Köln – Entsetzen, Fassungslosigkeit, Ach und Weh. Beklemmung, Bestürzung, Weltangst. Jeglicher Versuch, das Desaster in Worte zu fassen, scheint aussichtslos. Eine halbe Stunde nach dem Abpfiff. Auf der Neusser in Nippes, zwischen Kappes, Alt-Neppes und Schill-Eck. Hier, wo das Herz des Fußballs schlägt.
Und dann ist da doch einer, dem das gelingt. „Ich glaube, wenn ich morgen aufwache, ist Deutschland nicht mehr da“, sagt Stan (50), er lehnt irgendwie am Laternenpfahl vor dem Alt-Neppes. Ein paar Trauer-Kölsch haben seinen Gedanken Flügel verliehen und diesen denkwürdigen Satz entstehen lassen. „Aber ich weiß einfach nicht, was danach kommen soll.“ Kumpel Chris (48) macht sich da weniger Sorgen. „Egal, was da kommt. Wir betreuen uns gegenseitig.“ Belgisches Bier sei eh deutlich besser. Wie der Fußball. Aber das sagt er nicht.
Kurz zuvor noch das Weltmeistertrikot gekauft
Karl, der Wirt, muss sich derweil um die Reispfanne kümmern. Das mit dem Belgien-Bier hat er zum Glück nicht mitbekommen. Draußen vor der Tür. Direkt neben dem Eingang. Südkorea verputzen, das war der Plan. Jetzt ist es die Henkersmahlzeit – für den Weltmeister. Und Karl hat die Arschkarte, wie er sagt. Gambas, Hühnerfleisch, lauter Leckereien. Du, die Pfanne ist voll, aber die Mägen sind verstimmt.
Drinnen haben sich ein paar Minuten zuvor andere Dramen abgespielt. Einer, dessen Namen wegen der Schmach keiner hier preisgeben möchte, hat sich vor dem Anpfiff noch das Vier-Sterne-Trikot gekauft und 80 Euro auf die Theke gelegt. Was für eine grandiose Fehlinvestition. Noch einer mit Arschkarte.

Ratlosigkeit bei den Deutschen.
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Dennis’ (28) Geschichte klingt so abgefahren, dass sie von drei Seiten bestätigt werden muss. Am Samstag, vor dem Schweden-Spiel, hat er Karoline (27) geheiratet, seine Liebste aus den USA. Im Historischen Rathaus zu Kölle. Auf den Ringen haben sie es abends richtig krachen lassen. Mit Toni Kroos auf dem Flachbildschirm, dessen Schweden-Kracher seit ein paar Minuten wertlos ist. Dennis hockt auf auf der Bank im Alt-Neppes. Karoline ist weg, nach dem Schlusspfiff spurlos verschwunden. „Die ist zu Hause und weint sich die Augen aus. Da kann ich jetzt auch nichts machen.“
Deutsche Nationalmannschaft braucht einen Neuanfang
Mag sein, dass Stan recht behält und Deutschland am Donnerstag nicht mehr da ist. Kölle schon. Ein paar hundert Meter weiter im Schill-Eck hat Harry (60) den Spielautomaten vollgeheult. Die erste Trauerphase ist vorbei. Und weil er einen Trainerschein besitzt, hat er das Recht des Kollegen, eine Dreiviertelstunde nach dem Weltmeister-Untergang den Jogi auseinanderzunehmen. Zehn gute Minuten lässt er an ihm, die ersten zehn gegen Schweden. Ansonsten alles Driss. Sané und Wagner nicht mitgenommen. Keine Mannschaft, keine Bindung, kein Feuer, nichts. Die müssen alle weg, die Arrivierten, Neuanfang.
Nelly (43) ist fast schon weg, hat ihr Fahrrad aufgeschlossen, ihr Trikot straff gezogen. Für einen Moment schaut sie drein, als hätte Deutschland gerade mit ihr Schluss gemacht. Und das so kurz nach dem Effzeh. Doch bei der Frage, was das Leben jetzt noch für eine Sinn haben könnte, fangen ihre Äuglein an zu leuchten. Für den Rest des Turniers eine andere Mannschaft suchen, so eine Art Methadon-WM, und danach alles auf Anfang stellen. Mit dem Effzeh, dem neuen Trainer Markus Anfang und der Zweiten Liga. Schlimm sei nur, „dass wir samstags jetzt schon mittags immer Kölsch trinken müssen“.

Nelly und Harry (M.) vor dem Schill-Eck
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Vor dem Schill-Eck zückt Trainer Harry die gelbe und die rote Karte aus der Fußballer-Hosentasche. Schiri ist er also auch noch. Falsch sei es gewesen, dass der Effzeh diesen Jugendtrainer Ruthenbeck in der Winterpause zum Chef befördert habe. „Die hätten einen Erfahrenen holen müssen. So einen wie den Labbadia.“
Asiatische Gerichte zum Spiel
Mag sein, dass Deutschland am Donnerstag nicht mehr da ist. Kölle mit Sicherheit. Allein für Frank (49), Realschullehrer, der im Rahn-Trikot auf dem Fahrrad vom Altenberger Hof vor dem Alt-Neppes strandet. Mit seinen Kollegen hat er das Spiel verfolgt, an einem fremden für ihn fußballfeindlichen Ort. Dass es hier Höhe Florastraße anders gelaufen wäre, kann er sich zwar nicht vorstellen. Aber eben mit mehr Empathie und Heimatgefühl. Am Freitag wird in seiner Abschlussklasse die Zeugnisse verteilen und seine Kinder „ins Leben schicken“. „Wir waren einfach schlecht, hat halt nichts zusammengepasst.“
Vor der Reispfanne kommt der Appetit zurück. Karl, der Wirt, schwitzt, die Deutschland-Schminke ist zur Unkenntlichkeit zerlaufen. Noch ein paar Kölsch, dazu ein Essen, von dem man hier glaubt, es handele sich um das Nationalgericht der Republik Korea. Die Stimmung bessert sich. Zumal man ja sagen muss, dass der Reus im Gegensatz zum Schweden-Spiel gegen Korea wirklich nichts auf der Pfanne hatte. Sagt einer. Reus-Pfanne. Der war echt gut. Dabei haben hier alle vor dem Anpfiff gewusst, dass die Koreaner nicht kicken können. Aber schmackhaft sind sie ja wirklich, diese Asiaten.

Karl, der Wirt, kümmert sich um die Reispfanne.
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Rückblende: Südstadion, 18 Uhr. Es ist ein purer Zufall dass Mark Lee (44) das Spiel am Südstadion sieht. Normalerweise arbeitet der Ex-Kölner als Mitarbeiter der deutschen Delegation bei den Vereinten Nationen in New York. Nur für eine Fortbildung ist Lee zurück in Deutschland. Berlin, Bonn, Köln. Das sind die Stationen seines Aufenthalts. Lee ist in Südkorea geboren, aber von Kölnern adoptiert worden. Zweimal nur in seinem Leben war in dem Land seiner Väter. Korea hat er für sich erst im Rheinland und in New York entdeckt. Vor allem durch seine Liebste, die aus Korea stammt. Beim Anstoß schlagen noch „zwei Herzen in seiner Brust.“
So geht es einigen der 40 Besuchern des Mini-Viewing im Vereinsheim der Kölner Fortuna im Südstadion. Gekommen sind vor allem Mitglieder der Deutsch-Koreanischen Gesellschaft, die meisten von ihnen sind Deutsche. Viele haben koreanische Lebensgefährten oder Eltern, die aus dem Korea stammen. Eingeladen von Andreas Hupke, dem grünen Bezirksbürgermeister, und vom koreanischen Kulturverein Hando.

Die Fahnen wirken wie ein Trauerflor vor dem Schill-Eck.
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Hando ist ein Kunstwort – bedeutet so viel wie Korea und Deutschland. Die Gäste halten sich dezent zurück. Ein paar Wimpel in den Nationalfarben, wenige Fähnchen, das war es schon. Niemand kann sich hier vorstellen, den Weltmeister vom Thron zu kippen. Hupke auch nicht.
Kölscher Koreaner schmeißt eine Runde zum Trost
Ein Autokorso nach einem Sieg? Für Koreaner eher unvorstellbar. „Fußball ist in Südkorea trotzdem ganz groß“, sagt Hyeok Kim (30) fast entschuldigend. Seit drei Jahren studiert er an der Sporthochschule. Spieler wie der Ex-Leverkusen-Profi Son Heung-min seien in Korea die reinsten Popstars.
Er mag ja nicht groß sein – der Fußball in Korea. Aber er kann über sich hinauswachsen. Mark Lee, der kölsche Koreaner bei den Vereinten Nationen übrigens auch. Zwei Tore gegen Deutschland, ein Sieg, Lee schmeißt eine Runde Kölsch für alle. Das mit den zwei Herzen hat sich für diesen Abend erledigt. Der Underdog kickt den Weltmeister aus dem Turnier. Ganz dezent und mit der gebotenen Zurückhaltung. Fußball Marke Südkorea. Schöner kann man nicht ausscheiden.
Fassungslose Stille am Eigelstein, als Neuer in der Nachspielzeit aus dem Kasten läuft und Südkorea auch noch die zweite Bude macht. „Ich habe mir Urlaub genommen und bin extra aus Australien gekommen, um Deutschland siegen zu sehen.“ Gabi, ein kölsches Mädchen, ist mächtig sauer. „Tausend Chancen, aber nichts getroffen!“ Gegen Schweden hat sie mit ihrer Freundin Jasmin ganz schnell zwei Wodka gekippt, als es nicht lief. Wodka und Südkorea, das passt halt nicht. Reispfanne schon eher. Was trinken die eigentlich, diese Asiaten?
Das sagen Kölner Fans
Julian Deiters

Julian Deiters
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Die Enttäuschung ist groß. Löw hätte mehr Spieler aufstellen sollen, die hungrig sind. Aber Fehlentscheidungen gehören dazu, Löw sollte bleiben.
Manuel Sido

Manuel Sido
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Ich hab mir extra Urlaub für das Spiel genommen, die Enttäuschung ist natürlich groß. Wir haben schlecht gespielt, da hat einfach die Bewegung gefehlt.
Melissa Heymann

Melissa Heymann
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Die Truppe war kein Team. Die waren alle nicht bei der Sache. Das Ausscheiden ist schon sehr peinlich. Aber ich habe die Mannschaft trotzdem noch lieb.
Timur Karabiber

Timur Karabiber
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Enttäuschend, planlos, ideenlos. Das war nicht zielstrebig. Ich hoffe Jogi hört auf. Was er geleistet hat, war super, aber wir brauchen einen Neustart. (lau)
