Ein Traumjob war es offensichtlich nicht. „Hätte mir jemand gesagt, dass ich Emma in den nächsten 50 Jahren machen würde – ich wäre schreiend davongelaufen“, mit diesen Worten erinnert sich Alice Schwarzer in der neuen Ausgabe der Frauenzeitschrift, die am 27. Oktober erscheint, an ihre Anfänge als Verlegerin und Chefredakteurin. Wie seit Mittwochmorgen bekannt ist, ist dieses Heft das vorletzte, das erscheint. Schwarzer, die Anfang Dezember 84 Jahre alt wird, stellt nach 50 Jahren ihr feministisches Magazin „Emma“ ein. Die Ausgabe vom 8. Dezember wird die letzte sein, wie die 83-Jährige mitteilte.
Wenn das letzte Heft nach 398 Ausgaben mit 36.584 Seiten im Dezember erscheint, schließt sich ein Kreis, der große Kreise gezogen hat. Am 26. Januar 1977 kam die erste Ausgabe der Frauenzeitschrift in den Handel. Für Alice Schwarzer eine notwendige Reaktion auf bestehende Verhältnisse. „Die existierende Presse ist eine Männerpresse“, schrieb sie in ihrem ersten Editorial. „Weder über das, was Frauen wirklich angeht und bewegt, wird geschrieben (meist aus Ignoranz nicht, oft aber auch aus Verachtung oder Angst), noch bekommen die Journalistinnen ein Bein auf den Boden.“ In „Emma“ werde kein Mann schreiben, versprach sie ihren Leserinnen. Im ersten Heft ging es um die Justiz, die über Frauen anders richte als über Männer, Romy Schneider sagte im Gespräch mit Schwarzer „Ich bin es leid, zu lügen“. Und eine Hausfrau berichtete darüber, welche Folgen es für sie hatte, dass ihr Mann arbeitslos wurde.
Die damals 34 Jahre alte Schwarzer hatte den Zeitpunkt für das Erscheinen gut gewählt. Und die Medienstadt Köln erschien ihr als der ideale Standort. Die Journalistin hatte 1975 mit dem Buch „Der kleine Unterschied und seine Folgen“ für Aufsehen gesorgt. Die 250.000 Mark, die sie durch die Buchverkäufe verdient hatte, investierte sie nun in ihre Zeitschrift. Schwarzer war klug, meinungsstark und streitlustig und für viele das Gesicht der deutschen Frauenbewegung. Aufmerksamkeit war ihrer Zeitschrift also sicher. Mit einer Auflage von 200.000 Exemplaren kam „Emma“ auf den Markt. Heute ein nicht mehr zu erreichender Wert. 2023 betrug die Druckauflage noch 34.300 Exemplare.
Keine ökonomischen Gründe
Die Entscheidung sei dennoch nicht aus ökonomischen Gründen gefallen. „Sicher, auch unsere Auflage sinkt. Aber unsere Einnahmen decken immer noch die Ausgaben. Und ein finanzielles Polster schützt uns. Nein, wir gehen, weil wir meinen: Es reicht!“, teilt die Redaktion mit. „Emma“ habe über drei Feministinnen-Generationen die Stellung gehalten und gegen so manchen Unsinn im Namen des Feminismus Stellung bezogen: „Also gestattet: Jetzt sind wir ermattet.“
Gekämpft haben Schwarzer und ihre Kolleginnen in der Redaktion, die erst am Kolpingplatz in der Kölner Innenstadt und dann im Bayenturm im Rheinauhafen zu Hause war, lange und mit Leidenschaft. Jetzt sind sie des Kämpfens offensichtlich müde geworden. Die Verdienste der Feministinnen sind unbestritten. Sie wagten sich auch an heikle Themen, stritten für das Recht auf Abtreibung, veröffentlichten schon 1978 ein Dossier über den sexuellen Missbrauch von Kindern und starteten eine Initiative für Präventionsprogramme gegen Brustkrebs.
Sich im Einsatz für Solidarität und Selbstbestimmung in einer patriarchalen Gesellschaft nicht entmutigen zu lassen, verlangt Rückgrat und einen langen Atem. Junge Frauen können sich heutzutage glücklicherweise kaum noch vorstellen, mit wie viel Häme und auch Hass Schwarzer in ihrer Karriere konfrontiert war.
Wer gegen Schwarzer schoss, schoss auch gegen die „Emma“. Fällt der Name der Zeitschrift, fällt der Name der Chefin. „Ich bin ja Emma, und zwar in einem Ausmaß, dass die Menschen manchmal ‚Hallo, Emma Schwarzer!‘ hinter mir herrufen. Damit bin ich eigentlich auch nicht so ganz zufrieden", schrieb sie im Heft zum 40. Geburtstag vor zehn Jahren. Das war Segen und Fluch zugleich. Für ihre Fans war sie als Identifikationsfigur und Konstante wichtig. Und Alice Schwarzer selbst fiel das Loslassen offensichtlich auch schwer. Schon 2008 wollte sie ihren Posten eigentlich an die WDR-Moderatorin Lisa Ortgies abgeben, dieses Experiment scheiterte aber bereits nach wenigen Wochen. Man trennte sich nicht im Guten.
Doch ihre Präsenz und die teils jahrzehntelange Konstanz in der Redaktion haben auch Schattenseiten. Es wuchs keine neue Generation an Redakteurinnen nach. Die „Emma“ steht für nur eine sehr spezielle Facette des Feminismus. Andere Strömungen werden von einem Blatt, das von einer so streitlustigen und erfahrenen Journalistin geführt wird, erstaunlich rigide zurückgewiesen und abgekanzelt.
Es habe Versuche gegeben, neue Autorinnen und auch potenzielle Chefredakteurinnen zu gewinnen, heißt es in dem neuen Heft. Doch die seien lieber bei etablierten Medien geblieben: „Denn ernsthaft feministisch engagiert sein – und nicht nur modisch queerfeministisch plaudern –, das wird frau bis heute nicht gedankt.“ Die Botschaft ist klar: Ernsthaft feministisch ist nur unsere Position.
Zahlreiche Absagen auf Interviewanfragen
So verliert man junge Generationen von Feministinnen. Und man verliert sie auch durch arg viel Verständnis für Putins Handeln im Ukraine-Krieg, die vorschnelle Forderung nach Friedensverhandlungen und vor allem auch beim merkwürdig emotional geführten Kampf gegen eine vermeintlich „gefährliche Transideologie“.
Von einem Cancel-Wahn spricht die Redaktion im neuen Heft und listet Menschen auf, die mit der „Emma“ nicht sprechen wollten und dies – sehr freundlich und respektvoll – auch begründeten. So lehnte die Einsamkeitsbeauftragte der Stadt Dortmund ein Gespräch wegen der „Positionierung der Zeitschrift zum Thema Transgeschlechtlichkeit“ ab. Auch andere Absagen, etwa wegen der Haltung zum Ukraine-Krieg, werden abgedruckt und teils süffisant kommentiert. Dieses Vorgehen wirkt hilflos – und ungerecht. Warum sollen sich die angefragten Expertinnen in einer Zeitschrift äußern, bei der sie befürchten müssen, dass ihre Sicht der Dinge nicht ernst genommen wird?
Schwarzer, die sich 2001 mit Verona Pooth (damals noch Feldbusch) genauso öffentlichkeitswirksam und schlagfertig stritt wie mit Esther Vilar Mitte der 1970er Jahre, hat es versäumt, ihre Zeitschrift zu öffnen – für eine jüngere Generation und für feministische Strömungen, die sich vielleicht nicht mit ihrer Meinung decken, die aber dennoch eine Berechtigung haben.
Da wirkt das Aus für die Print-Zeitschrift fast schon folgerichtig. Die „Emma“ soll online und mit einem Newsletter fortgeführt werden. Das „Emma“-Archiv mitsamt Kisten und Kartons, Korrespondenzen und Kampagnen werde vollständig in den Bestand des Deutschen Literaturarchivs Marbach aufgenommen und dort Interessierten erschlossen. Damit werde „Emma“ letztlich „in die Ewigkeit gehen“. Für Alice Schwarzer und ihre Mitstreiterinnen ist das sicher ein Trost. Man habe allen Moden widerstanden, schreibt die Redaktion. Und genau da liegt das Problem. Nicht jede Veränderung ist schlecht. Das sollten doch eigentlich gerade Feministinnen wissen.

