In Deutschland feiern wir Halloween seit Anfang der 1990er Jahre. Auch wenn Boomer jetzt stark sein müssen: Das ist mittlerweile 35 Jahre her und zu einer Tradition geworden. Halloween ist längst kein billiger US-Trend mehr. Und ausgerechnet der Karneval war mit eine Initialzündung für die gewachsene Popularität des Grusel-Fests in Deutschland.
Europäisches Fest - mit politischem Anstrich
Ich darf zunächst mit den gängigen Vorurteilen aufräumen: Halloween ist kein amerikanischer Exportschlager, sondern hat seine Wurzeln in Europa. Die Ursprünge liegen vor allem in Irland und Schottland, wo sich christliche Traditionen mit dem keltischen Fest Samhain vermischten. Der Legende nach öffnet sich in der Nacht zum 1. November das Tor zur Welt der Toten – und schon im Mittelalter verkleidete man sich, um von umherziehenden Geistern nicht erkannt zu werden.
Köln und die Geister haben eine besondere Verbindung: 1991 wurde der Kölner Rosenmontag wegen des zweiten Golfkriegs im Irak abgesagt. Kostümhersteller saßen auf ihrer Ware, während auf der traditionellen Zugstrecke eine Großdemonstration stattfand. Letztlich gingen Anti-Kriegsdemonstranten und Karnevalisten gemeinsam durch die Kölner Innenstadt. Seither gibt es in Köln den Geisterzug, der bis heute jedes Jahr unter einem politischen Motto steht.

Der Jeisterzoch zieht 2026 unter dem Motto „Allerhühste Zick för en andere Wunnungspolitik – mer könne nit all em Dom schlofe!“ („Allerhöchste Zeit für eine andere Wohnungspolitik – wir können nicht alle im Dom schlafen!)“ durch Nippes.
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Globale Kultur statt Heimatschutz
Zur Wahrheit gehört auch, dass sich das heutige Halloween stark aus der US-Popkultur speist und ist oft weniger politisch ist – hier geht es schlicht um Party, Ästhetik und Verwandlung. Für die rheinländische Tradition des Verkleidens und Feierns braucht es an dieser Stelle sicher keine Argumente. Das passt. Wer hier das Brauchtum bedroht sieht, verkennt, wie Kultur funktioniert. In einer globalisierten Welt werden Einflüsse zur Normalität. Wer sich vehement gegen Halloween wehrt, müsste konsequenterweise auch den Nikolaus, den Muttertag oder den Polterabend verbannen. Oder man akzeptiert schlicht, dass Feste sich weiterentwickeln.
Denn Halloween bedroht den Karneval nicht, es ist einfach ein anderes Fest. Karneval ist bunt, fröhlich und nostalgisch. Halloween steht eher für Düsterkeit, Experimentierfreude und Grusel. Es bedient ganz andere Emotionen und spricht oft auch Zielgruppen an, die mit Karneval weniger anfangen können. Während Karneval oft von traditionellen Kostümen geprägt ist, ist Halloween eine Bühne für moderne Popkultur: Cosplay, Gaming-Charaktere, Horrorfilm-Klassiker und düstere Ästhetik.
Während Karneval für Außenstehende manchmal schwer zugänglich oder gar überfordernd wirkt, versteht Halloween auch jeder Zugezogene. Die Sprache des Gruselns und der Popkultur wird schließlich weltweit verstanden.
Das gefahrlose Spiel mit der Dunkelheit
Der im Oktober beginnende, graue Winter erzeugt bei vielen Menschen Trübsinn. Halloween kehrt die Angst vor der Dunkelheit um: Man lacht über das Unheimliche und zähmt so symbolisch die dunkle Jahreszeit. Sich einmal düster oder skurril zu inszenieren, erlaubt es, aus alltäglichen Rollen auszubrechen. Schlussendlich ist Köln doch groß genug für beides: für Kamelle im Februar und Kunstblut im Oktober.

