Streichelzoo in Köln-ZündorfEsel helfen Kindern mit Down-Syndrom beim Sprechen

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TierzeitLina (1)

Auf dem Rücken der Eselin ist Lina glücklich (links). Beim Striegeln hat Logopädin Kerstin Deckstein mit dem Mädchen zuvor neue Wörter geübt.

Porz-Zündorf – Lina (5) kam mit dem Down-Syndrom zur Welt. Sie hat Mühe mit dem Sprechen. Im Zündorfer Streichelzoo helfen ihr - und vielen anderen Kindern mit einem Handicap - Esel, Kaninchen, Schweine und Ziegen dabei, Worte zu finden und im Alltag zu gebrauchen.

Lina singt. Auf dem Rücken der Eselin Waltraud sitzt die Fünfjährige mit aufgerichtetem Rücken, reitet einmal rund um das Gelände des Streichelzoos, strahlt ihre erwachsenen Begleiter an und ist sichtlich und hörbar mit ihrer Welt zufrieden. Ihr Reittier hat die Kleine mit Unterstützung von Tierpflegerin Martina selbst aus dem Stall geführt. Dann haben Lina und Logopädin Kerstin Deckstein das Grautier gestriegelt und mit Decke und Zaumzeug für den Ausritt parat gemacht. Bei alldem benennt die Pädagogin die einzelnen Arbeitsgeräte und Tätigkeiten und Lina spricht ihr nach.

„Bürste“. „Von oben nach unten.“ „Beine.“ „Reiten.“ „Der Esel mag keinen Regen.“ Das sind für das Mädchen Worte und kleine Sätze, die es bei der Beschäftigung mit dem gutwilligen Tier lernen kann. Lina ist so erfüllt von ihren Erlebnissen in Rolfs Streichelzoo, dass sie später ihrer Familie und den Freunden in ihrer Kindertagesstätte davon erzählen will. Das Sprechenlernen ist für Lina, die mit dem Down-Syndrom zur Welt kam, nicht so mühelos wie für viele andere Kinder. Tiergestützte Pädagogik hilft ihr dabei, leichter und mit Freude zu lernen. Bis sie auf Waltrauds Rücken vor Vergnügen singt.

Kinder verlieren ihre Scheu

Im Zündorfer Streichelzoo bietet Holger Peters unter anderem Intensivprojekte wie „Logopädie am Tier“. Der Förderschullehrer mit einer Zusatzqualifikation für tiergestützte Pädagogik hat schon bei zahlreichen Kindern und Jugendlichen erlebt, wie sprachliche, körperliche, kognitive und emotionale Hürden durch den engen Kontakt mit Tieren überwunden wurden.

„Tiere sind einfach vorurteilsfrei“, sagt er. „Das spüren Kinder mit Förderbedarf, sie verlieren ihre Scheu. Sie trauen sich etwas zu, und diese Erfolgserlebnisse nehmen sie mit. Was sie im Zusammensein mit Eseln oder Kaninchen, beim Schweine- oder Ziegenfüttern gelernt haben, wenden sie später im Alltag an.“ Das kann Linas Mutter nur bestätigen.

Mit Ziegen das Neinsagen gelernt

Bei dem fünftägigen Intensivprojekt im Streichelzoo hat ihre Tochter mit Ziegen zu tun gehabt, die ihr beim Füttern ganz schön dreist auf die Pelle rückten. Logopädin Kerstin Deckstein übte mit Lina, entschieden „Stopp“ zu sagen, und das mit einer abwehrenden Geste zu bekräftigen.„Das hat Lina ein paar Tage später auf dem Spielplatz gleich erfolgreich wiederholt, als ein Junge sie ärgern wollte“, berichtet ihre Mutter Cora Weber (Namen der Familie geändert).

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Wie günstig sich das Zusammensein mit Tieren auf die Lernfortschritte ihrer Tochter auswirkt, hat Cora Weber schon bei einem Aufenthalt auf einem Hof im Allgäu erfahren. Vormittags war das Kind mit Pferden zusammen oder sammelte Eier, nachmittags wurde das Gelernte in einer logopädischen Praxis vertieft. Die Mutter war deshalb sehr froh, in Köln jetzt ein ähnliches Angebot nutzen zu können. „Schon in der Vorbereitung sehe ich die Fortschritte“, sagt sie.

TierzeitHenri (1)

Henri traut sich an der Seite von Holger Peters, über den Rücken von Minischwein „Schnitzel“ zu streicheln.

Lina hat geschnittenes Obst und Gemüse für die Tiere mitgebracht und zählt auf: „Apfel, Möhre, Paprika“. Die Worte kommen zögernd, aber sie kommen. Das ist so schön.

Auch der siebenjährige Henri, ebenfalls vom Down-Syndrom betroffen, profitiert vom Intensivprojekt mit Vormittagen im Streichelzoo und späterer Vertiefung in der Sprachheilpraxis. Ehe es ans Reiten auf dem Esel geht, darf er mit Holger Peters Meerschweinchen, Kaninchen und das Minischwein „Schnitzel“ füttern.

Kinder wachsen über sich hinaus

Heute hat der Junge sich das erste Mal allein getraut, dem schwarzen Schweinchen eine Möhre hinzuhalten und kurz über den borstigen Rücken zu streicheln. Mutig! Henri strahlt, seine Mutter und der Pädagoge freuen sich mit. „Kinder wachsen in der Begegnung mit Tieren über sich hinaus“, lobt Peters die Fortschritte und Mutter Ruth Grymel ist glücklich darüber, wie erzählfreudig ihr ältester Sohn geworden ist. „Das Schwein frisst Äpfel“, hat Henri seinen Brüdern berichtet. In der Schule werde ihm der Erfolg mit der ganzheitlichen Lernmethode aus der Streichelzoo-Woche sicher ebenfalls zugutekommen.

Die vierbeinigen Unterrichtsassistenten vom Esel bis zum Kaninchen lassen sich die Zuwendung der Kinder derweil gern gefallen. Sie haben in der Projektwoche auch gelernt: Wenn Lina und Henri kommen, gibt’s Streicheleinheiten und etwas Leckeres.

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