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Kampagne gegen Raser„Da ist jemand drin gestorben“ – Polizei stellt zerstörtes Unfallauto auf Kölner Schulhof aus

Lesezeit 3 Minuten
Hauptkommissarin Natalie Jung und Schüler stehen vor einem völlig demolierten Auto, dessen Fahrer bei einem Raser-Unfall gestorben ist.

Hauptkommissarin Natalie Jung zeigt den Schülerin ein völlig demoliertes Auto, dessen Fahrer bei einem Raser-Unfall gestorben ist.

Mit einer ungewöhnlichen Aktion will die Polizei Fahranfänger an Kölner Schulen sensibilisieren. 

Mit einer gewissen Ehrfurcht nähern sich die Schülerinnen und Schüler des Berufskollegs Porz dem völlig demolierten Geländewagen. Die Front des VW Touareg ist bis zum Steuer eingedrückt, die Airbags hängen schlaff auf die Vordersitze herab, Erde klebt noch an der verbogenen Felge eines Hinterreifens. Der zwei Tonnen schwere Wagen steht auf einem Anhänger, den die Polizei auf dem Schulhof abgestellt hat. „Guck dir das doch nicht so genau an, Mann, da ist jemand drin gestorben“, herrscht eine 18-Jährige einen Mitschüler an, der seinen Kopf nah an das Fahrerfenster hält, um ins Innere zu schauen.

Dabei ist genau das der Sinn der Aktion „Verantwortung stoppt Vollgas“, eine landesweite Präventionskampagne der Polizei gegen illegales Fahrzeugtuning: Hautnah und möglichst eindringlich sollen die ungefähr 300 Fahranfänger aus der Oberstufe an diesem Montagvormittag erfahren und spüren, welche dramatischen Folgen illegale Rennen haben können. Der Touareg-Fahrer starb voriges Jahr im April auf einer Straße im Kreis Gütersloh. Mit 160 statt erlaubter 70 Kilometer pro Stunde war das Auto in einer Kurve gegen zwei Bäume geprallt.

Köln: Opferschützer überbringen Todesnachrichten an Angehörige

Vier Info-Stationen hat die Polizei auf dem Schulhof in Porz aufgebaut, eine ist der zerstörte Unfallwagen. Vor dem Wrack steht Hauptkommissarin Natalie Jung und erläutert, wie sich der Unfall genau zugetragen hat, welche Fehler der Fahrer gemacht hat. „Ich habe sowas noch nie gesehen, das geht einem schon nah, wenn man das hier so direkt vor sich sieht", sagt ein 19-Jähriger. 

Ein paar Meter weiter erzählen zwei Opferschützer der Polizei von ihrer Arbeit: zum Beispiel, wie Augenzeugen schwerer Unfällen betreut werden. Und wie es ist, Hinterbliebenen eine Todesnachricht zu überbringen.

Vor einem zivilen Einsatzfahrzeug mit Blaulicht auf dem Dach stehen drei Beamte des „Einsatztrupp Rennen“ der Kölner Polizei den Schülern Rede und Antwort. Geleitet wird das Spezialteam, das seit acht Jahren Raser aus dem Verkehr zieht und in dieser Form landesweit einmalig ist, von Jürgen Berg. Er misst der Präventionsaktion auf dem Schulhof hohen Wert bei. „Für uns als Polizei ist das im Grunde die letzte Möglichkeit vor dem Schulabschluss, Fahranfänger nochmal als Gruppe anzusprechen und zu sensibilisieren“, sagt er.

Und die 18- bis 20-Jährigen in Porz zeigen sich durchaus interessiert, löchern die Polizisten mit Fragen. „Wie finden Sie selbst denn getunte Autos so?“, will einer wissen. „Gibt es mehr Rennen auf der Autobahn oder in der Stadt?“, fragt ein anderer. Und ein dritter erkundigt sich – vielleicht ein wenig zu bemüht beiläufig –, wie viele Zivilfahrzeuge die Polizei in Köln eigentlich generell so hat. Während zwei Beamte noch überlegen, grätscht Berg mit einem Grinsen dazwischen: „Egal, wie viele es sind“, sagt er, „es ist für dich immer eins zu viel.“ Gelächter in der Gruppe.

Schulleiter Tim Strater und seine Kollegin Annette Bauer unterstützen die Aktion der Polizei gerne, sagen sie. „Wir haben ja hier schließlich auch das potenzielle Klientel, junge Männer zwischen 18 und 20“, sagt Bauer. Im Unterricht seien die Schülerinnen und Schüler mit Lehrfilmen auf das Thema Tuning und illegale Rennen vorbereitet worden. Auf den Aktionstag heute folgt noch eine Nachbereitung.

Zum Abschluss haben auch die Kinder der nahen Kita St. Josef noch eine Bitte an die Oberstufen-Schüler. Vor dem Schultor halten sie ein selbst gemaltes Plakat zum Thema Verkehr in die Höhe und darauf dem Appell: „Wir machen hier unsere ersten Schritte. Fahrt bitte vorsichtig!“ Als Antwort darauf und gewissermaßen als Versprechen sprüht eine Schülerin ein Piktogramm auf den Gehweg  mit dem Namen der Kampagne: „Verantwortung stoppt Vollgas“.

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