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Spurensuche in KölnWohnen neben dem alten Fahrkarten-Schalter

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Der alte Nippeser Bahnhof im Mai 1988

Nippes – Ein dumpfes Grollen. Ein leises Rattern. Der Parkettboden vibriert leicht. Knapp zehn Sekunden lang, dann ist es wieder still. „Wir hören das schon gar nicht mehr“, sagt Pamela Barron. Mit Ehemann Bruce und dem zwei Jahre alten Tayo sitzt sie im lichtdurchfluteten Wohnzimmer ihres Stadthauses im Nippeser Sechzigviertel.

Seit zwei Jahren wohnt die Familie dort. An die S-Bahnen und die Güterzüge, die mehrmals in der Stunde hinter dem Gebäude herfahren, haben sie sich schnell gewöhnt. „Wir sind Stadtkinder und wussten ja, was wir hier kaufen.“

Von der Geschichte des beinahe 100 Jahre alten Baus neben ihrem Haus wissen die Barrons dagegen nur so viel: Es war einmal ein Bahnhof.

Manchmal kämen ältere Menschen vorbei, um sich anzusehen, was aus dem einst bedeutenden Haltepunkt auf der Strecke Köln-Krefeld geworden ist. „Wir nennen diese Leute immer Touristen“, sagt Pamela Barron. Viele von ihnen würden Fotos machen und Geschichten von früher erzählen.

Einer, der solche Geschichten erzählt, ist Fred Meyer, pensionierter Eisenbahner aus Mauenheim. Jahrzehntelang war der Nippeser Bahnhof an der Escher Straße „seine Haltestelle“, wenn er auf Reisen ging. „Damals hielten dort noch Eilzüge an den Bahnsteigen“, erinnert sich der heute 78-Jährige. „In der großen Bahnhofshalle gab es sogar eine Gepäckabfertigung.“

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1955 machte Meyer während seiner Ausbildung bei der Bahn Station an der Fahrkartenausgabe in Nippes. In einer kleinen gläsernen Zelle verkaufte er im Schichtdienst Fahrkarten und Bahnsteigkarten. Die brauchten früher alle, die Freunde und Verwandte zum Zug bringen oder dort in Empfang nehmen wollten.

Ein langer Gang führte damals von der Bahnhofshalle über eine große Treppe zum Bahnsteig. Weil dieser in einer Kurve lag, war er außergewöhnlich breit. „Das Innere der Haltestelle machte ansonsten nicht viel her“, sagt Meyer. Das Besondere an dem Bahnhof sei seine Außenfassade gewesen.

Die hat es auch Architekt Stefan Schramm angetan, der den alten Bahnhof zu dem machte, was er heute ist: ein Wohn- und Bürogebäude. Um 1920 erbaut, war das Gebäude 70 Jahre später für den Zugverkehr überflüssig geworden. Die Deutsche Bahn hatte Ende der 80er Jahre die S-Bahn-Strecke zwischen Köln und Düsseldorf erweitert und die Haltestelle Köln-Nippes 200 Meter weiter nach Norden – an die Kreuzung Escher Straße/Liebigstraße – verlegt – wo auch heute noch die S 11 und die S 6 halten.

Lesen Sie im nächsten Abschnitt: Wie aus dem Bahnhof ein Wohn- und Bürohaus wurde und welche Relikte alter Zeiten geblieben sind.

Mehr als zwei Jahrzehnte lang stand der alte Bahnhof leer. Dann rückten die Bagger an. Der spezielle Baustil des Gebäudes hätte den Umbau zu einer Herausforderung gemacht, sagt der Münchener Architekt. „An dieser Stelle gab es kein gültiges Baurecht.“ Bei der Planung habe er eng mit Stadtverwaltung, Denkmalbehörde und Bahn zusammengearbeitet. Das denkmalgeschützte Bahnhofsgebäude blieb erhalten, ebenso der Bahnhofsvorplatz. Die Fassade erhielt einen neuen Anstrich, Schriftzug und S-Bahn-Schild über dem Eingang verschwanden.

Die Fenster und Türen rekonstruierte Schramm anhand von Überresten im Gebäude. Im Bahnhofsinneren dagegen „war nichts mehr, das noch einen besonderen Charme hatte“, sagt der Architekt. Er ließ Decken und Wände einziehen und das Gebäude aufstocken. Die Dächer der eingeschossigen Flügel wurden zu Terrassen umgestaltet, vier Wohnungen entstanden. Die Bahnhofhalle, in der Fred Mayer damals Fahrkarten verkaufte, ist heute ein Büro. Links und rechts des Altbaus wurden je zwei Stadthäuser gebaut, in denen unter anderem die Familie Barron wohnt. Der quadratische, moderne Loftstil und die großen Glasfassaden sollen einen optischen Kontrast zum Altbau bilden.

Ein Relikt vergangener Zeiten und die einzige Spur, die noch auf die alte Nutzung des Gebäudes hinweist, ist die Bahnhofsuhr im Giebel über dem einstigen Haupteingang. Sie verschwand nach der Stilllegung des Bahnhofs und kehrte mit dem Umbau funktionstüchtig wieder zurück.

Nicht für jeden sichtbar, gibt es auch bei Familie Barron noch ein kleines Andenken an den alten Nippeser Bahnhof. In ihrem Garten, an der weißen Fassade des modernen Stadthauses, hängt ein kleines blaues, leicht angerostetes Schildchen mit einer weißen Nummer 31 darauf. „Wir haben es beim Einzug auf einem Haufen Bauschutt entdeckt“, sagt Bruce Barron. Auch wenn die Familie nur von Erzählungen die Geschichte des alten Nachbargebäudes kennt: „Die alte Hausnummer kann man doch nicht einfach wegschmeißen.“