Köln – Das Mantra hallt durch die offenen Fenster in die Gassen des Marokkanischen Viertels von Gremberg: Hare Krishna, Hare Krishna, Krishna Krishna, Hare Hare, Hare Rama, Hare Rama, Rama Rama, Hare Hare. Die Menschen in der Taunusstraße schauen kaum auf. Sie kennen die sonntägliche Zeremonie der Hare-Krishna-Anhänger, anders als die Einkaufenden auf der Hohe Straße zwei Wochen zuvor: Die stierten, fotografierten und filmten, einige lächelten, manche spotteten, andere tanzten mit, als die Gruppe mit ihrer Sänfte die Konsummeile entlangzog. Eine Frau, die sich an ihre Jugend erinnert fühlte, sagte: "Ach, das sind doch die aus den 70ern, die Hippies, die Hare Krishnas. Die Beatles waren doch auch mal so."
Die tanzend und singend durch die Stadt ziehenden Menschen befeuern das Hippie-Klischee. Und diese selig friedliche Stimmung sonntags im Tempel: Wieder und wieder wird das Hare-Krishna-Mantra gesungen, man wird eingeladen, mitzumachen, am Ende der Zeremonie werden Rosenblätter auf den Altar geworfen. Das Mantrasingen mag für nicht Eingeweihte langweilig sein, befremdlich oder beruhigend wirken. Doch gefährlich bewusstseinsverändernd, wie Kritiker früher gern mahnten, ist es nicht. Die Mantras wirken erwiesenermaßen stressmindernd. Die Kritik ist auch verstummt, weil die Krishnas nicht mehr so offensiv auf der Straße missionieren. "Die Bewegung hat sich gewandelt", sagt Rama Gopola Dasa, bürgerlich Rolf Klotz, der an einem ruhigen Morgen in Badeschlappen und Leinengewand im Tempel empfängt. "Wir haben uns davon verabschiedet zu denken, dass durch unsere Meditationen einen neue Gesellschaft entstehen kann", sagt der Mann mit den kurz geschorenen Haaren und dem typischen Pferdeschwänzchen, seit 20 Jahren Krishna-Anhänger.
Rama Gopola Dasa hat tatsächlich früher ein Hippie-Leben geführt, er ist durch Europa getrampt, hat die ersten Loveparade-Veranstaltungen in Berlin mitorganisiert, in Drogen und freier Liebe aber nicht gefunden, was er suchte. 1989 hat der gelernte Kfz-Mechaniker und Rohrschlosser zum ersten Mal die heilige Schrift der Veden in den Händen gehalten, die die Grundlage für die Krishna-Anhänger bildet. Ein paar Jahre später hat er sich der Internationalen Bewegung für Krishna-Bewusstsein (ISKCON) angeschlossen. Vor zwei Jahren entschloss sich Gopola Dasa, zölibatär als Mönch im Tempel zu leben. Er chantet das Hare-Krishna-Mantra seitdem jeden Tag 16 Runden auf einer Gebetskette mit 108 Perlen, "so ähnlich wie ein Rosenkranz". Um 4.30 Uhr fängt er an. Dazu kommen Meditationen, auch beim Kochen wird meditiert, die Krishnas kochen zur Freude ihres Herrn, "kochen und essen bedeutet Hingabe".
Der 55-Jährige isst nur vegetarische Nahrung, er verzichtet auf Rauschmittel - auch auf Nikotin, Koffein -, auf Geschlechtsverkehr und Glücksspiel. "Ich war verheiratet, mein Sohn ist über 30. Heute macht Sexualität für mich keinen Sinn mehr", sagt er. Sinn mache für ihn, "in jedem Moment aufmerksam zu sein, um die Schöpfung wahrzunehmen, und mich fernzuhalten von den Verheißungen der Konsumgesellschaft, die Gier und Egoismus hervorrufen."
Was die Hingabe angeht, sind sich Rama Gopola Dasa und Keshava, bürgerlich Kemal Ajlan, einig. Was Sexualität angeht, nicht. Keshava ist verheiratet mit Mahojjvala, hat drei Kinder mit ihr und sagt: "Ohne Partnerin würde ich ungern leben." Im Gegensatz zu Gopola Dasa, der im Tempel lebt, haben Keshava und Mahojjvala eine Wohnung und normale Berufe. Keshava ist mit dem muslimischen Glauben aufgewachsen. "Für mich war es nie die Frage, ob es Gott gibt oder nicht, sondern, wer es ist." Das Paar sitzt im Garten des Tempels, neben ihnen verpackt Krishna-Anhängerin Olga Fruchtkügelchen in Plastikbeutel. Die Tütchen werden von Krishna-Anhängern verkauft.
Der Verzicht auf Konsum habe sie schnell als bereichernd erlebt, sagt Mahojjvala. "Ich habe vorher oft Party gemacht, getrunken und mich amüsiert, innerlich habe ich mich aber oft leer gefühlt." Auch ihr Mann sagt, er habe "bis 21 mit Religion nicht viel am Hut gehabt". Frauen, Alkohol, Diskotheken - all das sei interessant gewesen. Begeistert von Kemals Mitteilung, er sei nun Krishna-Anhänger, esse kein Fleisch und keine Eier mehr, verzichte auf Glücksspiel und Sexualität, sei die Mutter vor 18 Jahren nicht gewesen. Die Eltern störte vor allem die bildliche Darstellung des Gottes Krishna - im Islam gelten solche Bilder als Gotteslästerung. Inzwischen hätten die meisten aus seiner Familie seine Religion akzeptiert.
Die Krishna-Anhänger gehen davon aus, dass alle Menschen und Tiere aus einer Seele bestehen. Sie glauben ähnlich wie Buddhisten an Wiedergeburt und Karma - wer ein gutes Leben führt, dem wird es im nächsten Leben besser ergehen. Die Krishnas glauben nicht an die Macht des Willens, das Ego. "Weil darauf die westlichen Gesellschaften basieren, halten uns manche für seltsam", sagt Keshava. "Das liegt daran, dass viele Menschen den Kontakt zu ihrem Innenleben verloren haben. Würden sie Kontakt zu ihrer Seele aufnehmen, hätten sie nicht so eine Angst zu sterben. Sich mit ihrer Seele zu beschäftigen würde aber bedeuten: Sie müssten ihr Leben ändern." Es gehe den Krishnas nicht darum, die Menschen zum Mantra-Singen zu bekehren, sagt Keshava. Genau das ist der Gemeinschaft oft vorgeworfen worden: Dass sie glaubten, nur mit der Verbreitung des Krishna-Bewusstseins könne die Welt gerettet werden. "Wir wollen die Leute, die sich ängstlich und abgehetzt fühlen, nur einladen, sich mehr mit ihrer Seele zu beschäftigen. Mal eben die Welt retten können wir nicht." Es wäre schon gut, wenn es mehr Vegetarier gäbe, sagt Keshava. "Und ein paar mehr Menschen, die daran zweifeln, dass es sinnvoll ist, auf Kosten anderer zu leben."
Krishna-Bewegung ist keine Sekte
Die Hare-Krishna-Bewegung (ISKCON) wurde 1966 in New York vom Inder A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada gegründet. In der Protest- und Popkultur während des Vietnamkriegs breitete sich die ISKCON schnell aus und kam nach Europa. Die Mitglieder der Bewegung verehren den Hindugott Vishnu, der auch Krishna heißt. Die ISKCON hat in Deutschland rund 400 eingeweihte Vollmitglieder und deutlich mehr Sympathisanten. Keshava ist Präsident des Tempels in Gremberg, in dem sieben Krishna-Anhänger leben. Der Verein finanziert sich über Mitgliedsbeiträge und Spenden. Früher wurde die Krishna-Bewegung gelegentlich als Sekte eingestuft, das Mantra-Singen wirke bewusstseinsverändernd, sagten Kritiker. Diese Unterstellung gilt inzwischen als widerlegt.
Was glauben Sie denn?
In unserer Serie Was glauben Sie denn? stellen wir in loser Folge eine von insgesamt 79 Kölner Religionsgemeinschaften vor. Wir berichten dabei auch über religiöse Gruppen, die zwar vom Namen her bekannt, sonst aber eher unbekannt sind.
