Köln – Neulich im Agrippabad. Zwei Jugendliche springen vom Fünfer, keiner taucht wieder auf. Ein Bademeister holt die zwei vom Beckenboden – sie sind geschockt, aber unverletzt. Sie könnten nicht schwimmen, sagen die Flüchtlinge. Sie hätten gedacht: Hier springt ja jeder ins Wasser, das kann also nicht so schwer sein.
Im Höhenbergbad liegt am 31. Mai eine Fünfjährige reglos im Nichtschwimmerbecken. Sie wird von einem Bademeister und einem Besucher geborgen. Eine Traube bildet sich um den Ersthelfer, der sie wiederbelebt. Der Bademeister wird gefilmt, Schaulustige beschimpfen das Personal. Ein Vater hatte seine Tochter aus den Augen verloren. Das Mädchen konnte nicht schwimmen, trug aber keine Schwimmflügel.
Die Experten wissen: Immer weniger Kinder können schwimmen. Und ihre Eltern machen sich weniger Gedanken. „Viele Eltern denken, sie lösen den Eintritt ins Schwimmbad und geben die Kinder damit ab wie in der Kita. Das ist ein trauriger Trugschluss, die Eltern behalten die Aufsichtspflicht“, sagt Marc Riemann, Leiter des Betriebsmanagements der Kölnbäder.
Ein Land von Nicht-Schwimmern
Immer öfter müssen die Kölner Bademeister eingreifen, weil Nicht-Schwimmer in Gefahr geraten. Riemann sagt, dass sich die Zahl der Badeunfälle in Köln deutlich erhöht habe. An heißen Tagen wie in diesen Wochen fischt das Bäderpersonal oft mehrmals am Tag Menschen aus dem Wasser.
„Tendenziell“, sagt Klaus Scholz (60), Ausbildungsleiter des DLRG Köln, „werden wir zu einem Land von Nicht-Schwimmern.“ Jedes zweite zehnjährige Kind kann nicht schwimmen. Fast jeder vierte Erwachsene kann sich nicht oder kaum über Wasser halten.
Als das Mädchen in Höhenberg wiederbelebt werden musste, hatte Heiko Seifert den Unfall Ende August 2013 im selben Bad vor Augen. Er war seinerzeit Leiter des Höhenbergbades, als dort ein Kind ertrank. Der Vater hatte dem Kind gesagt, es könne allein zur Umkleidekabine gehen. Irgendwann wurde der Junge auf dem Boden des Schwimmerbeckens gesehen. Tot.
„Vielen Menschen ist die Gefährlichkeit des Wassers nicht mehr bewusst“, sagt Heiko Seifert, der seit Anfang der 1990er Jahre in fast allen Kölner Bädern gearbeitet hat. Riemann fordert: Kinder bis sieben Jahre, die nicht schwimmen können, müssten Schwimmhilfen tragen. „So könnten wir die Hälfte der tödlichen Unfälle vermeiden.“
Mit dem Vorstoß einer Schwimmflügel-Pflicht wird Riemann vermutlich nicht durchkommen. Es würden damit immerhin die Symptome bekämpft, aber nicht die Ursachen.
Mehr Nicht-Schwimmer als Schwimmer
„Es gibt längst Stadtteile, in denen es mehr Nicht-Schwimmer als Schwimmer gibt“, sagt Heiko Seifert. In den meisten Ländern steht Schwimmen nicht auf dem schulischen Lehrplan. Die Stadt hat von einem Flüchtlingslager am Fühlinger See auch Abstand genommen, weil sie Angst hatte, dort könnten Menschen ertrinken. Unter den 392 Menschen, die im vergangenen Jahr in deutschen Gewässern ertranken, sind überdurchschnittlich viele Migranten.
„Es gibt immer mehr Menschen, für die Schwimmen keine Kulturtechnik mehr ist“, sagt Peter Ritzmann. Der 60-Jährige ist Sportlehrer an einer weiterführenden Schule in Köln und Schwimmtrainer beim 1. Schwimm-Verein Köln. Gründe für die Schwimmkrise gebe es viele, sagt er. Er hebt zu einer Analyse an, in der er von neuen Bädern mit Rutschen und Solebecken redet, die mehr auf Spaß als aufs Schwimmen ausgelegt seien.
Er redet von Eltern, die mit ihren Kindern nicht schwimmen gehen und von Pänz, die zwar Kurse belegen, aber danach nicht mehr ins Wasser gehen. An einer Hauptschule im Rechtsrheinischen, sagt er, könne man bei 50 Fünftklässlern davon ausgehen, dass rund 20 nicht schwimmen können.
Lesen Sie im nächsten Abschnitt: Wie die Stadt Schwimmkurse für Kinder fördert, was Schulen tun und wo sie Kurse buchen können.
Seit zwei Jahren bieten die Kölner Schwimmvereine in den Sommerferien kein Training mehr an. Irgendwann bekamen sie Post vom Sportamt, dass die Betriebskosten gestiegen seien. Für die Vereine sollten die Nutzungsgebühren erhöht werden. Die Stadt wollte den Mehrbetrag nicht übernehmen, die Vereine konnten es nicht.
„Es liegt am politischen Willen“, sagt Angelika Pörner, Vorsitzende des 1. SV Köln. „Wir könnten in den Ferien sofort Kurse für jugendliche Nicht-Schwimmer anbieten.“
Es gehe auch um die Frage, „ob ich 300 Millionen für eine Oper ausgeben will und für eine Kinder-Oper, in die garantiert nur Kinder gehen, die schwimmen und alles andere können, oder ob ich ein paar Millionen mehr in Bäder und andere Sportangebote stecke, die alle Kinder nutzen“, sagt ein Kölner Bademeister, der nicht namentlich genannt werden will. In Köln werde meist zugunsten der Kultur entschieden. „Das liegt auch daran, dass aus Köln schon lange keine Spitzenschwimmer mehr kommen.“
Marc Riemann sagt, an der Bäderlandschaft habe sich in den vergangenen Jahren viel zum Positiven verändert. Das unattraktive Nippes-Bad sei durch den Lentpark ersetzt worden, das Hallenbad am Stadion in Müngersdorf fange den Wegfall des Weidenbads auf. Das unattraktive Bickendorfer Bad wurde durch das Bad in Ossendorf ersetzt. „Dort haben wir 320.000 Besucher, in Bickendorf waren es am Ende nur noch 70.000.“ Die Bäderbetriebe hätten auch gern das Bad in Rodenkirchen dauerhaft geschlossen – dies ist auf öffentlichen Druck hin abgewendet worden. Es wird jetzt versuchsweise sogar wieder am Wochenende geöffnet.
Klar dächten die Bäderbetriebe wirtschaftlich, sagt Riemann. „Aber wir müssen den Vereinen Schwimmzeiten anbieten, das schreibt die Stadt so vor.“ Ob andernfalls auch reine Spaßbäder gebaut würden? Die Frage stelle sich nicht, sagen Riemann und Seifert.
Schwimmen als Schulfach
Der DLRG Köln hat in Köln acht Ortsgruppen, jede bietet Schwimmkurse an. Zum Teil gibt es lange Wartelisten. Angebote und Ansprechpartner sind auf der Internetseite zu finden.
Rund 9500 Mitglieder haben die Kölner Schwimmvereine. Fast alle bieten Kurse für Anfänger an. Beim 1. SV Köln (1350 Mitglieder) können meisten Kinder binnen weniger Wochen anfangen – sofern die Eltern zeitlich flexibel sind. Kurse in vielen Bädern bietet der SV Rhenania Köln (knapp 800 Mitglieder) an. Viele Vereine nutzen das Kartäuserwallbad am Humboldt-Gymnasium.
Auch die Kölnbäder bieten zahlreiche Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene an, die im Schnitt etwas teurer sind. Bei dem städtischen Tochterbetrieb ist die Nachfrage so groß, dass es Wartezeiten gibt. Das Genovevabad in Mülheim bietet seit Jahren Schwimmkurse speziell für muslimische Frauen an.
Fakt ist, dass Köln zwar im Vergleich zu Städten wie Berlin oder Bonn über wenig Wasserfläche verfügt, der Schwimmunterricht aber gut organisiert ist. Fast jede Kölner Grundschule biete Schwimmen als Schulfach an, sagt Ulrike Heuer, Leiterin des Amtes für Schulentwicklung.
Fast eine Million Euro gibt die Stadt für die Initiative „Sicher schwimmen!“ aus, mit der der Schwimmunterricht in den Grundschulen verbessert werden soll. „Die Frage ist nur“, sagt DLRG-Jugendleiter Klaus Scholz, „ob einmal Schulschwimmen pro Woche reicht. Solange die Eltern nicht mit ihren Kindern schwimmen gehen, werden sie es auch nicht sicher lernen.“
Peter Ritzmann hat versucht, das Projekt „Sicher schwimmen!“ auf die fünften Klassen auszuweiten – „das wurde abgelehnt“.
Die Zeiten, da in der Stadt Lehrschwimmbecken gebaut wurden, sind vorbei. Zehn gibt es noch in Kölner Schulen, und die sind alle mindestens 20 Jahre alt. Das Angebot an Schwimmkursen ist je nach Stadtteil sehr unterschiedlich – so warten Kinder beim DLRG in Porz bis zu zwei Jahre auf einen Anfängerkurs, während der 1. SV Köln keine Wartezeiten hat. Vereine wie Bäderbetriebe sagen, dass es schwerer werde, Übungsleiter zu finden. Und, dass die Nachfrage nach Schwimmkursen steige. Das Angebot ist da, aber Konsum allein reicht eben nicht.
Die Bäderbetriebe haben jüngst ein Schild für die Sprungtürme ihrer Bäder entwickelt, das auf die Gefahren des Springens hinweist. Am Rheinufer hat die Stadt Gefahrenschilder aufgestellt. Marc Riemann will seinen Vorschlag der Schwimmhilfen-Pflicht in öffentlichen Gremien vorbringen. Jeder tut, was er kann. Die Sommer werden unterdessen immer heißer. Und wir werden – trotz allen Tuns – langsam, aber sicher, zu einem Land von Nicht-Schwimmern.
