Herr Huth, seit Pfingsten gab es in Köln und Umgebung rund 30 Vorfälle mit Schüssen, Brandsätzen und Explosionen vor Geschäften und Wohnhäusern. Wie ordnen Sie diese Taten ein?
Wer oder was genau hinter einzelnen Fällen steckt, kann ich nicht beurteilen, dazu kann letztlich nur die Staatsanwaltschaft etwas sagen. Was wir aber grundsätzlich beobachten, ist, dass viele Akteure aus dem kriminellen Milieu derzeit mit Erpressungen und vor allem mit dem Einsatz von Schusswaffen zur Durchsetzung jeglicher Ziele von sich reden machen. Das ist ein Phänomen, das man nicht nur in Köln sehen kann, sondern in ganz Europa. Dabei geht es nicht immer um dieselben Täter oder dieselben Motive. Wir sehen unterschiedliche Strukturen, die sich teilweise überschneiden.
In diesem Zusammenhang ist immer wieder von den „Daltons“ oder der „Gen-Z-Mafia“ die Rede. Was steckt dahinter?
Das sind verschiedene Gruppierungen, bestehend meist aus jungen, gewaltbereiten Türken, die mit Waffen, Drogen und Erpressungen ihr Geld verdienen und die ihre Geschäfte immer mehr ins Ausland verlagern. Zum einen hat das damit zu tun, dass viele Mitglieder nach Straftaten aus der Türkei ins Ausland geflohen sind und in Europa fortsetzen, was sie in der Türkei schon getan haben. Zum anderen halte ich die Migrationsbewegung aus der Türkei nach Deutschland in den vergangenen Jahren dafür mitverantwortlich. Viele junge Türken sahen aufgrund der wirtschaftlichen Lage mit der hohen Inflation keine Zukunft mehr in der Türkei. Gleichzeitig ist die Anerkennungsquote für junge türkische Männer im Asylverfahren extrem gering. Viele von ihnen halten sich deshalb ohne gesicherten Aufenthaltsstatus in Europa auf, bewegen sich im Untergrund – und einige landen dann eben auch in der Kriminalität.

Oliver Huth ist Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK) in Nordrhein-Westfalen
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Welche Bedeutung hat das für die Ermittlungen?
Es ist offensichtlich sehr leicht, sich aus der Türkei nach Deutschland schleusen zu lassen. Aus meiner Sicht muss man sich genauer ansehen, wie man mit solchen Fällen umgeht und ob Maßnahmen wie sofortige Inhaftierung und Abschiebung möglich und geboten sind. Aktuell ist es für Menschen, die sich illegal hier aufhalten, viel zu leicht, sich den Behörden zu entziehen.
Wie werden die Opfer ausgewählt?
Das passiert meist wahllos. Man stellt über die Internetpräsenz oder über Umfeldrecherchen fest, ob jemand potenziell wohlhabend ist. Dann gibt es unterschiedliche Vorgehensweisen. Betroffene erhalten zum Beispiel über soziale Medien oder andere Kommunikationskanäle eine Nachricht mit einer Forderung. In einem Fall lautete sie sinngemäß: „Die Straße hat entschieden, zahle 500.000 Euro.“ Wenn nicht gezahlt wird, soll der Schusswaffeneinsatz die Forderung durchsetzen.
Aus Kölner Sicherheitskreisen heißt es, dass die Spuren einiger der Fälle auch zur Rockerszene führen. Bei anderen Fällen wiederum sollen private Fehden abseits organisierter Kriminalität mit Schüssen auf Häuser ausgetragen werden. Allen Fällen gemeinsam sei, dass „Violence as a Service“ zum Einsatz kommt: Jugendliche und junge Erwachsene, die über Social Media angeworben werden, schießen als Handlanger der Hintermänner auf Gebäude. Wie verbreitet ist das Phänomen?
Das Phänomen ist weit verbreitet, aber es ist kompliziert. Bei den Daltons sehen wir häufig, dass es sich bei den Schützen um Jugendliche handelt, die explizit für die Gruppierung arbeiten und das auch wissen. Im Blickpunkt der Erpressung stehen dabei in der Regel Geschäftsleute mit türkischen Wurzeln, die selbst mit Kriminalität nichts zu tun haben.
Daneben haben wir Fälle aus dem kriminellen Milieu, bei denen tatsächlich unbeteiligte Jugendliche angeworben werden – teilweise reisen sie aus den Niederlanden, Schweden oder Italien an, um hier Straftaten zu begehen, ohne Auftraggeber oder Opfer zu kennen. Genau diese Melange macht es für die Ermittler so schwierig. Fest steht aber: Wir sehen aktuell viele Akteure aus der organisierten Kriminalität, auch auf den unteren Ebenen, die Zugang zu gefährlichsten Tatmitteln haben und den öffentlichen Raum für Straftaten nutzen.
Was macht es außerdem so schwierig, diese Taten aufzuklären?
Die Täter sind bei der Tatausführung häufig maskiert. Außerdem kommt die Trennung zwischen dem Schützen vor Ort und dem Auftraggeber, der oft im Ausland sitzt, hinzu. Zwischen ihm und dem Ausführenden gibt es nicht unbedingt eine direkte, leicht nachvollziehbare Verbindung – genauso wenig wie zwischen dem Täter und dem Opfer.
Dazu kommt, dass sich digitale Spuren verschleiern lassen, etwa durch VPN-Telefonie oder wechselnde Rufnummern. Selbst wenn ich eine Rufnummer aus Dubai habe, bedeutet das gar nichts – ruft man diese Nummer zurück, muss das nicht derjenige sein, der die Erpressung veranlasst hat. Die Täter sind also ziemlich dreist und sitzen im Ausland, halten sich illegal in verschiedenen Ländern auf, sind heute in Köln, morgen in Barcelona oder Marseille – das macht die Aufklärung schwer.
Wenn im Ausland ermittelt wird, braucht man außerdem Rechtshilfe aus den entsprechenden Ländern. Und gerade die Beziehung zur Türkei ist aufgrund der politischen Lage kompliziert.
Wie groß ist die Gefahr für unbeteiligte Bürgerinnen und Bürger?
Die Taten richten sich gezielt gegen ausgewählte Opfer, nicht gegen Unbeteiligte. Aber es gibt durchaus ein abstraktes Risiko für die Menschen in den betroffenen Häusern oder in deren unmittelbarer Umgebung. Wenn mit leistungsstarken Waffen auf Gebäude geschossen wird, kann man nicht ausschließen, dass Unbeteiligte verletzt werden.
Was müsste sich ändern, damit die Behörden die Serie besser aufklären und dem Phänomen begegnen können?
Zunächst müssen wir das Phänomen besser verstehen: Welche Gruppen sind beteiligt, wie arbeiten sie und welche Verbindungen gibt es zwischen den einzelnen Fällen? Dafür brauchen wir mehr Austausch zwischen den Behörden – national und international. Wenn eine Person festgenommen oder verurteilt wird, sollte besser nachvollziehbar sein, ob sie bereits in anderen Zusammenhängen aufgefallen ist und zu welchen Gruppen sie gehört.
Wichtig wären auch engere Ermittlungsverbindungen in die Türkei. Außerdem braucht es spezialisierte Ermittlerinnen und Ermittler sowie ausreichend Personal. Die Kriminalpolizei muss sich intensiv mit diesen Strukturen befassen können. Ohne Wissen, Vernetzung und Ressourcen wird es schwer, die Auftraggeber und ihre Netzwerke zu erreichen.
Außerdem müssten wir beim Thema Grenzschutz und illegale Migration mehr tun. Ich bin kein Experte für Aufenthaltsrecht, aber wenn die Polizei junge Männer antrifft, die illegal hier sind, müsste man sie vor Ort festnehmen, das Asylverfahren konsequent durchlaufen lassen und dann abschieben können.

