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Ikonisches Willy-Brandt-Bild wird 50Alternative zu Heckenschere und Hass – Kölner Fotograf erinnert sich

7 min
Willy Brandt am 17. Juli 1976 mit Mandoline bei einer Wahlkampftour in Ostwestfalen-Lippe: Das Bild des Kölners Henning von Borstell wurde berühmt.

Willy Brandt am 17. Juli 1976 mit Mandoline bei einer Wahlkampftour in Ostwestfalen-Lippe: Das Bild des Kölners Henning von Borstell wurde berühmt.

Henning von Borstell, später Presseamtsleiter der Stadt Köln, machte das geschichtsträchtige Foto im Juli 1976.

Willy Brandt im Jeans-Hemd, Kippe im Mundwinkel, Mandoline in der Hand. Der Politiker als Weltmann und Existenzialist. Deutschland, jenseits von Pantoffeln und Provinzialität, Heckenschere und Hass. Robert Lebeck, berühmt für seine intimen Bilder von Romy Schneider, und Kanzler-Fotograf Conrad Rufus Müller saßen wenige Meter entfernt auf der Terrasse der Gastwirtschaft Forstfrieden in Detmold, als Henning von Borstell an diesem schwülheißen Julitag 1976 auf den Auslöser seiner Olympus 35DC drückte. Das Foto schrieb Geschichte. Der Fotograf, der kein Fotograf war, sondern PR-Profi im SPD-Parteivorstand und später über 20 Jahre lang Presseamtsleiter der Stadt Köln, ahnte das sofort.

„Ich habe normale Dias gemacht, sehe dieses Bild und mich rührt der Blitz: Willy war gedanklich ganz weit weg, in seiner Jugend wahrscheinlich, sein Gesicht total entspannt, das war ganz und gar unerhört, was da passierte auf dem Foto“, sagt von Borstell 50 Jahre später im Wohnzimmer seines Reihenhauses in Porz-Zündorf bei Filterkaffee und Kuchen. Fast alle Gefährten von damals sind inzwischen tot, das Foto ist geblieben, es wird im SPD-Shop weiter verkauft, Willy Brandt mit Mandoline, 50 x 70, 6,50 Euro.

Mit einer Olympus 35DC schoss Henning von Borstell ein ikonisches Bild von Willy Brandt.

Mit einer Olympus 35DC schoss Henning von Borstell ein ikonisches Bild von Willy Brandt.

Als von Borstell das Foto im Sommer 1976 SPD-Bundesgeschäftsführer Holger Börner zeigte und riet, es zu vermarkten, habe der nur gesagt: „Nein, Henning, das machen wir nicht. Wir machen keinen Personenkult.“ Von Borstell lächelt bei der Erinnerung. Börner war für ihn eine Instanz. Aber die Transzendenz dieses Bildes, das größer war als die Wirklichkeit – in Einheit mit einem Menschen, den so viele liebten und verehrten, weil er war, wie er war, und der doch gerade am Boden lag, politisch wie mental – die wollte er nicht nur seinen Freunden zeigen, sondern ganz Deutschland. Also suchte er nach einem Genossen, der empfänglicher war für große Gefühle. Von Borstell fand einen Geschäftsführer des SPD-Unterbezirks Dortmund, der den Druck von Plakaten bezahlte. 

Dass eine Redakteurin des „Redaktionsnetzwerks Deutschland“ (RND) in dem Bild jüngst „den Einzug der Pop-Performance bei SPD-Spitzenpolitikern“ sah, hat Henning von Borstell zu einem erbosten Leserbrief veranlasst. „Das ist ja großer Unsinn“, sagt er. Dass Willy Brandt der erste deutsche Politiker mit Popstar-Potenzial war, eher nicht. „Aber sein Charisma war anders als bei vielen Charismatikern zu 100 Prozent beglaubigt durch seinen Lebenslauf“, betont von Borstell. Widerstand gegen das NS-Regime, Flucht aus Deutschland, Kniefall von Warschau, Friedensnobelpreis, längst nicht nur das.

Beim Anblick von Müll sinnierte Willy Brandt über die Prügelstrafe

Dass Existenzialismus und Authentizität schwer in Mode waren und Willy Brandt mit Kippe und Mandoline diesen Zeitgeist perfekt verkörperte, wusste PR-Mann von Borstell sehr genau. Dass Brandt auf der dreitägigen Wanderung durch den Teutoburger Wald beim Anblick von Müllhaufen am Wegesrand auch über die „Wiedereinführung einer leichten Prügelstrafe“ sinnierte, schadete einem Politiker im Jahr 1976 ebenso wenig wie seine Reaktion auf zwei nicht zum Lehramt zugelassene DKP-Anhänger, die Brandts Frühstück am ersten Tag für eine Demonstration gegen den Radikalenerlass nutzten. Brandt reagierte Zeitungsreportagen zufolge authentisch mit den Worten „Ich bin doch nicht der Anwalt für irgendeinen Krimskram“  und: „Ihr könnt mich mal im Mondschein besuchen.“ Bevor er hastig zur Wanderung aufbrach.

Großer Unsinn ist – das nur am Rande – die Antwort einer KI auf die Frage zum Lebenslauf von Henning von Borstell: „Seine größte Leistung bestand darin, einen einzigen, magischen Moment mit einfachen Mitteln festzuhalten“, schreibt die Künstliche Intelligenz. Was daran liegt, dass der Algorithmus im Netz zahlreiche Texte zu dem ikonischen Mandolinenbild findet, aber kaum welche über das berufliche Wirken des heute 85-jährigen von Borstell, der erfolgreiche Wahlkampagnen für die SPD entwickelte und die Stadt Köln mehr als 20 Jahre lang als Pressechef „als Dienstleistungsbetrieb für die Bürger darstellen wollte – was mir hoffentlich auch einigermaßen gelungen ist“.

Wenn man allein die öffentliche Wirkung des eigenen Handelns als Maßstab nimmt, liegt die Künstliche Intelligenz indes nicht komplett falsch. Nach Brandts Kniefall von Warschau zählt von Borstells Bild zu den bekanntesten in der Geschichte der SPD. Dutzende Journalisten haben darüber berichtet und das Foto mit weiterer Bedeutung aufgeladen. „Inszeniert war hier nichts“, schreibt die Friedrich-Ebert-Stiftung über das Bild. Nun ja, die ganze Tour durchs SPD-Stammland Ostwestfalen-Lippe war eine Inszenierung des politisch angeschlagenen Vorsitzenden. Man könnte da die Frage nach dem richtigen Leben im falschen stellen.

Porträt von Willy Brandt

Willy Brandt, Schwarz-Weiß-Bild mit Widmung für Henning von Borstell

So oder so: Im Sommer 1976 habe Brandts Außenwirkung dringend einer Auffrischung bedurft. „1974 war er das Amt als Kanzler losgeworden, psychologisch war er in einem furchtbaren Tief. In der Bonner SPD-Baracke haben wir überlegt, wie wir ihn zu neuem Selbstvertrauen verhelfen können“, sagt von Borstell. Den lahmen Wahlkampfslogan „Mit Willy Brandt durchs Land“ habe nicht er sich ausgedacht, sagt er. Aber, dass Brandt drei Tage durch den Teutoburger Wald wandert und dort auch einen Arbeiter-Mandolinenclub trifft, das passte. „Als Willy sich gerade eine Zigarette angezündet hatte, fing eine Frau vor ihm an, auf der Mandoline zu spielen. Er hat sich die Mandoline dann einfach genommen und angefangen, ein bisschen zu zupfen.“ Von Borstell saß davor.

Die Menschen, die im Hintergrund saßen, wurden für das Plakat später wegretuschiert, damit Brandt in seiner Selbstvergessenheit noch besser zur Geltung kommt. „Das Plakat ist eine Prä-Photoshop-Manipulation, deren Verzicht auf die konkrete Kulisse und ihre als nebensächlich angesehenen Statisten allein den Zweck der bestmöglichen Wirkung erfüllt“, schreibt die Ebert-Stiftung.

Ich war froh, in seinem Dunstkreis zu sein, mit ihm zu reden, Kampagnen für ihn zu machen. Das war Glück, Ehre, was weiß ich
Henning von Borstell über seine Arbeit für Willy Brandt

50 Jahre später holt Henning von Borstell die Olympus 35DC aus einer Gefriertüte und tastet nochmal auf den Auslöser. „Eine günstige Halbautomatik. Ist leider kaputt, aber die behalte ich natürlich.“ Er hat die Geschichte von dem Foto oft erzählt, auch deswegen weiß er bis heute jedes Detail. Die drückende Hitze, Brandts Schwermut, die böse Reaktion des Kanzler-Fotografen Müller, als er das Foto mit dem retuschierten Hintergrund sah, auf dem zuvor zentral auch er, ein schöner Mann mit seinem weizenblonden Haar, zu sehen gewesen war.

Willy Brandt, der Charismatiker

Von Borstell kommt ins Schwelgen. „Willy sang sehr gern, er war gern froh, kumpelhaft und unglaublich trinkfest. Und natürlich zog er viel Neid auf sich, weil er so einen Erfolg bei Frauen hatte.“ Es war die Zeit, als Udo Jürgens „17 Jahr, blondes Haar“ sang und das alle toll fanden. Brandt hat Jürgens gemocht und ihn oft zu seinen Festen eingeladen. Das Monogame war beiden fremd, beide erzählten die Geschichte, dass das Leben zum Genießen da sei. Und bedienten auch damit eine Sehnsucht, die das Mandolinenbild noch verstärkt.

Henning von Borstell hat sich dem Charismatiker Willy Brandt, dieser „Verkörperung gelebter Menschlichkeit“, wie so viele nicht entziehen können. „Ich war froh, in seinem Dunstkreis zu sein, mit ihm zu reden, Kampagnen für ihn zu machen. Das war Glück, Ehre, was weiß ich.“ Das Bild hat er sich von Brandt signieren lassen. Im Mai 1981 schenkte Brandt ihm noch ein Schwarz-Weiß-Porträt „mit guten Wünschen“, das im Zündorfer Reihenhaus überdauert hat. 

Der studierte Volkswirt von Borstell ist in Oberbayern aufgewachsen. In die SPD trat er Mitte der 1960er Jahre nicht wegen Willy Brandt ein, sondern wegen Jochen Vogel, die Älteren werden sich erinnern. Der spätere SPD-Vorsitzende und Kanzlerkandidat war seinerzeit Oberbürgermeister von München. „Er verkörperte das Gegenteil der Amigo-Kultur der CSU, das hat mich fasziniert.“

Den Sozialdemokraten ist von Borstell seit 60 Jahren treu geblieben, nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hat er neben SPD-Granden wie Rolf Mützenich und Norbert Walter-Borjans ein „Manifest zur Friedenssicherung in Europa“ unterschrieben, in dem von der „schrittweisen Rückkehr zur Entspannung der Beziehungen und einer Zusammenarbeit mit Russland“ die Rede ist, ohne genau die Bedingungen dafür zu benennen.

Ich hadere damit, dass viele Politiker, egal von welcher Partei, ein Glaubwürdigkeitsproblem haben, weil sie zu sehr daran denken, ob sie wiedergewählt werden
Henning von Borstell

Ob er nicht glaube, dass die SPD ein Auslaufmodell sei, auch weil sie zum Teil noch heute auf „Wandel durch Annäherung“ mit Russland setze, aber kaum noch als Partei wahrgenommen werde, die für Arbeiter und Einkommensschwache kämpfe? Er habe diese Sorge, sagt von Borstell, „und ich hadere damit, dass viele Politiker, egal von welcher Partei, ein Glaubwürdigkeitsproblem haben, weil sie zu sehr daran denken, ob sie wiedergewählt werden“. Willy Brandt habe dieses Glaubwürdigkeitsproblem nie gehabt. Ohne Charaktere wie ihn, sagt der Mandolinenbild-Fotograf, „habe ich große Sorge, dass die Demokratie vor die Hunde geht“.