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„Politiker gehen, Freunde bleiben“Wie ein Kölner und ein Amerikaner seit 67 Jahren verbunden sind

1959 lernten sich die beiden als Schüler kennen. Vietnam-Krieg, Wiederaufrüstung und sogar Trump brachten sie nicht auseinander.

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Don Geiger (l.) und Joachim Vollmar schauen sich alte Fotos an. Der Amerikaner ist wieder einmal einige Tage zu Besuch in Köln.

Don Geiger (l.) und Joachim Vollmar schauen sich alte Fotos an. Der Amerikaner ist wieder einmal einige Tage zu Besuch in Köln.

Am meisten überrascht hat Joachim Vollmar damals, vor 67 Jahren, dass es in Amerika Orangensaft zum Frühstück gab. „Jeden Morgen, das kannte ich so nicht. Hat mir sehr gut gefallen.“ 17 Jahre alt war der Kölner und einer von 100 Jugendlichen aus ganz Europa, die mithilfe einer katholischen Organisation in die USA vermittelt wurden, um das Land kennenzulernen. Fünf Tage dauerte die Überfahrt mit dem Schiff, dann ging es mit dem Zug weiter. Nach Stockton, 300.000 Einwohner, im sonnigen Kalifornien.

Dort wurde er von der Familie von Don Geiger aufgenommen, der war fünf Monate jünger als er. „Über Amerika wusste ich eigentlich nichts“, erinnert sich Joachim Vollmar in seinem Haus in Lindenthal. Mit ihm am Tisch und über alte Fotos gebeugt sitzt Don Geiger. „Auch ich hatte keine Vorstellung von Deutschland. Aber irgendwie wurden wir ganz schnell wie Brüder“, sagt Geiger. Die beiden sind heute 83 Jahre alt und haben nie den Kontakt verloren. Gerade war Don Geiger wieder einige Tage zu Gast in Köln.

Don Geiger (l.) und Joachim Vollmar 1959 als Schüler

Don Geiger (l.) und Joachim Vollmar 1959 als Schüler

Orangensaft, Donuts, italienisches Essen, das Dons Mutter kochte, und abends sogar ein Bananasplit in einer Milchbar – auch das war neu für Joachim Vollmar. Dass er Deutscher ist, sei damals, 1959, kein Thema gewesen, bestätigen beide. Obwohl das Ende des Zweiten Weltkriegs noch gar nicht so fern war, habe es keine Vorbehalte gegeben. „Ich bin nicht als Besiegter behandelt worden. Es gab nur einen Pater an der Schule, der fragte mich einmal: Wie konnte das mit Hitler passieren? Aber ich war einfach zu jung. Ich habe gesagt: Das weiß ich nicht.“ Im Hansa-Gymnasium daheim sei der Geschichtsunterricht nur bis zum Ersten Weltkrieg gegangen und sein Vater habe auch nie über die Zeit gesprochen.

Konrad Adenauer in Berkeley gesehen

Stattdessen genossen die beiden die Schulzeit und reisten viel. An der Uni Berkeley trafen sie ausgerechnet Bundeskanzler Konrad Adenauer, der sich auf einer Weltreise befand und hier einen Vortrag hielt. Sie erlebten die Olympischen Winterspiele in Squaw Valley und sahen in San Francisco hochklassiges Tennis.

1960 war für Joachim Vollmar das Jahr in Kalifornien zu Ende. Sein Freund kam für drei Monate mit nach Deutschland, obwohl das offiziell gar nicht vorgesehen war. Don Geiger – „Ich habe wohl Vorfahren aus Bayern, aber das haben wir noch nicht erforscht“ – erzählt, was ihm damals auffiel: „Köln hat natürlich mehr Geschichte als Kalifornien. Es ist eine römische Stadt mit alter Kultur und Architektur.“ Der Rhein, die Burgen, aber auch Paris und Rom wurden bereist.

Immer auf Reisen: Joachim Vollmar (l.) und Don Geiger

Immer auf Reisen: Joachim Vollmar (l.) und Don Geiger

Beide Männer wurden Rechtsanwälte, gründeten Familien und blieben immer in Kontakt. Früher durch Briefe, heute durch Telefonate und Mails, alles auf Englisch. Don Geiger versteht aber ein bisschen Deutsch.  Und beide wissen viel über die Heimat des anderen. In den mehr als sechs Jahrzehnten sei das politische Verhältnis der Länder oft auf die Probe gestellt worden. Die beiden haben fein säuberlich auf Papier aufgelistet: Vietnam-Krieg, Wiederaufrüstung, Irak-Krieg, Merkel-Abhöraffäre. „Aber wir haben darüber eigentlich nie gesprochen, wir hatten anderes zu tun“, sagt Vollmar.

Das Thema Trump ist dagegen nun eigentlich unumgänglich und wird durch die Midterm-Wahlen nochmal aktueller. Don Geiger sagt zwar: „Hoffentlich überleben wir die nächsten Jahre, ohne dass unser Land und unsere historischen Werte komplett zerstört werden.“ Trump Amtszeit endet spätestens Januar 2029. Aber Geiger mahnt auch zur Gelassenheit. „Politiker kommen und gehen, Freundschaften bleiben. Die Zeit wird alles heilen.“

Aushalten bis zum Ende der Amtszeit von Donald Trump

Und was ist mit den Berichten, dass sich sogar Familien über Trump zerstreiten? Und dass man hierzulande, will man nach Amerika reisen, besorgte Fragen von Bekannten zu hören bekommt: „Oh, hast du keine Angst vor Einreise-Schikanen und den schlimmen Trump-Wählern?“ Don Geiger sagt, dass er niemanden kenne, der komplett mit allem einverstanden sei, was Trump mache. Da gebe es viele Schattierungen.

Genauso wie in Deutschland, wenn es um die AfD, um die Immigration und um Linksextremisten gehe. „Und ich kenne keinen Vater, der sich wünscht, dass sein Sohn genauso wird wie Trump“, sagt er und beide Männer lachen. „Man sollte Trump nicht zu wörtlich nehmen.“ Die Politik werde irgendwann zur Normalität zurückkehren. „Man sollte nicht das Kind mit dem Bade ausschütten.“ Das Sprichwort gibt es im Englischen auch.

„Don ist immer positiv und optimistisch“, sagt der deutsche Freund. Auch er denkt: „Wir sind in einer Übergangsphase.“ Und im Grunde wollten doch alle Menschen das Gleiche, fügt Don Geiger hinzu: „Ein Nickerchen nach einem reichhaltigen Essen, ein heiles Dach über dem Kopf, gesunde Kinder.“

Das kleine Weihnachtsbäumchen hatte Joachim Vollmars Vater in die USA geschickt. Er hatte Angst, sein Sohn würde Heimweh bekommen.

Das kleine Weihnachtsbäumchen hatte Joachim Vollmars Vater in die USA geschickt. Er hatte Angst, sein Sohn würde Heimweh bekommen.

Die Freundschaft hat sich über die Generationen fortgesetzt. Man ist bei Hochzeiten der Kinder dabei, machte gemeinsam eine Kreuzfahrt. Don Geiger und Joachim Vollmar schauen sich noch einmal alte Dokumente an. Auch das Abschiedsalbum, das die amerikanischen Mitschüler damals für Vollmar machten. „Das habe ich erst jetzt richtig nachgelesen, hätte ich mal früher machen sollen. Da stand etwas von ‚handsome German‘ und noch Besseres“, sagt er. Näheres will er nicht verraten.

Es findet sich auch ein Foto, das ein winziges Weihnachtsbäumchen auf dem großen amerikanischen Festtagstisch von 1959 zeigt. „Den hatte mir mein Vater mit der Post geschickt, samt Kerzen, weil er Angst hatte, ich hätte Heimweh.“ Hatte er aber nicht.

Woher es wohl kommt, dass die beiden so lange verbunden sind? „Vielleicht war irgendwas im Orangensaft“, sagt Don Geiger.