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Klassik-Superstar in der PhilharmonieEine Frau als Gesamtkunstwerk

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Eine Frau im glitzernden Oberteil sitzt an der Orgel.

Die britische Organistin Anna Lapwood an der Klais-Orgel. Durch ihre Ausstrahlung hat sie auch in den sozialen Medien Erfolg.

Ein Defekt an der Stromversorgung verzögert das Konzert von Anna Lapwood und dem Philharmonia Orchestra in der Kölner Philharmonie. Auf dem Programm standen Filmmusik von Hans Zimmer, Max Richters „Cosmology“ und Saint-Saëns’ „Orgelsinfonie“.

Das Konzert begann eine Viertelstunde später als angekündigt, und Burkhard Glashoff, der Geschäftsführer der Westdeutschen Konzertdirektion, die auch die Kölner Meisterkonzerte veranstaltet, füllte die Zeitspanne, um der vollbesetzten Philharmonie die Gründe zu erläutern. Tatsächlich war man knapp an einer mittleren Katastrophe vorbeigeschrammt. Die Stromversorgung für die Klais-Orgel der Philharmonie, die für diesen Abend mit der Londoner Organistin Anna Lapwood und dem Philharmonia Orchestra essenziell benötigt wurde, hatte kurzfristig schlappgemacht.

Bis das defekte Kabel gefunden wurde, dauerte es eine Weile, und Lapwoods gespeicherte Registrierungen waren auch „futsch“. Sie konnten dann allerdings ebenfalls rekonstruiert werden.

Tatsächlich wäre die in der Luft hängende Absage des Konzerts besonders bitter gewesen, denn Lapwood ist ein Superstar der gegenwärtigen Klassikszene, die indes über den engeren Kreis der E-Musikfreunde hinaus Massenbegeisterung auslöst – auch dank ihrer persönlichen Ausstrahlung, ihres Repertoires, zu dem ihre Transkriptionen von Filmmusik gehören, und ihrer Social-Media-Präsenz. Anlässlich ihres Konzerts im Kölner Dom im Sommer 2025 gab es im Umfeld ein Verkehrschaos.

Blick auf das Orchester

Nachdem das defekte Kabel gefunden worden war, konnten Anna Lapwood und das Philharmonia Orchestra in der Philharmonie loslegen.

Auf das Podium der Philharmonie kam sie jetzt erneut wie ein Sturmwind. Kam? Die 31‑Jährige sprang, hüpfte, tänzelte, wirbelte, ein Ausbund an nervöser Energie und explosiver Power. Vor ihren Takes eroberte sie das Publikum mit launig-temperamentvollen Ansagen. Eine Frau als Gesamtkunstwerk. Wem die hyperaktiv-überdrehte Anmutung  auf den Zeiger ging, hatte immerhin die Möglichkeit, sich auf ihre Orgel-Performance zu konzentrieren – und da kam er voll auf seine Kosten.

Zwischen Filmmusik und Weltraumreise

Vor der Pause erklangen Lapwoods Arrangements von Filmmusiken Hans Zimmers („Der Da Vinci Code“ und „Interstellar“), die zweite stimmungsvoll begleitet von auf ihre Aufforderung hin angeknipsten Smartphone-Taschenlampen im Publikum. Das ist im Prinzip repetitiver Minimalismus nach amerikanischem Vorbild, dem durch die besondere Farbgebung seitens der (hier gar nicht mal sonderlich virtuos traktierten) Orgel in Verbindung mit dem Orchester ein schwellender, überwältigender Sound zuwuchs. Da war die psychedelische Transformation nicht weit weg.

Sphärenklänge gab es auch in Max Richters 2025 von Lapwood uraufgeführter „Cosmology“, tatsächlich einer Weltraumreise mit der Rückkehr zur Erde im vierten Satz. Lapwoods Orgel wurde zu einem Traumklänge generierenden Synthesizer, während der Mädchenchor am Essener Dom in Dauerschleife den Choral „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ intonierte, allerdings nicht in der Harmonisierung aus Bachs Kantate.

Nach der Pause stand Saint-Saëns’ „Orgelsinfonie“ auf der Agenda, die diesen Namen allerdings nicht ganz zu Recht trägt. Anna Lapwood war hier nur punktuell gefordert. Dafür konnte man sich an dem überragenden britischen Spitzenorchester erfreuen, das die verbreitete Dies irae-Düsternis immer wieder in eine Klangsüße à la Edward Elgar tauchte. Der Star des Abends drehte dann noch mal imposant in der Zugabe auf: einer Bearbeitung von John Powells „Test Drive“ aus dem Kinderfilm „How to Train Your Dragon“. Lapwood widmete sie einem Pärchen im Publikum, das kurz vor seiner Vermählung steht. Kann man sich ein schöneres Hochzeitsgeschenk wünschen?