Während Tausende feiern, sind Ordnungsamt und Testkäufer an Weiberfastnacht im Dauereinsatz: Sie kontrollieren unter anderem Glasverbote und schreiten bei Alkoholexzessen ein
Strenge Kontrollen an KarnevalKölner Ordnungsamt deckt Jugendschutz-Verstöße auf

Das Ordnungsamt kontrolliert Besucher auf der Zülpicher Straße.
Copyright: Foto: Krasniqi
Der junge Mann im undefinierbaren grauen Kostüm ist wenig einsichtig. Erst mischt er sich in eine Ausweiskontrolle des Ordnungsamts ein, dann empört er sich darüber, dass die Kontrolleure Bodycams tragen und ihn filmen, und schließlich belegt er die Mitarbeitenden mit ein paar unflätigen Schimpfwörtern. Der stark alkoholisierte Mann erhält prompt die Quittung für seine Pöbelei: Das Ordnungsamt verständigt die Polizei, die die Personalien aufnimmt, der Mann muss nun mit einer Anzeige rechnen.
Anzeige wegen Pöbelei
Bunte Kostüme, laute Musik, volle Straßen: Wenn der Straßenkarneval an Weiberfastnacht startet, herrscht auch im Kwartier Latäng traditionell Ausnahmezustand. „Viva Colonia“-Rufe am Schnellrestaurant Mangal, ein als grüner Frosch verkleideter Mann hüpft vor dem „Oma Kleinmann“ auf und ab. Überall wird getanzt und gefeiert, in einer Ecke sitzt jemand und schläft schon gegen 11 Uhr seinen Rausch aus. Eine Frau mit Tränen in den Augen sucht in Nieselregen verzweifelt nach ihrer Gruppe, während ein Obdachloser Getränkedosen von den Feiernden einsammelt. Mittendrin: zahlreiche Mitarbeitende des Kölner Ordnungsamts.
Einer davon ist Mike Kaledat. Er ist 41 Jahre alt und stellvertretender Gruppenleiter beim Ordnungsamt in Ehrenfeld. Seit 17 Jahren geht er mit Kolleginnen und Kollegen an Weiberfastnacht in der Innenstadt auf Streife. In jüngeren Jahren war er mal Kinderprinz in der Nähe von Neuß, er hat auch privat ein Herz für den Karneval. „Allerdings altersbedingt mehr für den Sitzungskarneval als den Straßenkarneval“, sagt er.
Alles zum Thema Aachener Straße (Köln)
- Strenge Kontrollen an Karneval Kölner Ordnungsamt deckt Jugendschutz-Verstöße auf
- Früh reservieren Diese 15 Restaurants bieten traditionelles Fischessen am Aschermittwoch in Köln
- Feierzonen, Hilfsstellen, KVB Was man zu Weiberfastnacht in Köln wissen muss
- Änderungen im Überblick So fährt die KVB an Karneval
- Auch die Region betroffen Deutsche Bank schließt jede zweite Filiale in Köln
- Köln gegen Leipzig KVB setzt zum FC-Spiel mehr Bahnen ein
- Kamelle und Strüßjer Diese Karnevalszüge ziehen durch den Rhein-Erft-Kreis

Mike Kaledat kontrolliert seit 17 Jahren an Weiberfastnacht für die Stadt.
Copyright: Foto: Krasniqi
Heute hat er wieder beruflich mit dem Fastelovend zu tun: Mit seinem Team ist er Wildpinklern auf der Spur, sieht nach Alkoholleichen, achtet auf den Jugendschutz und kontrolliert das Glasverbot im Zülpicher Viertel. Ein junger Mann Basecap hält unverdeckt eine Vape in der Hand, die für Jugendliche unter 18 Jahren untersagt ist. Also Ausweiskontrolle. Der Mann sieht die Kontrolleure kurz an, macht dann kehrt und läuft davon. Das Team lässt ihn gewähren, Kaledat ist sicher, dass er gleich einem anderen Team in die Arme läuft.
Zehn Minuten später bricht unmittelbar vor den Kontrolleuren ein Mann zusammen. Offensichtlich zu viel Alkohol. Auf Ansprache reagiert er nicht, auch auf sanftes Schütteln und Kneifen zeigt er keine Reaktion – das Team verständigt sofort den Rettungsdienst. Zwei Minuten später treffen die Sanitäter vom Malteser Hilfsdienst mit einer Trage ein und transportieren den Mann ab. Keiner der Umstehenden kennt ihn.

Ein Betrunkener muss abtransportiert werden.
Copyright: Foto: Krasniqi
Zu tun gibt es auch anschließend reichlich. Die meisten Betroffenen zeigen sich aber umgänglich. Auch Mönch und Tiger werden nicht ausfallend, als Kaledat sie auf die Flasche Desperado hinweist, die an diesem Tag nicht auf diesen Abschnitt der Zülpicher Straße gehört. Das Glasverbot soll Scherben und Verletzten vorbeugen. Der Mann gibt die Flasche ab, sie war ohnehin schon ausgetrunken. Es folgt noch ein netter Plausch – und weiter geht es.
Nach zwei Stunden zieht Kaledat ein erstes Fazit: „Wir haben heute wetterbedingt eine eher ruhige Lage.“ Er kann sich an Weiberfastnacht erinnern, da war die Zülpicher Straße vom Ring bis zum Südbahnhof voll. Heute ist der Andrang eher verhalten. „Der Regen treibt die Menschen eher in die Kneipen“, sagt er.
Gleich am ersten Kiosk haben die Testkäufer „Erfolg“
Szenenwechsel. Anderer Ort, anderes Team. Maria (17), Aylin (16) und Dennis (17), die in Wirklichkeit anders heißen, sind eigentlich Auszubildende bei der Stadt Köln und Fachoberschüler bei der Polizei. Heute sind sie aber als junge Testkäufer für die Stadt unterwegs, um auszuprobieren, wie ernst es die Kioske an den Feiermeilen mit dem Jugendschutz nehmen. Tabak, Vapes, Lachgas und harter Alkohol sind für Jugendliche unter 18 Jahren tabu. Aber schon beim ersten Kiosk an der Brüsseler Straße haben die Jugendlichen „Erfolg“. Die drei kommen mit einer Flasche und einer Dose Vodka, einer Dose Mojito und einer Packung Zigaretten wieder heraus. In einem zweiten Kiosk an der Aachener Straße ist die Ausbeute ähnlich.

Testkäuferin Maria (M.) kauft Spirituosen an einem Kiosk.
Copyright: Foto:Krasniqi
Solche Verstöße sind eher die Regel als die Ausnahme. Von den 14 kontrollierten Büdchen hätten 13 den Jugendlichen Spirituosen und Tabak verkauft, sagt Testkäufer Dennis. „Wir hatten fast nur Treffer.“ Karneval sei keine Ausnahme, auch an anderen Tagen seien die Verstöße eklatant, erläutert Anne Siep, Leiterin der Gewerbeabteilung des Ordnungsamtes. Von den 800 Betrieben, die die Stadt seit Oktober 2024 überprüft hat, hätten 71 Prozent gegen das Jugendschutzgesetz verstoßen. Binnen eines Jahres habe die Stadt 50.000 Euro an Bußgeldern eingenommen. Erstverstöße können mit einem Bußgeld von 200 Euro geahndet werden, ab dem vierten Verstoß kann es richtig teuer für Betreiber und Verkäufer werden: Es drohen Strafen ab 5000 Euro. Letztlich kann ein Betrieb sogar geschlossen werden.
Für manche Kioske gehört der Verkauf von Alkohol und Tabak an Jugendliche offenbar zum Geschäftsmodell dazu
„Für manche Kioske gehört der Verkauf von Alkohol und Tabak an Jugendliche offenbar zum Geschäftsmodell dazu“, sagt Siep. „Erschreckenderweise nimmt das Problem nicht ab.“ Dabei könne man mit dem Verkauf von Alkohol Jugendliche schnell in die Notaufnahme bringen, ergänzt ihr Mitarbeiter Malik Dine. Gerade manche Jugendliche seien unerfahren im Umgang mit Spirituosen. Und wer völlig berauscht bei kalten Temperaturen auf der Straße einschläft, müsse nicht selten mit dem Rettungswagen in eine Klinik gebracht werden.

Die Testkäufer Dennis und Maria präsentieren ihren Kiosk-Kauf.
Copyright: Arton Krasniqi
Die Verkäufer zeigten sich dennoch meist wenig einsichtig, sagt Testkäuferin Aylin. „Oft sagen sie, sie hätten gedacht, wir wären schon 18“, sagt die 16-jährige Aylin. „Oder sie schieben es auf den Verkaufsstress, obwohl es im Laden völlig leer war.“
