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Wohnungsauflösung in Köln
Letzter Umzug für Senioren ist für alle Beteiligten schwer

Kaffeebild Sanna Nuebold

Sanna Nübold

  • Wie reagieren Menschen – was erzählen sie, wenn man sie auf der Straße anspricht und zu einem Kaffee einlädt?
  • Dieser Frage geht Susanne Hengesbach regelmäßig nach. Heute spricht sie mit der Kölner Künstlerin Sanna Nübold.
  • Was nimmt man am Ende aus der eigenen Wohnung in ein 30-Quadratmeter-Heimzimmer mit?

Köln – Angesichts der Vielzahl von Büchern zum Thema „Minimalize your life“ sollten wir längst zu Minimalisierungs-Profis und Experten in Sachen Reduzieren geworden sein. Dass das Verkleinern in einer bestimmten Lebenssituation nach wie vor eine große Herausforderung darstellt, davon erzählt die Kölnerin, mit der ich heute Kaffee trinke.

Meine Gesprächspartnerin ist die Kölner Grafikerin und Künstlerin Sanna Nübold, die ihren Taufnamen Susanne möglicherweise schon deshalb früh ablegte, weil der Vater mir ihr als Kind keine Spielplätze aufsuchte, sondern „lieber Kirchen besichtigte", wo ihr gewissermaßen das Hosianna in der Wiederholungsschleife um die Ohren flog. Vor ein paar Jahren, nach dem Tod des Vaters, erfuhr die Kölnerin zum ersten Mal was es heißt, in einem Gemäuer – „300 Quadratmeter plus Keller“ –  voller Erinnerungen zu stehen, auf meterweise Buchrücken zu starren und sich darüber klar zu werden: Das muss nun alles weg. Im Jahr 2016 wiederholte sich die Situation in ähnlicher Form. Diesmal war es die schon lange allein lebende Mutter, die sich von ihrem Haus trennen und in eine 80-qm-Wohnung ziehen wollte. 

„Als ob ich meine Mutter verkaufe"

„Meine Mutter hat zeitlebens gesammelt“, sagt Sanna Nübold in einem Ton, der nach Bewunderung und keineswegs nach Vorwurf klingt. Von Griechenland-Urlauben habe sie Steine mitgebracht, von Flohmärkten alle möglichen alten Schätzchen. So wie der Vater, habe auch ihre Mutter Bücher geliebt, außerdem Kunstgegenstände, Bilder und vieles mehr. Dann, berichtet die Kölnerin, kristallisierte sich im vergangenen Sommer heraus, dass die nunmehr 93-jährige Mutter auch in dieser Wohnung nicht mehr lange alleine würde leben können.

„Da steht man dann vor einer ganz schweren Entscheidung“, sage ich. „Ja und nein“, entgegnet mein Gegenüber. „Einerseits kam ich mir ein bisschen so vor, als ob ich meine Mutter verkaufe. So – jetzt weg mit Dir!“, beschreibt Nübold ihr Dilemma. „Aber ganz pragmatisch betrachtet, wusste ich, es ist die einzige Möglichkeit, ihr noch ein einigermaßen angenehmes Leben zu ermöglichen.“

93-Jährige Kölnerin zieht um: 50 Quadratmeter weniger

„Und haben Sie eine Unterbringung gefunden?“ – „Wir hatten super Glück! Ich glaube, sie ist im nettesten Heim Kölns, im Haus Deckstein, untergekommen. Ich habe dort noch keinen unfreundlichen Menschen getroffen, da müffelt nichts, da ist alles – auch die Leitung – extrem menschenfreundlich." Nübold lächelt. „Und meine Mutter hat sofort im Speisesaal Menschen kennengelernt, mit denen sie sich gut versteht.“ Mit anderen Worten: tägliche soziale Kontakte, die vorher nicht mehr gegeben waren.

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„Aber sie wird dort keine 80 Quadratmeter mehr haben“, mutmaße ich.  „Jetzt sind es 30“, erklärt mein Gegenüber. Als Grafikerin und Künstlerin verfüge sie zwar über ein „gutes räumliches Vorstellungsvermögen“, sagt Nübold. Trotzdem sei es sehr schwer gewesen, die Dinge auszusuchen, die mit sollten beziehungsweise mit konnten. „Auch, weil ich selber diese Dinge ja auch kenne, seitdem ich lebe, und somit ging da auch ein Teil von mir mit weg.“ Ich nicke. Am Ende gehe es weniger um materielle Werte; zumal es heute für gewisse Dinge wie zum Beispiel Orientteppiche keinen Bedarf mehr gebe. Entscheidend sei die Frage: „Was liebt die betreffende Person wirklich und was liegt ihr am Herzen?“

Viele Gemeinsame Erinnerungsgegenstände

Sie habe den Anspruch an sich selbst, gewisse Dinge im Leben so gut sie könne zu regeln, sagt Nübold und klingt so, als sei ihr das im Herbst auch geglückt. Die Mutter habe ihre Lieblingsbilder mitnehmen können, „einen schönen Teppich, eine sehr schöne Kommode“, und ihre alten Vorhänge hätten wie maßgeschneidert gepasst. Sie selber, erzählt die Kölnerin, habe die barocken Sherrygläser mitgenommen“, die immer in der Vitrine standen „und die ich als Kind nie anfassen durfte“, sowie das Tee-Service.

„Meine Mutter war einer der wenigen Menschen in Köln, wo der Tee schmeckte“, erzählt die Kölnerin. „Und sie war eine Finderin!“ Diese Eigenschaft scheint auch Sanna Nübold gegeben zu sein, denn auch sie findet Dinge und nutzt sie für ihre künstlerische Arbeit – zum Beispiel für ihre Scherben-Wesen oder ihren Wandschmuck. Nübold berichtet von kleinen Skulpturen, die sie auf Wunsch fertigt und offenbart mir zum Abschied noch einen Zukunftswunsch: „Ich würde mich so gerne in die Gestaltung von Bestattungshäusern einbringen.“

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