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Werksferien bei FordDie Stunde der Instandhalter

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Die Befestigungen der Hängeschienenbahn werden geprüft.

Niehl – Ein Roboter braucht keine Werksferien. Er könnte durcharbeiten, 365 Tage im Jahr, drei Schichten pro Tag. Sollte man meinen. Doch jetzt liegt er in der Werkstatt, in seine Einzelteile zerlegt, wie auf einem OP-Tisch. Um ihn herum stehen die Blaumänner der Instandhaltung. Kontrollieren jede Schraube, jedes Gelenk, tauschen defekte Teile aus, um ihn danach wieder an seinen Arbeitsplatz in den Karosseriebau zu bringen.

Werksferien bei Ford. Seit Freitag steht die Produktion in der Halle Y still. Im Presswerk werden noch ein paar Blechteile für Indien und die Bestände im Ersatzteillager gefertigt, in der Lackiererei die Bäder abgelassen. Knapp 4500 Ford-Werker machen Urlaub. Drei Wochen Kern-Urlaub, wie das hier heißt. Am 13. August wird die Produktion, die in der vergangenen Woche lediglich im Ein-Schicht-Betrieb lief, wieder angefahren. Zunächst nur mit zwei Schichten, das hat lange Tradition. Weil die Türkei-stämmige Belegschaft in der Regel eben immer noch gerne fünf Wochen in der alten Heimat verbringen will. Auch wenn viele der Ford-Werker der zweiten und dritten Generation in Deutschland geboren sind.

Werkschef Karl-J. Anton (57) ist noch vor Ort. Die Instandhaltung läuft, am heutigen Donnerstag wird auch er in Ferien fahren. Eine Woche auf Sylt und dann zur Documenta nach Kassel. „Da wollte ich schon immer mal hin.“ Anton wirkt entspannt. Werksferien wie diese, in denen kein Modellwechsel auf dem Programm steht, sind für ihn Routine. Mit Hubwagen rollt die Instandhaltungskolonne durch die nahezu menschenleere Halle Y. Hindurch unter halbfertigen Fahrzeugen. Per Ultraschall kontrolliert sie jede Schraube und jede Naht des 1500 Meter langen Hängebahnsystems, mit dem die Bauteile für die 1800 Fiesta, die hier täglich vom Band laufen, computergesteuert punktgenau und in der richtigen Reihenfolge an die Einbaustationen transportiert werden. „Diese Sicherheitsprüfung steht in jedem Sommer an“, sagt Anton. „Das muss sein. Wir müssen sicherstellen, dass uns in der Produktion kein Teil auf den Kopf fällt.“

In einer hochkomplexen Produktion – der Fiesta wird den Kundenwünschen entsprechend in 27 000 verschiedenen Varianten gebaut – ist das System der vorbeugenden Instandhaltung unabdingbar. „Man muss sich das wie einen elektronischen Katalog vorstellen, der alle Sicherheitsvorschriften beinhaltet. Dort sind alle Anlagen und alle Aggregate mit ihren regelmäßigen Wartungsintervallen aufgelistet. Täglich, wöchentlich, monatlich, jährlich. Wir können uns schließlich nicht zwei Tage vor den Werksferien in die Augen schauen und fragen, was wir jetzt machen müssen.“

Über die Absatzkrise auf dem europäischen Automarkt will Anton nicht sprechen. Das sei nicht sein Thema. Der Produktionsstillstand in den Werksferien komme derzeit sicher nicht ungelegen. Die Krise in Südeuropa, einem der Hauptabsatzmärkte für einen Kleinwagen wie den Fiesta, geht an Ford nicht spurlos vorüber. Es habe auch schon bessere Zeiten gegeben. Da habe man darüber diskutiert, ob man in den Ferien nicht wenigstens mit einer Schicht produzieren könne. Im Sommer 2012, angesichts der gigantischen Überkapazitäten auf dem europäischen Markt, kann davon keine Rede sein.

Den Stillstand nutzt man bei Ford in Niehl auch, um die Modell-Auffrischung des Fiesta vorzubereiten. Das aktuelle Modell aus dem Jahr 2008 wird, wie nach vier bis fünf Jahren üblich, einem Facelifting unterzogen. „Im ersten Quartal 2013 wird der aufgefrischte Fiesta auf den Markt kommen, dessen Produktion noch in diesem Jahr anlaufen wird. Das Auto wird völlig anders aussehen und auch neue Funktionen haben, aber die für die Produktion entscheidenden Dinge sind ähnlich. Die Plattform ändert sich nicht, die Aufnahmepunkte bleiben, so dass wir nur vergleichsweise geringe Änderungen in der Linie vornehmen müssen.“

Wie der neue Fiesta aussieht, gehört wie immer zu den bestgehüteten Geheimnissen der Branche, auch wenn sich die Fachpresse einig ist, dass die Frontpartie dem Sportmodell Focus ST sehr ähnlich sein wird. Ein „Muskelprotz mit Milchgesicht“, wie der Spiegel unlängst schrieb. Doch dazu schweigt der Werkschef, verrät nur, dass die Prototypen bereits unterwegs seien zum Pariser Autosalon, wo vom 27. September bis 14. Oktober die Herbst-Neuheiten präsentiert werden.

Der nächste große Werksumbau für Köln steht wohl erst in zwei Jahren an, wenn die siebte Generation des Fiesta auf den Markt kommt. Bis dahin laufen auf den Straßen der Dreitürer und der Fünftürer.

Der Fusion, einst ein Überraschungserfolg, ist für Köln Geschichte. Ende Juni wurde die Produktion eingestellt. „Zuletzt haben wir noch 65 Autos täglich produziert, vornehmlich für Osteuropa. Den Diesel haben wir gar nicht mehr angeboten.“ Sein Nachfolger, der B-Max, wird im rumänischen Craiova vom Band laufen. Das Werk dort hat eine Kapazität von 300 000 Autos pro Jahr. In Niehl können maximal 400 000 Wagen gefertigt werden.