Köln – Der Großvater – niemand hätte gewagt, ihn Opa zu nennen! – saß auf dem Sofa. Kerzengerader Rücken, der Blick: entspannt und gutmütig, natürlich auch weltmännisch. Nicht autoritär, eine natürliche Autorität mit Vater-Großvater-Kanzler-Augen. Neben ihm saßen seine Töchter. Bevor ein Enkelkind ihm die Hand schütteln durfte, musste es aufgerufen werden. „Er hatte eine weiche Hand“, erinnert sich seine Enkelin Sibylle Adenauer, die Kinder hätten Respekt vor ihm gehabt, aber keine Angst. Schließlich konnte er auch prima Grimassen schneiden und Experimente vorführen.
Und er hatte Geschenke für die Enkel: für jeden eins im Wert von 20 Mark. Die Enkel schenkten dem Großvater Lesezeichen, Bilder und andere Bastelarbeiten. Wenn die Kinder ihm Dankeskarten schrieben, schrieb er handschriftlich zurück.
Sonst hatte der Alte an Weihnachten gern Ruhe. „Die Eltern diskutierten mit dem Großvater über Politik, dabei durfte man als Kind nicht stören und Krach machen“, sagt Sibylle Adenauer. Also sahen die Kinder nach dem Weihnachtsessen und der Bescherung fern, „oder wir rauchten im Keller die ersten Zigaretten und erzählten“. Vor dem Haus stand ein Wachposten vom Bundesgrenzschutz; mindestens ebenso respekteinflößend war Frau Schlief, die Haushälterin, die nicht nur kochte – sie war die Chefin im Haushalt und konnte auch streng sein, wenn es sein musste.
Starkes Traditionsbewusstsein
Abseits des Mythos vom populären Konrad Adenauer, der sich an Weihnachten Zeit für seine sieben Kinder und irgendwann 24 Enkel (von denen ein Junge starb) nahm, lässt sich eine Geschichte über Weihnachten bei den Adenauers im Kanzler-Haus am Fuße des Drachenfels in Rhöndorf auch relativ unspektakulär erzählen.
Die Familie verkörpert seit jeher das Ideal des soliden, konservativen wie weltoffenen Bürgertums: Fast keiner der 23 noch lebenden Enkel ist abgewichen von der Haltung des übergroßen Großvaters: katholisch, eher konservativ, rheinisch liberal. Der Zweite Weihnachtsfeiertag in Rhöndorf wird seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ähnlich gefeiert: Der Weihnachtsbaum steht neben einer imposanten Krippe mit Tonfiguren, die der Alte 1920 erworben hatte.
Die Familie hat sich am Nachmittag immer zunächst im Musikzimmer versammelt. Die Schiebetür zum Wohnzimmer war geschlossen. Dort wurden Liederbücher verteilt und Weihnachtslieder gesungen. „Oh Du Fröhliche“, „Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen“. Beim Lied „Ihr Kinderlein kommet“ geht noch heute die Schiebetür auf, eine helle Glocke läutet. Vor dem geschmückten Baum singt die Familie „Stille Nacht, Heilige Nacht“.
Die Enkel erinnern sich
„In meiner Jugend war der Andrang überschaubar, da waren wir zu 15 oder 20 Leuten“, erinnert sich der Kölner Notar Konrad Adenauer, der sich seit Jahrzehnten um den Nachlass seines Großvaters kümmert. „Die Familie wurde dann von Jahr zu Jahr größer.“
Wenn sich die Adenauers dieses Jahr in Rhöndorf treffen, werden sich mindestens 70 Menschen im Haus drängen. „Die Kinder und Enkel sagen Gedichte auf, einige spielen ein Stück auf einem Musikinstrument“, sagt Konrad Adenauer. Seine Cousine Bettina Adenauer-Bieberstein erinnert sich, dass es „schon eine Prüfung war, Gedichte aufzusagen. Weil es viele Zuhörer gab, vielleicht auch wegen unseres Großvaters. Er hatte eine große Präsenz, stand immer im Mittelpunkt“ – obwohl er sich eher im Hintergrund hielt und sich in den letzten Jahren mit Kartoffelpüree und einem Gläschen Weißwein begnügte, während die anderen sich am Buffet labten.
Lange war es Monsignore Paul Adenauer, dem einzigen kinderlos gebliebenen Kind des Alten, vorbehalten, die Weihnachtsgeschichte vorzutragen. Der Geistliche war es auch, der von Verlobungen, Hochzeiten, Geburten und Todesfällen in der Familie berichtete. Als die Haushälterin Frau Schlief und der Alte noch da waren, gab es stets eine Bouillon mit Markklöschen, bevor das kalte Buffet eröffnet wurde: Heringssalat, Kartoffelsalat, Roast Beef, Radieschen, Brot und Butter.
Als der Alte nicht mehr lebte, organisierte die Großfamilie das Weihnachtsessen selbst. Bis vor zwei Jahren brachte jeder etwas mit – „jetzt sind wir dazu übergegangen, einen Caterer zu beauftragen“, sagt Konrad Adenauer. „Das macht die Organisation, die jedes Jahr ein anderer Familienstamm übernimmt, deutlich einfacher.“
Nur knapp einer Katastrophe entgangen
Nach dem Essen durften die Kinder immer mit Wunderkerzen nach draußen. Um die Jahrtausendwende wäre das Haus des ersten deutschen Bundeskanzlers und langjährigen Kölner Oberbürgermeisters (1917 bis 1933 sowie Mai bis Oktober 1945) fast abgebrannt. Die Kinder hatten ihre Wunderkerzen weggeworfen – die Glut hatte zwei Zypressengewächse entzündet, die sofort in Flammen aufgingen. „Es gab einen gewaltigen Funkenflug über dem Haus. Als die Feuerwehr kam, waren die Thujas bereits abgebrannt“, sagt Konrad Adenauer. „Die Feuerwehrleute haben von uns eine Runde Korn bekommen, löschen mussten sie nicht mehr.“
Es ist nicht so, dass die Familie mit ihren Geschichten in die Öffentlichkeit drängt. Aber wenn ein Journalist fragt, erhält er freundliche Antworten. 1956, als die BRD die Wehrpflicht wieder einführte und die KPD verboten wurde, als Bertholt Brecht starb und in der Sowjetunion die Zeit des Stalinismus endete, war Konrad Adenauer der mächtigste, bekannteste und gefragteste Mann des Landes.
Im Herbst 1956 reisten Journalisten des US-amerikanischen Life-Magazins nach Rhöndorf, um eine Geschichte über den Kanzler und seine Enkel zu recherchieren. Der Fotograf Ralph Crane inszenierte „Weihnachtsfotos“ – darunter ein Bild, das den Kanzler mit seinem gleichnamigen Enkel beim Geschenke auspacken zeigt.
Die Enkel erhielten seinerzeit Spielzeug vom damaligen NATO-Oberbefehlshaber Alfred M. Gruenther. Konrad bekam ein Plastikmodell des Weißen Hauses in Puppenhausgröße samt Figuren sämtlicher Präsidenten der Vereinigten Staaten. Das Weiße Haus erhielt einen Ehrenplatz im Kinderzimmer. „Staub gewischt habe ich es wohl nur selten“, erinnert sich Konrad Adenauer. Als der Großvater eines Tages zu Besuch kam und mit dem Zeigefinger über das Weiße Haus wischte, soll er gesagt haben: „Ich werde dir ein paar Grassamen schicken. Die kannst du auf den Staub pflanzen, dann ist er nicht mehr zu sehen.“ Der Enkel hat das Weiße Haus dann schnell vom Staub befreit.
