- Selten wird der Krieg so illusionslos und realistisch gezeigt wie in „A War“.
- Zu Beginn erzählt Lindholm seinen Film aus doppelter Perspektive: Claus ist im Krieg, seine Frau Maria kümmert sich zu Hause um die Kinder.
Jeder einzelne der dänischen Soldaten wird sich irgendwann fragen, was in aller Welt er eigentlich in Afghanistan treibt. Wo man das massiv umzäunte Basislager aufgeschlagen hat, dorthin wollen die Taliban zurück.
Die Bevölkerung ringsum ist verängstigt, und wen wundert es: Jedem, der in Verdacht gerät, mit den Dänen zu kooperieren, droht die Kollektivstrafe des Familienmords. In den ersten Szenen von Tobias Lindholms „A War“ arbeitet sich eine Patrouille durch vermintes Gelände voran – die Kamera ist in banger Vorausahnung immer wieder auf die Stiefel der Soldaten gerichtet. Und tatsächlich: Einen zerfetzt es, und die anderen fragen sich mit kaltem Schweiß auf der Stirn, was in aller Welt sie hier wollen.
Klaustrophobischer Irrwitz
Selten wird der Krieg so illusionslos und realistisch gezeigt wie in „A War“. Es gibt nur eine einzige Gefechtsszene, aber die macht auch akustisch mit dem ohrenbetäubenden Krachen der Geschosse den klaustrophobischen Irrwitz deutlich, dem die Soldaten ausgesetzt sind. Aber es sind nicht die Kämpfe, die im Vordergrund stehen – das Zentrum des Films bildet vielmehr das moralische Dilemma, in dem ausgerechnet der Kommandant Claus Pedersen steckt. Als Soldat will er seinen Kameraden ein Vorbild sein, und so begibt er sich nach dem Tod des Minenräumers selbst an die Front. Doch eben dort sterben durch seinen Befehl elf Zivilisten.

Claus Michael Pedersen (Pilou Asbaek) freut sich seine Kinder wiederzusehen.
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Zu Beginn erzählt Lindholm seinen Film aus doppelter Perspektive. Die eine gehört Pedersen, der Ruhe in seinen schockierten Haufen zu bringen versucht, der miterleben muss, wie eine Familie, die er nach Hause geschickt hat, von den Taliban abgeschlachtet wird, und der schließlich den fatalen Einsatz leitet.
Die andere Perspektive ist die seiner Frau Maria, die zu Hause in Dänemark ihre drei kleinen Kinder aufzieht, darunter den hyperaktiven und latent aggressiven Sohn, der unter der Abwesenheit des Vaters leidet. „A War“ setzt seine Zuschauer einem Wechselbad aus, zwischen Kaserne und Kindergarten, Pedersens Führungsaufgaben und Marias Erziehungsanforderungen. Der Krieg als Lebensgefahr und Lohnerwerb für die Familie.
Und dafür soll der Kommandant auch noch bestraft werden, mit bis zu fünf Jahren Haft, wie ihm sein Verteidiger nach dem vorzeitigen Rückzugsbefehl in die Heimat eröffnet? Mit dieser Rückkehr verwandelt sich Lindholms „A War“ völlig bruchlos von einem Kriegs- in einen Gerichtsfilm, wobei die Schlacht in der neonbeschienenen Schmucklosigkeit des Anhörungssaals und mit betonter Sachlichkeit vor den Ohren der Richterin an der Heimatfront gleichsam fortgeführt wird. Für seine Soldaten war Pedersen ein Vorbild – kann er nun für seine Kinder wieder ein Vater sein, und ist dafür eine Lüge nicht durchaus in Kauf zu nehmen? Wem nutzt die Durchsetzung des abstrakten Kriegs- und Völkerrechts, wenn elf Menschen ohnehin tot sind, fünf anderen aber ein geborgenes Familienleben winkt?

Claus Michael Pedersen (Pilou Asbaek) vor Gericht.
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So breitet Lindholm außerordentlich klug und umsichtig Für und Wider aus, allerdings nicht als kühle Versuchsanordnung, sondern stets als existenzielle Herausforderung. Man versteht die engagiert argumentierende Anklägerin, wenn sie die Unterhöhlung jeglicher juristischer Standards und Errungenschaften befürchtet. Man kann aber genauso die Position von Claus und Maria Pedersen nachvollziehen, wenn sie an ihre Kinder denken – und die von Pedersens Kameraden, die sich um die Meriten für das Himmelfahrtskommando in Afghanistan betrogen fühlen. Was nur wollte man dort?
Vielleicht gibt es keine Lösung für diesen Konflikt, Lindholm behauptet jedenfalls nicht, sie zu kennen. Dass er dem äußerst komplexen Geflecht aus rechtlichen, moralischen und schlichtweg menschlichen Fragen Gesichter und Menschen aus Fleisch und Blut zuordnen kann, macht die dramatische Größe seines Films aus. Mit Akteuren wie Pilou Asbæk als Claus Pedersen und Tuva Novotny in der Rolle der Ehefrau Maria bilden sich in jeder Szene markante Charaktere heraus: Er ist eine durchaus männlichkeitsbetonte Führungsfigur, dem Gewissenskonflikte allerdings keineswegs fremd sind – sie ist eine willensstarke Mutter, die ihre Familienaufgabe über lange Strecken allein schultern muss, wobei man ihr den Stress erst dann anmerkt, wenn sie sich abends auf der Terrasse eine Zigarette gönnt.
Nicht zuletzt ist „A War“ ein hellsichtiger Film über moderne Kriege, mit Mandatsmächten, die eben keinen Krieg führen, sondern Zivilisten schützen sollen. Dass sie bei Ausübung dieser Aufgabe zwischen die Fronten geraten, scheint unausweichlich. Pedersen und seine Soldaten sind die Krieger des 21. Jahrhunderts, das dem Ideal nach der Politik den Vorrang vor dem Kämpfen gibt. Was geschieht, wenn diese Soldaten doch kämpfen müssen, und dass vieles nach einer fürchterlichen Eigendynamik und durch menschliches Versagen geschieht, das zeigt Lindholm eindrücklich.
