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Visionärer KonstrukteurStefan Polónyi im Alter von 90 Jahren verstorben

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Stefan Polónyi

Köln – Hätte man ihn gelassen, hätte er der Stadt ein spektakuläres Alterswerk hinterlassen: Seit Jahren trieb die Idee einer neuen, attraktiven Verbindung der Rheinufer Stefan Polónyi um. Er warb für eine lebendige Konstruktion, eine „Living Bridge“. Aus dem Rhein könnte ein Stadtraum werden, die ihn überspannende Brücke wäre mehr als ein Verkehrsweg. Geschäfte, Lokale und Wohnungen konnte sich der Bauingenieur über dem Fluss vorstellen. Für eine neue Verbindung zwischen Hauptbahnhof und Deutzer Bahnhof hatte er zudem einen verglasten „Walkway“ vorgeschlagen. Doch Visionäre haben es bekanntermaßen schwer in Köln.

Wie die Familie jetzt bekannt gab, ist der Brückenbauer, der zu den herausragenden Ingenieuren Deutschlands gehörte, am 9. April gestorben. Im vergangenen Sommer hatte der weltoffene und überzeugte Wahlkölner seinen 90. Geburtstag gefeiert. Stefan Polónyi war mehr als ein Konstrukteur. Im kreativen Dialog mit Architekten wie Helmut Jahn, Jean Nouvel, Norman Foster, Rem Koolhaas, Dani Karavan oder Christian Schaller machte er aus Ideen Baubares. „Es ist nicht Aufgabe des Ingenieurs, dem Architekten klarzumachen, dass es nicht geht, sondern zu zeigen, wie es geht“, sagte er über seine Arbeit. Polónyi trotze nicht selten dem, was man nach den Gesetzen der Schwerkraft für möglich hielt.

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Im Jahr des Ungarn-Aufstandes gegen das kommunistische Regime 1956 kam der Absolvent der Budapester Technischen Universität nach Köln. Er machte sich mit einem eigenen Statik-Büro selbstständig und lernte die Architekten Josef Lehmbrock, Fritz Schaller, Peter Neufert oder Oswald Matthias Ungers kennen, mit denen im kriegszerstörten Deutschland neue, ungewöhnliche architektonische Lösungen umgesetzt wurden.

Ungers holt ihn 1964 nach Berlin an die Technische Hochschule. Über vier Jahrzehnte führte er sein Kölner Ingenieur-Büro, während er als Professor für Tragwerkslehre forschte, lehrte und Bücher schrieb. Als Erfinder meldete er noch in hohem Alter Patente an. Zum Ausgleich ging er segeln.

Kritischer Begleiter aktueller Entwicklungen

Kritisch verfolgte er bis zuletzt Pleiten, Pech und Pannen bei Stadtplanung und Großprojekten. Temperamentvoll, engagiert und mit charmantem ungarischen Akzent mischte er sich weiter in Debatten ein. „Wenn bei Großbaustellen wie der Elbphilharmonie, dem Berliner Flughafen oder der Kölner Oper derart gravierende Fehler auftreten, dann liegen Systemfehler vor“, sagte er im Interview zu seinem 90. Geburtstag. „Für Technische Gebäudeausrüstung gibt es bis heute keine adäquate, praxisnahe Ausbildung. Das muss sich ändern.“

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