Ein Gastbeitrag von Kabarettist Wilfried Schmickler, der seit 40 Jahren in der Südstadt wohnt.
Serie „Kölner Plätze“Warum der Chlodwigplatz kein „Clodi“ ist

Wilfried Schmickler ist seit 45 Jahren politischer Kabarettist.
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Was mir am Chlodwigplatz so gefällt? Außer dem Auto-Verkehr eigentlich alles: Das imposante Erscheinungsbild mit den prächtigen Fassaden, der einladende Eingang zur U-Bahn nach nirgendwo, die üppige Bepflanzung, die geschmackvolle und urgemütliche Möblierung, die internationale Spitzen-Gastro und natürlich das Minsche-Jemölsch.
Seinen Namen hat dieser Platz bekanntlich vom ersten Chlodwig, ohne den es keine Merowingerstraße gäbe. Und wenn seine zweite Frau, die heilige Clothilde, ihn nicht zum Katholizismus getrieben hätte, gäbe es nicht das heutige Köln in seiner ganzen katholischen Heiligkeit. Und dann dieses prächtige Tor, die Pooz. Benannt nach dem Schutzpatron der Stadt Köln, dem Zinter Vring. Lustiger Vogel! Der Überlieferung nach hörte er auf einem Spaziergang mit Kölner Hochwürden-Trägern plötzlich die Englein singen und sah vor seinem geistigen Auge seinen alten Kumpel, den Zinter Mätes, gen Himmel fahren. Das hat er den anderen natürlich erzählt, und die haben ihn daraufhin heiliggesprochen.
Entkölschung des Veedels droht
Damals wohnten im Vrings-Veedel vor allem Kappesboore, die dann später Geschäftsleute und noch später Wirte wurden. Aber das ist nur eine von vielen Geschichten rund um diesen besonderen Platz. Zum Beispiel die Geschichte des 9. November 1992 als über 100.000 gute Menschen auf dem Chlodwigplatz und in den Straßen der Südstadt ihre Ärsche hoch und ihre Zähne auseinander bekamen und „Gegen Rassismus und Neo-Nazis“ demonstrierten.
Seit ich vor nunmehr 40 Jahren aus Leverkusen in den Süden Kölns immigriert bin, vergeht kein Tag, an dem ich nicht mindestens einmal diesen himmlisch friedlichen Platz überquere und mich an seiner Vielfalt und seiner Lebendigkeit erfreue. Und deshalb ist es umso bedauerlicher, dass in den vergangenen Jahren ein Wandel stattgefunden hat: die „Entkölschung“ des Veedels.
Vorbei die Zeit, als in den Kaffee-Buden und Kaschemmen rund um die Pooz die Klaaf-Müler und Kläv-Botze in schier endlosem Verzäll das Brauchtum pflegten. Heute wird dieser uralte Kulturraum mehr und mehr besetzt von der Generation E – E wie Erben. Sie nennen sich selber „Südis“ und den Chlodwigplatz „Clodi“, und sie schieben ihre „Kiddies“ in mitwachsenden Bugaboos oder transportieren sie in mindestens drei Meter langen Mütterschiffen Marke „Bambini Elfenbein“. Und wenn sie mal ausnahmsweise nicht mit sich selbst telefonieren, beschweren sie sich über die Obdachlosen, die Versprengten, die Traumatisierten und Verstörten, die es wagen, mit ihrer Anwesenheit ihren Supi-Clodi zu verschmutzen.
Und am Rosenmontag singen sie dann wieder alle die Hymne der Heuchler und Selbstgerechten: „Haste auch kein Geld…“ Dabei heiß es doch „Häste“. Und jetzt alle: „Zick-zick! Zick eröm!“ Clothilde, ming Droppe!
Wilfried Schmickler (71) lebt seit mehr als 40 Jahren in der Südstadt. Seit 45 Jahren steht er als politischer Kabarettist auf der Bühne. Nun geht er wieder auf Tournee. Premiere des Programms „Der tut’s noch“ ist am 24. und 25. September in der Comedia.
Unsere Serie „Kölner Plätze“ rückt einmal im Monat einen Ort in Köln in den Fokus. Wir erklären, wieso der Platz heute so aussieht, wie er aussieht. Wir sprechen mit den Menschen, die dort wohnen und arbeiten.
Daraus entsteht eine To-do-Liste: Die Menschen, die an dem Platz leben, können nicht nur am besten beschreiben, was ihn zu einem essenziellen Teil Kölns macht. Sie sehen auch jeden Tag, wo es Verbesserungsbedarf gibt. Reden auch Sie mit uns über den Chlodwigplatz: Wie erleben Sie ihn? Was hält Sie hier? Was fehlt? Ergänzen Sie die Aufgabenliste!
Vielleicht haben Sie eine besondere Geschichte zu erzählen, die Sie mit dem Chlodwigplatz verbindet. Oder haben Sie besonders schöne, auch bezeichnende oder historische Fotos des Platzes? Dann senden Sie eine Mail an ksta-koeln@kstamedien.de

