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Steigende Messergewalt?Anteil der Stichverletzung in Merheim höher als im Bundesdurchschnitt

Anlass für Alarmstimmung sieht der Kölner Unfallchirurg Sebastian Imach, Mit-Autor einer Studie zum Thema, aber nicht.

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Sebastian Imach (rechts), Oberarzt für Orthopädie und Unfallchirurgie am Krankenhaus Merheim, und sein Team bei der Simulation der Versorgung eines Patienten mit schweren Stichverletzung im Skills Lab in Merheim

Sebastian Imach (rechts), Oberarzt für Orthopädie und Unfallchirurgie am Krankenhaus Merheim, und sein Team bei der Simulation der Versorgung eines Patienten mit schweren Stichverletzung im Skills Lab in Merheim

Der Patient droht innerlich zu verbluten. Er stammt aus dem Türstehermillieu und hat zwei schwere Stichwunden im Brustkorb und im Bauch. Sebastian Imach, Oberarzt für Orthopädie und Unfallchirurgie am Krankenhaus Merheim, und sein Team versorgen den Mann hoch konzentriert. Sie punktieren seinen Brustkorb, damit sich der zusammengefallene Lungenflügel wieder entfalten kann. Sie geben ihm eine Blutkonserve, um den hohen Blutverlust aus den beiden Stichwunden auszugleichen und seinen Kreislauf zu stabilisieren. Sie klären ab, ob weitere lebensbedrohliche Verletzungen vorliegen. Dann wird der Mann in den Operationssaal gefahren, wo die zerstochenen Gefäße in seinem Innern genäht werden sollen.

Der Patient ist in diesem Fall eine hoch moderne Puppe zu Übungszwecken, die Stichwunden sind aufgeklebt. Und anstatt in einem der zwei Schockräume am Krankenhaus Merheim spielt sich das Szenario im so gennannten „Skills Lab“ der Kliniken der Stadt Köln in Merheim ab. Hier üben Ärztinnen, Ärzte und Rettungsteams regelmäßig den Ernstfall. Mit der Puppe können nicht nur Stichverletzungen simuliert werden, sondern viele weitere lebensgefährliche Zustände, mit denen es die Retter regelmäßig zu tun bekommen.

Nimmt die Messergewalt tatsächlich zu?

Am Donnerstag sollte es in Merheim aber explizit um Stichverletzungen gehen, denn über eine möglicherweise zunehmende Messergewalt wird immer öfter diskutiert. Tödliche Angriffe wie im August 2024 in Solingen oder im Januar 2025 in Aschaffenburg haben dazu beigetragen. „Die Diskussion in den letzten Jahren ist vor allem durch solche Leuchtturmevents geführt worden. Das sind sehr prominente Ereignisse – anders als die stürzende Oma im Altenheim nimmt man solche Ereignisse eben wahr“, sagt Oberarzt Imach.

Sebastian Imach, Oberarzt für Orthopädie und Unfallchirurgie am Krankenhaus Merheim, Mitautor einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie zu Schwerverletzten nach Stichverletzungen

Sebastian Imach, Oberarzt für Orthopädie und Unfallchirurgie am Krankenhaus Merheim, Mitautor einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie zu Schwerverletzten nach Stichverletzungen

Der Kölner Mediziner ist Mit-Autor einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU), die sich mit Schwerverletzten nach Stichverletzungen befasst. Mit der Datenerhebung habe man die Diskussion „versachlichen“ wollen, sagt Imach. Das Ergebnis: „Wir sehen in den letzten zwölf Jahren eine Zunahme in der absoluten Anzahl der Messerstichverletzungen, aber auf niedrigem Niveau.“

Patienten mit gewaltsamen Stichverletzungen sind eine zunehmende Herausforderung, aber es ist noch nicht so, dass man Alarm schlagen müsste.
Sebastian Imach, Oberarzt am Krankenhaus Merheim

Im „Deutschen Ärzteblatt“ heißt es zu der Studie: „In den letzten Jahren häufen sich Berichte über Gewaltdelikte, bei denen Messer zum Einsatz kommen. Valide Fallzahlen zu Schwerverletzten nach diesen Taten sind bisher aber nicht bekannt und die schwache Datenlage ist ein Kritikpunkt an der auch politisch geführten Diskussion.“ Die Studie werte erstmals vorliegende Daten aus und zeige die Entwicklung der Zahlen Schwerverletzter nach Gewaltdelikten durch Stichverletzungen in Deutschland.

Im Gesamtzeitraum zwischen Anfang 2013 Und Ende 2024 wurden im deutschen Traumaregister, an das zertifizierte Notaufnahmen von rund 700 Kliniken ihre Fälle melden, Daten von 291.752 Schwerverletzten dokumentiert. Davon fielen 3664 (1,28 Prozent) in die Kategorie Stichverletzung und Verdacht auf Gewalttat. Die niedrigste Fallzahl wurde für 2013 mit 212 Patientinnen und Patienten und die höchste für 2023 mit 382 dokumentiert, 2024 lag die Zahl bei 336 Fällen. „Wir haben immer noch eine viel höhere Zahl von verunglückten E-Scooter-Fahrern, unbehelmt, alkoholisiert, zu zweit auf dem Gefährt“, sagt Imach. Rund 500 solcher Fälle tauchten jährlich in den Statistiken des Traumaregisters auf.

Der fiktive Stichverletzungs-Patient am Donnerstag in Merheim sollte auf Imachs Wunsch aus dem Türstehermillieu stammen. „Um gewisse Diskussionen nicht zu führen“, sagt der Notfallmediziner: „Denn zu den Fragestellungen, die in den Medien immer wieder auftauchen, wie ein möglicher Migrationshintergrund oder die Täter-Opfer-Beziehung, haben wir keine Daten.“

Die Datenlage zu Stichverletzungen ist noch lückenhaft

Überhaupt sei die Datenlage ein Problem und müsse verbessert werden, auch das sei ein Ergebnis der Studie. Menschen, die bereits vor der Einlieferung ins Krankenhaus an einer Stichverletzung versterben, werden im Traumaregister etwa nicht erfasst. Auch ist nicht immer klar, ob es sich bei den penetrierenden Verletzungen mit Gewaltverdacht wirklich um einen Messerangriff gehandelt hat – oder dem Patienten eine andere Art von Stichverletzung zugefügt worden ist.

Die Daten aus dem Traumaregister weichen zudem stark von jenen der polizeilichen Kriminalstatistik ab. Diese weist für 2023 insgesamt 8951 Messerangriffe im Zusammenhang mit gefährlicher und schwerer Körperverletzung aus, im Jahr davor waren es 8160. Die Fälle werden unabhängig von der Verletzungsschwere aufgenommen, wenn eine staatsanwaltliche Bearbeitung erfolgt. Im Traumaregister tauchen nur jene Fälle auf, die in einer der zertifizierten Notaufnahmen behandelt wurden und einen bestimmten Schweregrad überschritten haben. „Wir müssen Strukturen finden, um das vollständig zu erfassen, denn dann kann man eine fundierte Diskussion führen“, sagt Imach.

Exakte Fallzahlen für Köln liegen nicht vor. „Aber der Anteil von penetrierenden Verletzungen bei uns im Traumazentrum ist höher als der Bundesdurchschnitt“, sagt Imach: „Patienten mit gewaltsamen Stichverletzungen sind eine zunehmende Herausforderung, aber es ist noch nicht  so, dass man Alarm schlagen müsste.“ Das Üben im „Skills Lab" sei wichtig. Denn: Wenn im Schockraum alles glatt laufe und der oder die Verletzte schnell stabilisiert und in den Operationssaal gebracht werden könne, seien die Überlebenschancen sehr gut. Das eigentlich Nähen von zerstörten Gefäßen bezeichnet der Mediziner als „Basisfähigkeit“. Imach sagt: „Das beherrscht jeder Chirurg ab dem zweiten oder dritten Weiterbildungsjahr.“