Schüler müssen wegen Denkmalschutz leiden

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Lindenthal –  An der Gemeinschaftsgrundschule Bachemer Straße lernen die Kinder Lesen, Schreiben, Rechnen – und etwas ganz Besonderes: Strategien gegen Wärme zu entwickeln. Sophia aus der dritten Klasse berichtet stolz: „Wir haben schon die Papierhandtücher nass gemacht und als Umschläge benutzt, ich bringe mir immer eine Sprühflasche mit in den Unterricht und unsere Lehrerin macht die Computer aus, damit es nicht noch wärmer wird.“

In den Sommermonaten messen die Lehrer morgens um acht in der Klasse bereits 30 Grad. Im Laufe des Tages klettert das Thermometer – wie bei der Hitze, die im Juni herrschte – auch gerne auf 36 Grad oder sogar höher. Die Schule mit dem schönen großen Hof liegt ungeschützt von Nachbarbauten in der prallen Sonne, mit voller Breitseite, morgens von Osten und nachmittags von Westen her beschienen. Mit ihren breiten Fensterfronten in jeder Etage kommt sie einem Backofen gleich, allerdings mit Wärmezufuhr von außen. Entsprechend heiß ist den Schülern und Lehrern im Innern. Es sind unzumutbare Temperaturen für die Lehrer, die hier arbeiten, und die Kinder, die lernen sollen. „Wir haben kürzlich eine Mathearbeit geschrieben und konnten uns alle gar nicht konzentrieren“, klagt Sophia.

Die Eltern der Kinder machen sich deswegen Sorgen. Bereits seit längerer Zeit. Sie möchten, dass die Fensterfronten mit Jalousien versehen werden, die sich schließen, wenn die Sonne darauf scheint – und zwar von außen. Mutter Nadja Bach, die auch Innenarchitekten ist, erläutert den Wunsch: „Die Vorhänge im Inneren bringen unabhängig von der Farbe gar nichts. Sie halten Licht ab, aber nicht die Wärme.“

Die kommissarische Schulleiterin Petra Behrends kann die Sorgen der Eltern verstehen. „Mir ist das Problem bekannt. Ich arbeite ja jetzt bereits zwei Jahre an der Schule“, so Behrends. „Ich bin mit der Gebäudewirtschaft und mit dem Amt für Schulentwicklung in Kontakt und sie tun ihr Bestes, um eine Lösung zu finden.“

Die Stadtverwaltung möchte die Forderung der Eltern nach Jalousien aber nicht erfüllen und begründet das damit, dass das Schulgebäude aus dem Jahr 1959 unter Denkmalschutz steht. „Die aktuellen Bestimmungen des Denkmalschutzes lassen einen außenliegenden Sonnenschutz bedauerlicherweise nicht zu“, erläutert Nicole Trum, Pressesprecherin der Stadt. Alle beteiligten Dienststellen der Verwaltung seien aber dabei, Lösungen zu erarbeiten und prüfen derzeit, ob Sonnenschutzglas für Abhilfe sorgen könnte.

Felix Binsack, Vater von Sophia, ärgert die Weigerung der Stadt, einen wirksamen Sonnenschutz vor den Fenstern anzubringen: „Die Güterabwägung der Stadtverwaltung hat offensichtlich ergeben, dass der Schutz des Gebäudes höher bewertet werden muss, als die körperliche Unversehrtheit der Menschen darin“, kommentiert er. Die Gesundheit der Kinder sei in den überhitzten Räumen gefährdet.

Nadja Bach schildert eine Situation, die ihr jüngst Sorgen bereitet hat: „Ich habe eine Tochter in der ersten Klasse. Sie kam vor einigen Tagen völlig dehydriert nach Hause, mit hochrotem Kopf und Kopfschmerzen.“ Natürlich würden die Lehrer die Kinder ermahnen, etwas zu trinken, aber sie könnten nicht kontrollieren, ob es zwei oder fünf Schlucke sind.“

Eine Reihe von Eltern der Ganztagsschüler sind mittlerweile dazu übergegangen, ihre Kinder mittags abzuholen, bevor die Sonne vom Westen aus auf die Klassenräume scheint und sie dort schwitzend ihre Hausaufgaben machen. „Wer von uns Eltern seine Arbeit irgendwie flexibel gestalten kann, schiebt sie nun in den Abend und holt die Kinder mittags nach Hause“, erzählt Alexandra Weber, die eine Tochter in der vierten Klasse hat. Die anderen Eltern indes müssten sich sorgenvoll fragen, wie ihre Kinder in der Schule lernen sollen, wenn im Laufe des Tages die Temperaturen immer weiter nach oben schnellen.

Nadja Bach, Mutter

und Innenarchitektin

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