Die Liste steht, mit 150 ist Schluss. Seit einem halben Jahr ist im Köln-Teil von „Kölner Stadt-Anzeiger“ und „Kölnische Rundschau“ Tag für Tag eine Kurzbiografie erschienen: von insgesamt 150 Kölnerinnen und Kölnern, die die Stadt geprägt haben. Vorgestellt in einem Porträt von jeweils 2300 Zeichen Länge. Den Schlusspunkt setzt der langjährige Oberbürgermeister Konrad Adenauer, der auch im Ranking der Leserinnen und Leser zuerst genannt wurde. Er wäre in diesem Jahr 150 Jahre alt geworden – so alt wie der „Kölner Stadt-Anzeiger“.
Ulrich Soénius hat Kölner Lebensläufe recherchiert
Verfasst hat die Porträts Dr. Ulrich S. Soénius. Er ist Historiker und Direktor der Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln. Als Mitherausgeber des Kölner Personenlexikons hat er mehr als 630 Biografien für dieses Standardwerk zur Kölner Geschichte verfasst. Für die Serie schrieb er alle 150 Biografien. Wer ihn fragt, wie viel Arbeit das Projekt war, bekommt eine ehrliche Antwort. Bei der Planung vor sieben Monaten habe es sich leicht angehört – und dann war es doch viel Arbeit.
Am Anfang stand die Auswahl. Die Liste der 150 entstand in enger Zusammenarbeit der Redaktion mit Ulrich Soénius. Zunächst umfasste sie 330 Namen in zehn Kategorien wie Politik, Wirtschaft, Kultur oder Sport. Durch eine Befragung der Leserinnen und Leser wuchs die Sammlung auf über 570 Namen. Aus diesen wählte die Chefredaktion gemeinsam mit Soénius die 150 aus. Manche Kategorien ließen sich schnell füllen, andere nicht. Drei Kriterien halfen bei der Entscheidung: der Lebenslauf, ein herausgehobenes Wirken in und für die Stadt sowie wahrnehmbare Spuren in Köln. „Ich habe mich nicht an Auszeichnungen, Jubiläen oder Geburtstagen orientiert“, sagt Soénius. „Wichtig war der Einsatz für Köln.“ Das Leben und Wirken für die Stadt hätten immer im Vordergrund gestanden.
Dann begann das Lesen. Für jede Biografie recherchierte Soénius intensiv, oft mehrere Stunden lang. Seine Quellen reichten vom Stadt- und Landesarchiv, dem Wirtschaftsarchiv über das Kölner Personenlexikon, Monografien und Zeitschriften bis zu wissenschaftlichen Biografie-Portalen. Hinzu kamen das Zeitungsportal „Zeitpunkt.NRW“ und das Archiv von „Kölner Stadt-Anzeiger“ und „Kölnische Rundschau“. Dazu Lebensläufe auf persönlichen Internetseiten, Radiointerviews, Fernsehbeiträge und Talkshow-Auftritte. Ziel war es, so viel wie möglich über jede Person herauszufinden. Oft ging es darum, einen Zugang zu Menschen zu finden, die er nicht immer so gut kannte. So las er etwa viele Texte und sah TV-Beiträge über Musiker Jürgen Zeltinger. „Mit manchen berühmten Kölnern habe ich viele Stunden verbracht“, sagt er lachend.
Schwierig wurde es, wenn Angaben voneinander abwichen. Bei Max Adenauer lagen drei verschiedene Jahreszahlen zu seiner Promotion vor. Hier half der Gesamtkatalog der deutschen Bibliotheken. Nicht immer war die Klärung so einfach. Für die Spuren in der Stadt waren das Buch über die Ratsturmfiguren, das Straßennamen-Lexikon von Rüdiger Schünemann-Steffen und die Verzeichnisse der Stolpersteine hilfreich. Wer in der Zeit des Nationalsozialismus bereits erwachsen war, wurde zusätzlich anhand der Entnazifizierungsakten geprüft, digital oder im Landesarchiv in Duisburg. Alle Biografien entstanden ohne Künstliche Intelligenz. Wikipedia diente nur zur Gegenprüfung. Und weil das Limit pro Beitrag bei 2300 Zeichen lag, mussten alle Texte vor der Abgabe gekürzt werden.
Die Recherche brachte auch Überraschungen. Einige ursprünglich vorgesehene Personen erfüllten die Kriterien nicht. Maria Juchacz, die Gründerin der Arbeiterwohlfahrt, lebte nur kurz in Köln. Bei der Suche stieß Soénius auf ihre Schwester, die Sozialdemokratin Elisabeth Kirschmann-Röhl. Sie hat sich ihr Leben lang in Köln engagiert und bekam deshalb ihren Platz in der Serie, obwohl Juchacz auf dem Ratsturm verewigt ist. Nicht alle derer, die aus der Zeit ab 1876 eine Ratsturmfigur erhalten haben, sind in der Serie berücksichtigt worden. Soénius: „Für den Turm stand die Berühmtheit im Vordergrund, hier war das Wirken in und für Köln ausschlaggebend.“

Dr. Konrad Adenauer im Jahre 1930 als Oberbürgermeister von Köln (1917-1933).
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Mit einem Vorbehalt räumt Soénius auf: „Es war keine Voraussetzung, in Köln geboren worden zu sein.“ Anke Engelke etwa kam in Montreal zur Welt und hat sich mit ihren Verdiensten um Comedy und Unterhaltung einen Platz in der Liste verdient. August Bebel wurde zwar in Köln geboren, lebte hier aber nur zwei Jahre. Er kommt deshalb in der Serie nicht vor. Auch Heinz G. Konsalik erblickte in Köln das Licht der Welt – aber fiel aus der Liste der 150.
Die Serie fand Resonanz. Menschen sprachen Soénius auf die Arbeit an, sogar an der Supermarktkasse. Verwandte, Freunde und Bekannte schrieben zustimmende E-Mails, es gab Anrufe und Nachrichten. Manche Leserinnen und Leser entdeckten Unbekanntes, andere erinnerten sich an lange vergessene Namen. Viele fragen nach einem Buch zur Serie, es laufen Verhandlungen mit einem Kölner Verlag.
Wie jeder Journalist musste auch der Gastautor erfahren: Fehler lassen sich nie ganz vermeiden, die Kunst besteht darin, sie rechtzeitig zu entdecken. Das klappte gut, aber nicht immer. Eine falsche Jahreszahl entdeckte Soénius selbst morgens in der gedruckten Zeitung, einen weiteren Fehler fand ein Leser. Beide wurden online korrigiert. Der 63-Jährige bedankte sich ausdrücklich bei dem Leser.
Unter den Porträtierten sind auch lebende Persönlichkeiten, die weit über Köln hinaus bekannt sind. Sie hatte Soénius vorher nicht kontaktiert. Einige meldeten sich nach der Veröffentlichung. Besonders gefreut hat ihn der Anruf von Ludwig Sebus, den er seit vielen Jahrzehnten kennt: „Ulrich, Du hast einen schönen Artikel über mich geschrieben.“ Berührt hat ihn die Reaktion von Li Daerr, der Ehefrau von Heinrich Pachl, der über 40 Jahre mit ihr zusammen war. Soénius hat ihren Mann, wie er selbst sagt, genauso beschrieben, wie er war.
Ihm war wichtig, dass viele Frauen eine Biografie erhalten haben. Nicht alle werden der Auswahl zustimmen. Für Soénius gehört auch das zur Vielfalt, die Köln ausmacht. Die Auswahl sollte objektiv sein und keinem Proporz folgen. Vor allem wollte er zeigen, dass in Köln viele engagierte Persönlichkeiten gewirkt haben und noch immer wirken. Die 150 Biografien sind dabei nur eine Teilmenge. Es gab und gibt noch viel mehr.
Was hat Soénius in den letzten gut sechs Monaten gelernt? Unter den 150 sind viele Macher, die Dinge angepackt haben, wie der langjährige Oberbürgermeister Theo Burauen. Oft konnte er auch Namen ins Licht rücken, die in der Stadt nicht ganz so bekannt sind. Wie Laura von Oelbermann, die die Gründung des Krankenhauses im Weyertal initiiert hat. Eines, verbindet alle Menschen in der Serie. „Immer ist es die Hingabe und die Leidenschaft für ihre Stadt, die die wichtigen Kölnerinnen und Kölner auszeichnet“, sagt Soénius. „Es ist stets eine tiefe Verbindung zur Stadt zu spüren.“
Nicht ganz zufällig endet die Serie mit Konrad Adenauer. Der langjährige Kölner Oberbürgermeister wäre in diesem Jahr 150 Jahre alt geworden. Er ist das Jahr über gewürdigt worden, vergangene Woche mit einer Festveranstaltung mit der Familie im Kölner Rathaus. „Adenauer überstrahlt in seinem Wirken für die Stadt alles“, sagt Soénius. Aber auch der später erste Bundeskanzler der Bundesrepublik habe diese Stadt nicht im Alleingang prägen können. Er hatte Menschen um sich, auf die er sich verlassen konnte. „Aber ohne Adenauer war alles nichts.“
150 aus 150 - So stimmen Sie ab
In den nächsten Tagen haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, das Wort. Stimmen Sie ab, welche der 150 Porträtierten die wichtigsten in den jeweiligen Kategorien sind. Wer hat für Sie Großes geleistet für die Stadt, wer wird für Sie unvergessen bleiben, wenn Sie an Köln denken?
Die 150 Persönlichkeiten sind aufgeführt in zehn verschiedenen Rubriken: 1) Bildende Kunst, 2) Kabarett, Comedy, Karneval 3) Literatur 4) Medien, Publizistik, Film 5) Musik 6) Politik 7) Soziales 8) Sport 9) Wirtschaft sowie 10) Wissenschaft. In jeder Kategorie können Sie bis zu drei Favoriten wählen. Hier geht es zur Abstimmung:
lp.ksta.de/umfrage/150
Am Ende des Jahres werden wir die Ergebnisse in zwei Veranstaltungen in der Volksbühne Köln vorstellen. Am Montag, 23. November, feiern wir das Finale der Reihe in der Volksbühne am Rudolfplatz. Zum 150-jährigen Bestehen des „Kölner Stadt-Anzeigers“ führen die stellvertretende Chefredakteurin Sarah Brasack, Chefkorrespondent Joachim Frank und Historiker Ulrich Soénius, Autor unserer Jubiläumsserie, durch anderthalb Jahrhunderte Stadtgeschichte.
Im Mittelpunkt des Abends stehen Persönlichkeiten aus Politik, Kunst und Kultur, Wirtschaft, Sport, Sozialem und Karneval, die in Köln Spuren hinterlassen haben. Mit prominenten Gästen wie Bestseller-Autor Frank Schätzing, Schauspielerin Annette Frier und dem Mediziner Michael Hallek werfen wir auch persönliche Blicke auf die Kölner Historie. Ein Abend voller Geschichten, Erinnerungen und großer Momente – von Adenauer bis Millowitsch, Köln zwischen Tradition, „Jeföhl“ und Aufbruch. Karten gibt es unter www.rausgegangen.de
Eine weitere Veranstaltung am 5. Dezember ist in Vorbereitung.
Alle Porträtierten aus unserer Serie finden Sie auf www.ksta.de/150aus150 und
