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Neue DynamikenSchüsse in Köln und Region als sichtbare Machtdemonstration

Die Kriminologin Gina Rosa Wollinger sieht Indizien für neue Dynamiken im Bereich der Organisierten Kriminalität.

Unbekannte haben ein Restaurant in Köln-Rodenkirchen beschossen.

Unbekannte haben ein Restaurant in Köln-Rodenkirchen beschossen.

Explosionen, Schüsse und Brandstiftungen an Wohnhäusern und Geschäften in Köln haben in den vergangenen Monaten für Aufsehen gesorgt. Die Taten werden mit Organisierter Kriminalität (OK) in Verbindung gebracht und werfen die Frage auf: Nimmt die Brutalität zu?

Belastbare Erkenntnisse über die OK und deren Strukturen zu gewinnen, ist schwierig. Anders als in vielen anderen Kriminalitätsbereichen gehen Ermittlungen nicht primär auf Anzeigen von Betroffenen zurück, sondern beruhen häufig auf gezielten Bemühungen. Wer nicht systematisch den Fokus zum Beispiel auf Menschenhandel oder Zigarettenschmuggel richtet, wird entsprechende Strukturen kaum aufdecken. Auch klassische Methoden der Dunkelfeldforschung, etwa repräsentative Bevölkerungsbefragungen, stoßen hier an ihre Grenzen. Das kriminologische Wissen über Organisierte Kriminalität bleibt deshalb lückenhaft.

Organisierte Kriminalität tritt neu an die Öffentlichkeit

OK-Gruppierungen agieren traditionell eher im Verborgenen. Das bedeutet nicht, dass sie auf die Demonstration von Gewalt verzichten – im Gegenteil kann sie gezielt eingesetzt werden, um Macht zu markieren und andere einzuschüchtern. Allerdings geschieht dies häufig in einem begrenzten, nach außen abgeschirmten Rahmen und nicht vor einem breiten (unter anderem digitalen) Publikum.

Gina Rosa Wollinger, Professorin für Kriminologie und interdisziplinäre Kriminalprävention, Deutsche Hochschule der Polizei, Münster

Gina Rosa Wollinger, Professorin für Kriminologie und interdisziplinäre Kriminalprävention, Deutsche Hochschule der Polizei, Münster

Die Ereignisse in Köln und die Erkenntnisse des Bundeskriminalamts legen die Vermutung nah, dass sich hier etwas ändert: Taten und Machtdemonstrationen werden zunehmend sichtbar. Organisierte Kriminalität tritt damit auf eine neue Weise an die Öffentlichkeit. Während die Gewaltkriminalität in Deutschland – über einen längeren Zeitraum betrachtet – rückläufig ist und auch Straßenkriminalität seit Jahren sinkt, verzeichnet das BKA im Zusammenhang mit OK eine Zunahme der registrierten Gewaltdelikte – darunter sowohl Körperverletzungen als auch Tötungsdelikte.

Verbrechen als „Service“

Zwei weitere Entwicklungen in den polizeilichen Daten deuten auf eine neue Dynamik hin. Zum einen scheinen Verfügbarkeit und Gebrauch von Schusswaffen zuzunehmen. Der Zugang wird nicht nur durch das Darknet erleichtert: Auch technische Möglichkeiten wie der 3D-Druck eröffnen neue Wege der (illegalen) Waffenherstellung. Anleitungen sind im Internet verfügbar, KI-Modelle können zusätzliche Unterstützung bieten. Hinzu kommt, dass Waffen infolge bewaffneter Konflikte und politischer Instabilität in verschiedenen Regionen der Welt leichter in Umlauf geraten können.

Zum anderen gewinnt das Phänomen „Crime as a Service“, darunter „Violence as a Service“, an Bedeutung: Personen, die nicht zu den jeweiligen OK-Gruppierungen gehören, werden für einzelne Straftaten oder Gewalthandlungen angeworben. Besonders besorgniserregend ist, dass darunter auch Jugendliche und Kinder sind. Sie werden beispielsweise über soziale Medien oder Online-Spiele kontaktiert und mit Geld oder dem Versprechen gelockt, Teil einer vermeintlich aufregenden Aktion zu sein. Junge Menschen werden so gezielt manipuliert und für kriminelle Zwecke instrumentalisiert.

Die Bekämpfung Organisierter Kriminalität erfordert konsequente polizeiliche Ermittlungen und eine stärkere internationale Zusammenarbeit. Doch die neuen Entwicklungen werfen weitere Fragen auf. So besteht die Gefahr, dass es unter dem Eindruck der Angriffe auf Wohnhäuser und Geschäfte zu auch rassistisch motivierten Taten kommt, die fälschlich der OK zugeschrieben und dadurch nicht in ihrer Eigenart erkannt werden.

Besondere Aufmerksamkeit muss Kindern und Jugendlichen gelten die für kriminelle Zwecke angeworben werden. Neben der Aufklärung über Gefahren im Netz brauchen sie vor allem ein stabiles soziales Umfeld und verlässliche Bezugspersonen. Entscheidend sind Beziehungen, die Vertrauen schaffen, Verhaltensänderungen frühzeitig wahrnehmen und rechtzeitig darauf reagieren.


Live-Talk und Buch

In ihrem Buch „True Criminology“ (Verlag Dietz) gehen Gina Rosa Wollinger und Co-Autorin Nicole Bögelein der Frage nach: Wie kriminell ist Deutschland? Im Gespräch mit Joachim Frank stellen sie ihre Thesen vor. Im Talk geht es auch um aktuelle Entwicklungen in Köln.

Die Kriminologinnen Gina Rosa Wollinger (links) und Nicole Bögelein hosten den Podcast „True Criminology“ und sind gemeinsam zu Gast beim Kölner Stadt-Anzeiger

Die Kriminologinnen Gina Rosa Wollinger (links) und Nicole Bögelein hosten den Podcast „True Criminology“ und sind gemeinsam zu Gast beim Kölner Stadt-Anzeiger

Mittwoch, 21. Oktober, um 19 Uhr in der Workstage, Amsterdamer Straße 192, 50735 Köln. Kostenlose Parkplätze sind vorhanden.

Tickets für 13 Euro gibt es hier.