Ralf Richters Familie hatte nach dessen Tod einen Spendenaufruf für die Beerdigung gestartet – und einen Shitstorm erlebt.
Nach Tod von Ralf RichterSohn und prominente Schauspieler sprechen über Altersarmut und Scham

Kais Setti, Maxwell Richter und Beka Bediana (von links) sprechen über die prekäre finanzielle Situation im Schauspielgewerbe.
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Maxwell Richter hat gerade mit Al Pacino und Kiefer Sutherland in Paris gedreht, „Father Joe“ heißt der Film des Starregisseurs Luc Besson, Richter spielt darin einen Auftragsmörder. „Ein wunderbares Erlebnis“, schwärmt der Kölner Schauspieler an einem Morgen Ende September in einer Ehrenfelder Kaffeerösterei. Schauspieler in einem internationalen Kinofilm an der Seite von Superstars – „viele denken dann sofort: der sahnt richtig ab“, sagt Kais Setti, ebenfalls Schauspieler, dazu Inhaber der Kölner Schauspielagentur Urbanactors – und Maxwell Richters Manager. „Das stimmt aber natürlich nicht: Maxwell hatte als Lakai des Mafia-Bosses Al Pacino zwei Drehtage und es wurde verhandelt nach dem Motto: Sei froh, dass Du dabei sein kannst, friss oder stirb.“
Maxwell Richter und Kais Setti sind in das Café gekommen, um über ein Tabuthema zu sprechen, über das geredet wird, seit Freunde von Richter einen Spendenaufruf zur Finanzierung der Beerdigung von Maxwells Vater Ralf Richter („Das Boot“, „Bang Boom Bang“) posteten: Altersarmut bei Schauspielern. „Ziemlich verbreitet, aber niemand spricht drüber“, sagt Setti. Dazu gesellt sich Beka Bediana, der als Vorstand der Gewerkschaft Bundesverband Schauspiel für bessere Vergütungen und Altersversorgung von Film- und Theaterschauspielern kämpft. „60 Prozent der Schauspieler in Deutschland verdienen weniger als 25.000 Euro brutto im Jahr“, sagt Bediana. „Das weiß allerdings fast niemand.“
Binnen weniger Tage kamen nach dem Solidaritätspost für die Beerdigungskosten rund 20.000 Euro für Maxwell Richters Familie zusammen. Dazu viel herzliche Anteilnahme von Ralf-Richter-Fans. Doch auf die Welle der Unterstützung folgte auch eine andere: ein gewaltiger Shitstorm. In dutzenden Kommentaren zu der Spendenaktion warf man der Familie vor, den Tod von Ralf Richter auszunutzen, um Geld zu machen. Mehr als 20 erboste Mails gingen allein bei der Agentur von Kais Setti ein.

Maxwell Richter hat jüngst in einem Film an der Seite von Al Pacino und Kiefer Sutherland gespielt. Wohlhabend macht ihn das nicht.
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Setti scrollt auf seinem Handy und liest vor: „Wie schamlos ist das denn. Wenn der Familie ein Todesfall eintritt, stehen Millionen von Menschen vor überteuerten Beerdigungskosten. Andere sorgen rechtzeitig vor, um die Kosten stemmen zu können.“ - „Es gibt offenbar Menschen wie Maxwell Richter, die keinen Anstand besitzen und den Tod seines Vaters zu Geld machen wollen. Sie sollten sich schämen.“ - „Allmählich habe ich den Eindruck, dass Schauspieler in einer anderen Welt leben: Da bitten sie, die immer gut verdient und gut gelebt haben, um Spenden, um eine Beerdigung zu finanzieren. Wo ist das ganze Geld hin?“
Kais Setti hat nach den Hassnachrichten in einem Video auf Instagram eine Lanze für Maxwell Richter und seine Familie gebrochen. Auch jetzt im Café wird er etwas lauter. „Da stirbt ein Mensch, die Familie bittet in einer Schwarmaktion um Spenden – und Leute schreiben sogar dreist: Soll er doch seinen goldenen Mercedes verkaufen. Dabei war das ein Filmrequisit! Wie übel ist das denn!“ Der Grund, sagt Setti, sei, „dass die Leute leider keine Ahnung haben, wie hart es ist, von der Schauspielerei zu leben. Die denken: Da hat einer zwei, drei erfolgreiche Filme gemacht und ist Millionär“. Meistens sei es eher andersherum: „Man macht zwei, drei erfolgreiche Filme, und kriegt danach nur noch wenige attraktive Rollen.“ Altersarmut sei in der Branche „ein strukturelles Problem“.

Heinz Hoenig ist einer der wenigen bekannten Schauspieler, bei denen bekannt wurde, dass sie insolvent sind.
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Nur wenige Schauspieler trauen sich, darüber zu sprechen, wie schwierig es ist, mit Film- und Theaterrollen genug zu verdienen. Vor zwei Jahren ging durch die Gazetten, dass Heinz Hoenig („Das Boot“, „Der große Bellheim“) insolvent war und keine Krankenversicherung hatte, Hoenigs Familie startete einen Spendenaufruf für eine dringend notwendige Herz-OP – und erntete ebenso wie jüngst Ralf Richters Familie auch viel Empörung.
Maxwell Richter ist ein introvertierter Typ, der leise und besonnen spricht – was nicht unbedingt zu seinem eher kantigen Erscheinungsbild passt und zu den Rollen, die er oft spielt: Mobber, Mafiosi, Bösewichte. Einen goldenen Mercedes 560 SEC habe sein Vater tatsächlich mal kurz besessen, erinnert er sich. Die Produzenten einer Autosendung hatten Ralf Richter gefragt, ob er Lust habe, sich einen Wagen wie aus „Bam Boom Bang“ tunen zu lassen – und erhielt den Mercedes dann als Gage. „Den hat mein Vater allerdings schnell wieder an einen Bekannten verkauft – wir konnten ihn danach aber noch für Videodrehs nutzen“, sagt Maxwell Richter. Für die Öffentlichkeit besaß Richter indes immer einen teuren, goldenen Mercedes.
Wie man den Sohn leicht mit den Charakteren assoziieren könnte, die er spielt, so erging es dem weitaus bekannteren Vater noch viel mehr: Auf der Straße grölten Fans bis zuletzt nach „Kalle“, dem cholerisch-prolligen Ruhrpott-Gangster aus „Bam Boom Bang“. Dass dahinter ein einfühlsamer und reflektierter Typ steckte, wussten nur Menschen, die Ralf Richter kannten. Wie es ihm wirtschaftlich ging, erst recht.
Viele, auch prominente Schauspielerinnen und Schauspieler meldeten sich infolge des Shitstorms gegen die Familie zu Wort. „Wenn Schauspieler, die man seit Jahrzehnten kennt, plötzlich in finanzielle Not geraten, sind einige überrascht. Mein alter Kumpel Ralf Richter ist hier nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel“, schrieb Charles M. Huber, bekannt aus der Serie „Der Alte“, in einem Beitrag auf Social Media. „Nur wenige meiner ehemaligen Kollegen haben es geschafft, in einen abgesicherten Ruhestand zu treten, wenn das Rollenangebot dünner wird. In dieser Branche wird dir nichts geschenkt. Es gibt weder Loyalität noch Mitleid.“ Huber schlägt vor, „ob man nicht für Schauspieler, die dem Publikum viel Freude bereitet haben, einen Fonds einrichtet“.

Ralf Richter verbanden viele Fans bis zuletzt mit der Figur des Gangsters Kalle Grabowski aus dem Film „Bam Boom Bang“.
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Die meisten trauten sich „wegen des gesellschaftlichen Drucks nicht, sich zu outen, wenn sie in Armut geraten. Wem das Stigma der Armut anhaftet, der wird auch nicht mehr beschäftigt“, so Huber. Wer einer solchen Situation nie ausgesetzt gewesen sei, könne das kaum nachvollziehen. „Ich schon. Und es wird Zeit, dass sich hier etwas ändert.“
Maxwell Richter sagt, er fühle sich „vergleichsweise privilegiert“, weil er durch eine Agentur vertreten werde, trotzdem sei die Schauspielerei „natürlich ein ständiger Kampf“. Als Schauspieler sei er oft unständig beschäftigt. „Das heißt, ich bin immer nur für ein paar Drehtage angestellt und zahle in die Rentenkasse ein. Daraus ergeben sich gewaltige Lücken.“ – „Wenn dann für den ganzen Monat Renten-, Sozial- und Pflegeversicherung abgezogen wird, hat man deutlich weniger netto“, sagt Kais Setti.
Viele Schauspieler haben niemals Anspruch auf Arbeitslosengeld 1, weil sie schlicht nicht genug Drehzeit sammeln, um einen Anspruch aufzubauen
„Viele Schauspieler“, sagt Beka Bediana, hätten auch niemals Anspruch auf Arbeitslosengeld 1, „weil sie schlicht nicht genug Drehzeit sammeln, um einen Anspruch aufzubauen“. Die Gewerkschaft habe zwar verhandelt, dass nicht nur die öffentlich-rechtlichen, sondern auch die privaten Sender in eine Pensionskasse zur betrieblichen Altersvorsorge einzahlen müssen – „Trotzdem: Das Sozialversicherungssystem müsste aber deutlich vereinfacht werden, damit die Schauspielerinnen und Schauspieler einen gerechten Anspruch auf soziale Absicherung haben“, sagt Bediana. Im Schnitt seien jeden Tag nur 5500 Schauspielerinnen und Schauspieler in Deutschland sozialversicherungspflichtig beschäftigt. „Der Rest fährt in der Zwischenzeit oft Taxi oder geht kellnern.“
Was macht ein Schauspieler wie Christian Kahrmann heute?
Anruf bei Christian Kahrmann, der als Benny Beimer in der Serie „Lindenstraße“ bekannt wurde und mit Ralf und Maxwell Richter in „Bam Boom Bang“ spielte. Kahrmann eröffnete in Berlin eine Espresso-Bar, als vor 15 Jahren immer weniger Rollenangebote reinkamen. Später erkrankte er so schwer an Covid-19, dass er drei Wochen im künstlichen Koma lag und in der Folge wieder gehen und sprechen lernen musste. „Auch das kann jedem freischaffenden Künstler passieren. Du wirst schwer krank – und dann hast Du über Monate und Jahre keine Einnahmen.“ Er sei einigermaßen klargekommen, weil er Rücklagen gemacht und vorgesorgt habe, sagt Kahrmann. „Aber natürlich gibt es in unserem Business auch die, die nicht viel haben oder sogar zeitweise Stütze bekommen, weil sie nur ein paar Drehtage im Jahr haben, aber da nicht gerne drüber reden.“ Er selbst habe sich inzwischen „breiter aufgestellt“, arbeite viel als Synchronsprecher.
So ähnlich mache er es auch, sagt Maxwell Richter. „Ich mache Moderationen, lese Hörspiele ein, drehe kommerzielle Filme für Unternehmen. So komme ich einigermaßen über die Runden.“ Nicht weniger, nicht mehr. Und, um das nochmal klarzustellen: „Natürlich hatte mein Vater am Ende seines Lebens kein Geld.“
Sich zu empören, sei offenbar gerade für viele Menschen wichtig, sagt Maxwell Richter. Dass einige das auch wegen der Spendenaktion für die Beerdigung seines Vaters getan hätten, finde er gar nicht so schlimm. „Im Gegenteil: Ich bin froh, wenn dadurch jetzt eine öffentliche Debatte über unseren Beruf entsteht“, sagt er. „Es ist nur schade, dass man sich heute oft zuerst aufregt, bevor man sich informiert.“