direkter Nachbarschaft lebe, ein Vorbild.

Eine Hofanlage mit Gebäuden ist  zu sehen.

Der Altenberger Hof ist das Kultur- und Begegnungszentrum in Nippes, in dem Sieber auch auftritt.

Auf dem Weg zurück zum Wilhelmplatz fällt Sieber noch eine Fahrrad-Anekdote ein, nämlich die, bei der sein Rad dann einmal geklaut wurde, und zwar von der Stadt Köln. Diese ließ nämlich eine komplette Abstellanlage samt Rädern kurz vor Karneval entfernen. „Ich hatte mein Rad dort am Wallraffplatz abgestellt – das Schild nebenan warnte wegen dem bevorstehenden Karneval zwar vor dem Entfernen, aber für einen späteren Tag. Dann hatten die Mitarbeiter des Räumkommandos aber wohl spontan entschieden, schon einen Tag vorher abzubauen. Meine Anrufe bei der Stadt blieben erfolglos, die Polizei konnte mir immerhin Aufschluss geben.“

Und was passierte? An Aschermittwoch war das Rad samt Ständer wieder zurück. 


Christoph Siebers Nippes-Tipps: Käsestand Belitz auf dem Wilhelmplatz, der Markt findet täglich statt, Käse gibt es freitags und samstags;  Buchladen Neusser Straße 179 Bürger- und Kulturzentrum Altenberger Hof, Mauenheimer Straße 192;  Kiosk, Schillstraße 9


Christoph Sieber ist derzeit mit seinem Solo-Programm Weitermachen unterwegs. Karten für die Mitternachtsspitzen, die im Alten Wartesaal aufgezeichnet werden, können online bestellt werden. https://www.mitternachtsspitzen-karten.de/