Am Mittwoch macht der TV-Satiriker Halt in der Kulturkirche in Nippes. Ein Gespräch über Boomer-Nostalgie, Shitstorms vor Social Media und Köln.
Kalkofe über Karneval„Organisierter Spaß und militärische Fröhlichkeit schrecken mich ab“

Schauspieler, Kabarettist und Satiriker Oliver Kalkofe macht am Mittwoch (16. September) in der Kulturkirche Nippes halt
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Herr Kalkofe, Sie sind wieder auf Tour mit Ihrem Bestseller „Nie war früher schöner als jetzt“, der die Nostalgie der Boomer ironisch in den Blick nimmt. Was haben Sie anhand der Publikumsreaktionen auf Ihr Buch bisher gelernt?
Kalkofe: Dass die Menschen große Freude daran haben, betreut durch die eigenen Erinnerungen geführt zu werden, und dass es schön ist, wenn diese Erinnerungen ein wenig eingeordnet werden. Ich glaube auch, dass die Menschen Spaß daran haben, dass man das ein bisschen ironisch macht und nicht nur in schnulziger Nostalgie versinkt. Außerdem kann man dabei lernen, warum wir etwas Älteren in manchen Punkten vielleicht anders denken als die Jüngeren oder wieso wir uns von manchen Entwicklungen überfordert fühlen. Aber auch, warum es wichtig ist, dass wir uns trotzdem Mühe geben, halbwegs mit der Entwicklung Schritt zu halten, denn die Welt dreht sich nun mal weiter. Auf jeden Fall gäbe es noch genügend Themen für weitere Bücher.
Sie schreiben darüber, dass früher überall geraucht wurde, im Auto zum Beispiel, und man sich eher vor dem Luftzug als vor Lungenkrebs sorgte. Was ruft denn beim Publikum die stärksten Reaktionen hervor?
All diese kollektiven Erinnerungen aus dem Alltag, aber auch sehr stark alles rund ums Fernsehen oder Werbung. Dienstags sah man „Dallas“, mittwochs den „Denver-Clan“, dazu Krimiserien, „Wetten, dass..?“ oder „Auf los geht’s los“ – das haben wir alle ähnlich erlebt. Bei vielen alten Werbesprüchen geht sofort der ganze Saal mit. Ähnlich ist es bei Essen und Urlaub in den 70ern, bevor Fernreisen selbstverständlich waren. Für Jüngere wird in ihrer Zukunft eine solche kollektive Erinnerung schwieriger, weil sich das gesamte Leben stark individualisiert hat.

Oliver Kalkofe bei der Verleihung des ersten Deutschen Entertainments-Preises in Köln im Jahr 2022 (Archiv)
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Früher war es nicht besser, sondern einfacher, sagen Sie. Warum fällt es den Leuten manchmal schwer, diesen feinen Unterschied anzuerkennen?
Wir merken derzeit politisch und gesellschaftlich, dass es einen starken Hang dazu gibt, die Vergangenheit nostalgisch zu verklären und dabei zu vergessen, welche Probleme wir früher hatten oder warum gewisse Dinge inzwischen zurecht verändert wurden. Vor allem scheint das Gefühl vorzuherrschen, dass früher alles noch überschaubar war. In den 70ern und 80ern hatten wir keinen realen Mangel, aber wir hatten von allem weniger und nichts im Überfluss: Unterhaltung, Essen im Supermarkt, Freizeitaktivitäten.
Woran erkennt man, wenn aus dieser verklärenden, vereinfachenden Erinnerung eine politische Ideologie wird?
Einfache, markige Sprüche verfangen derzeit bei sehr vielen Menschen. Donald Trump hat es leider mehrfach bewiesen. Je simpler und plumper man den Leuten bewusst etwas vorlügt, desto mehr funktioniert es. Diese Erkenntnis nutzt auch die AfD: Wut, Frustration und Empörung der Menschen kanalisieren, über Andersdenkende lachen. Fehler sind immer die Fehler der anderen, und es reicht, sich laut und empört darüber zu beschweren. Klimawandel und seine Folgen: ach, viel zu anstrengend. Früher war es doch auch heiß und es ist trotzdem alles gut gegangen. Warum müssen wir über Elektroautos reden, wenn es doch überall Tankstellen gibt? Man zieht sich lieber in die Erinnerung an die Vergangenheit zurück, weil man die besser kennt und weil Veränderungen immer erst mal anstrengend sind.
Sie sind skandal- und shitstormerprobt, und das, bevor es überhaupt Social Media gab. Was ist heute anders?
Wir hören oft: „Früher durfte man das noch sagen, man darf ja heute nichts mehr sagen.“ Zensur gab es früher, gerade in den 70er, 80er Jahren, noch viel stärker. Politik und Kirche haben in den Medien und in der Gesellschaft viel mehr mitgeredet. Verbote und Absetzungen waren ganz normal. Ich erinnere mich noch sehr genau an einen Tag Anfang der 70er-Jahre, als ich mich als Kind laut heulend aufs Bett geschmissen habe. Der Grund war, dass die von mir geliebte Zeichentrickserie „Schweinchen Dick“ abgesetzt wurde, auf Drängen der CDU in Person von Heiner Geißler (1930-2017). Der war im ZDF-Verwaltungsrat und hat das mitentschieden, zusammen mit einer Kollegin von der SPD, weil sie sagten, Zeichentrickserien seien schädlich für die Kinder. Das war meine erste traumatische Begegnung mit der Cancel-Culture. Was sich aber wirklich geändert hat: Wir sind als Gesellschaft inzwischen viel sensibler geworden.
Inwiefern?
Wir haben gelernt, dass es nicht richtig ist, einfach alle, die anders sind, auszulachen oder zu diffamieren, was eine lange Zeit wirklich geschehen ist, ohne dass man dabei ein schlechtes Gewissen hatte. Durch das Internet kann heute außerdem jeder seine Meinung sagen und alles Gesagte anonym kommentieren. Früher haben sich die Menschen auch oft aufgeregt, aber dann gab es im schlimmsten Fall ein paar Säcke Protest-Postkarten oder die Telefone glühten mal kurz bei ARD oder ZDF. Dieses „Was man alles nicht mehr sagen darf“ ist eher ein gesellschaftliches Phänomen: Wir fühlen uns stärker beobachtet. Manche regen sich deshalb eher auf, dass sie gewisse Worte, die vielleicht auch früher schon falsch waren, heute nicht mehr sagen dürfen, ohne dass andere sie dafür kritisieren. Das ist allerdings weit entfernt von staatlicher Zensur.
Haben Sie ein Beispiel für frühere Shitstorms ganz ohne Social Media?
Ja, beispielsweise als die damals 16-jährige Désirée Nosbusch (Moderatorin und Schauspielerin, Anm. d. Red.) 1981 bei „Auf los geht's los“ mit Blacky Fuchsberger in der Sendung war, in der auch eine nette junge Frau saß, die von der bayerischen Landesregierung als Beamtenanwärterin abgelehnt wurde, weil sie vermeintlich zu dick wäre. Dazu wurde der damalige bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß per Telefon zugeschaltet, der sie über Alter und Gewicht ausfragte und ihr dann erklärte, dass er in ihrem Alter viel dünner gewesen sei und sie mal lieber eine Diät machen solle. Heute alles unvorstellbar.
Und Désirée Nosbusch traute sich als Einzige, seine Äußerungen sachlich zu kritisieren und sich auf die Seite der jungen Frau zu stellen. Dafür wurde die ARD bombardiert mit Briefen und Anrufen, die fast alle sagten, diese junge Göre solle ihre Klappe halten und man solle ihr den Hintern versohlen, und der Bayerische Rundfunk belegte sie mit einem langen Auftrittsverbot. So war das früher – da kam ein Shitstorm eher aus den viel reaktionäreren Ecken, wenn man sich gegen die Regeln der vermeintlich anständigen Gesellschaft auflehnte.
Sie kommen gebürtig aus Niedersachsen und leben in Berlin. Was verbinden Sie persönlich mit Köln? Was mögen Sie an der Stadt, was eher nicht?
Ich habe viele Erinnerungen an Köln, weil ich ab den 90er Jahren viel Zeit dort verbracht habe. Gerade Fernsehen siedelte sich ganz massiv an. Es waren sehr lustige Zeiten, fast immer im Savoy Hotel mit ganz vielen Kollegen. Bis tief in die Nacht wurde gefeiert. Die lockere Art der Kölner hat mir auch immer sehr gut gefallen. Auch wenn ich zugeben muss: Ich bin kein Freund vom Karneval, da bin ich immer geflohen. Saufen und Feiern mit Ansage ist nicht so meins, auch nicht an Silvester. Überhaupt dieser organisierte Spaß und diese militärische Fröhlichkeit mit den Prunksitzungen, Funken und Tänzen: Die haben mich abgeschreckt. Verkleiden musste ich mich beruflich ohnehin immer schon, das brauche ich dann in der Freizeit nicht. Ich habe lieber getrunken und gefeiert, wenn mir von der Stimmung her danach war.
„Nie war früher schöner als jetzt“ am Mittwoch, 16. September mit Oliver Kalkofe in der Kulturkirche in Nippes, Siebachstraße-Tickets kosten 38,70 Euro.
