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Isländischer Krimi-König„Ich würde nie als Tourist nach Island reisen“

6 min
Arnaldur Indridason

Arnaldur Indridason schreibt über Mord und Totschlag in Island und erreicht damit ein Millionenpublikum. 

Ein Gespräch mit Arnaldur Indridason über Donald Trump, Probleme mit dem Tourismus und die wachsende Kriminalität auf der Insel.

Arnaldur Indridason ist der berühmteste Krimi-Autor Islands.Mit seiner Krimireihe um Kommissar Erlendur ist er in Deutschland seit mehr als 20 Jahren einem großen Publikum bekannt. Der siebte und letzte Band seiner aktuellen Krimi-Reihe mit dem Ermittler Konrad erscheint im Herbst auf Deutsch. Interviews gibt der 65-Jährige, dem Rummel um seine Person zuwider ist, eigentlich seit Jahren nicht mehr. Für seinen deutschen Verlag Bastei Lübbe hat er jetzt eine Ausnahme gemacht, wie er der Journalistin aus Köln beim Treffen in Reykjavik erklärt. In Island wird grundsätzlich nicht gesiezt, so beginnt das Gespräch direkt beim Du.

Wie lautet eine typische Frage ausländischer Journalisten, die Du schon zu oft beantworten musstest?

Meistens sind es Fragen zum Wetter in Island.

Ich dachte, Du sagst jetzt: zu Elfen.

Fragen zu Elfen bekomme ich auch ständig. Ein Journalist hat mich mal gefragt, ob wir hier in Island Käse produzieren. Da habe ich gestaunt. Jedenfalls fragt niemand etwas über meine Bücher. Alle wollen immer nur etwas über Island wissen.

Da gibt es aber auch eine Menge zu fragen. Island landet jedes Jahr weit vorne im Ranking der glücklichsten Menschen der Welt. Platz 2 war es in diesem Jahr, nur die Finnen sind angeblich glücklicher. Sind die Isländer wirklich so happy?

Ich würde das nicht verneinen. Wir sind ein sehr reiches Land, das hilft sicher. Bei den langen Wintern und kurzen Sommern stellt sich mir aber schon die Frage, was daran glücklich machen soll. Es ist superkalt in diesem Land. Ich verstehe die Touristen nicht, die mit ihren Koffern im verrücktesten Wetter durch die Innenstadt ziehen. Ich sage immer: Ich würde nie als Tourist nach Island reisen.

Arnaldur Indridason

Arnaldur Indridason veröffentlicht bald sein 30. Buch.

Du bist mit Deinem Krimi-Erfolg nicht unschuldig daran, dass Menschen nach Island kommen. Der Tourismus hat sichtbare Folgen auf der Insel. Da wäre die Parkplatzmafia mit ihren horrenden Preisen vor allen Sehenswürdigkeiten. Oder die Haupteinkaufsstraße in Reykjavik, an der sich ein Plüsch-Papageientaucher-Geschäft ans nächste reiht. Ist das mehr Fluch oder Segen?

Alles daran nervt mich. Vor allem die hohen Preise. 5000 Kronen (umgerechnet mehr als 30 Euro) etwa für einen Hamburger, das ist skandalös. Die Innenstadt von Reykjavik ist für uns Isländer gestorben. Die ist nur noch für Touristen. Das haben wir in großem Stil vermasselt leider. Früher bin ich im Sommer immer durch Island gereist. Das mache ich fast nie mehr. Alles ist überfüllt, die Straßen sind in schlechtem Zustand. Natürlich hat uns der Tourismus viel Geld gebracht. Aber es muss ein Limit geben, wir verkraften diese Menge nicht. Wir haben auch die Infrastruktur dafür nicht.

Auch die vielen Vulkan-Ausbrüche sind zu Touristen-Magneten geworden. Pilgerst Du selbst noch zu den Ausbruchstellen?

Nein. Ich habe schon genug davon in meinem Leben gesehen. Und da ich am Meer lebe, konnte ich das Glühen des zuletzt ausgebrochenen Vulkans von meinem Fenster aus beobachten. Das ist Island. Du gehst in Deinen Garten und hast eine tolle Sicht auf die Vulkane.

Wenn man Deine Krimis liest, denkt man eher, die Isländer seien die allerunglücklichsten Menschen der Welt.

Ich schreibe im Stil des sozialen Realismus. Ich mag es, darüber zu schreiben, wie langweilig und banal Polizeiarbeit sein kann, wie viele Spuren im Nichts verlaufen, wie Beamte an Türglocken klingeln und die Verdächtigen nicht zu Hause sind. Meine Bücher sind keine Thriller. Sie handeln von Menschen. Und von Reykjavik. Die Stadt spielt eine große Rolle.

Island ist für seine wunderschöne Natur bekannt und gilt als friedlich. Dennoch wächst die Kriminaliät dort stark.

Island ist für seine wunderschöne Natur bekannt und gilt als friedlich. Dennoch wächst die Kriminaliät dort stark.

Wie ist es für einen Autor, der über die dunklen Seiten der Menschheit schreibt, wenn die Welt sich immer dunkler anfühlt? Denkt man da schon fürs eigene Seelenheil mal über eine Komödie nach?

Absolut. Ich versuche immer sehr viel Humor in meinen Büchern einzubauen. Allerdings Humor, der schwarz ist wie die Hölle. Weil es natürlich schwierig ist mit diesem Idioten im Weißen Haus und dem russischen Angriffskrieg. Man wird pessimistisch.

Donald Trump erhebt immer wieder Ansprüche auf Grönland, hat dabei mehrmals auch das Wort „Island“ in den Mund genommen. Macht man sich hier im Land deshalb Sorgen?

Nicht ernsthaft, nein, ich sehe Island nicht in realer Gefahr. Aber alle hier sind sauer wegen Grönland. Das ist so dumm. Natürlich weiß man nie, was bei Trump noch alles passieren kann. Ich finde es immer noch unfassbar, dass dieser fiese Typ überhaupt ins Weiße Haus kommen konnte.

Es fällt auf, dass Sie in den vergangenen Jahren mehrere historische Romane veröffentlicht haben, etwa den über einen isländischen Uhrmacher am Hof des dänischen Königs im 18. Jahrhundert. Ist das Ihre schriftstellerische Erholung von Mord und Totschlag?

Definitiv. Und als studierter Historiker interessiere ich mich sehr für Geschichte, habe ich auch in meine Detektivgeschichten immer schon historische Dinge eingewebt.

Touristen beobachten den Vulkanausbruch in der Nähe von Grindavik im Jahr 2025.

Touristen beobachten den Vulkanausbruch in der Nähe von Grindavik im Jahr 2025.

Im aktuellen, sechsten Band der Konrad-Reihe „Zerbrochene Stille“ geht es unter anderem darum, dass sich russische Spione zur Zeit des Kalten Kriegs in Island aufgehalten und sogar Isländer als Spione angeheuert haben, um die amerikanische Militärbase auszuspionieren, getarnt als Vogelbeobachter. Echter Agentenstoff. Hat das so tatsächlich stattgefunden oder haben Sie das nur richtig gut erfunden?

Wir haben nie einen Spion gefunden, aber wir wissen, dass es Anwerbeversuche gab seitens der russischen Botschaft. Es gab viele Dinge, die man in Island damals ausspionieren konnte – neben dem amerikanischen Militär, das auf Island stationiert war auch Schiffsbewegungen oder politische Hintergrundtreffen.

Als Autor stehst Du in Island auf den Schultern von Riesen. Hier sind auf Kalbsfellen geschriebene Sagen schon vor Hunderten von Jahren aufgeschrieben worden. Was fasziniert Dich am meisten, wenn Du in die Geschichte zurückblickst?

Schon die ersten Siedler erzählten sich Geschichten, zunächst in mündlicher Tradition, bevor sie anfingen, diese aufzuschreiben. Dieser kollektive Wille, Dinge aufschreiben zu wollen, hat nicht nur etwas damit zu tun, dass wir unsere Geschichte bewahren wollen. Wir haben immer die Sorge, vergessen zu werden. Wir sind so weit weg von allem auf einer Insel mit nur sehr wenigen Menschen. Niemand spricht unsere Sprache. Viele hundert Jahre lang wusste niemand, dass wir überhaupt existieren.

In der Tat gibt es in keinem anderen Land der Welt so viele Autoren pro Kopf wie in Island.

Das ist das, was wir sind: Autoren. Und alle in Island wollen einer sein. Wir versuchen immer noch, alle anderen wissen zu lassen, dass wir existieren. Das ist die Hauptaufgabe hier auf diesem sehr unwirtlichen Felsen mitten im Atlantik.

In Deinem letzten Teil der Konrad-Ermittler-Reihe „Tal“, der im November in Deutschland erscheint, geht es um Pornografie, Erpressung, Obdachlose und die Unterwelt von Reykjavik. Vor 20 Jahren hätte ich gesagt: So etwas gibt es auf Island doch gar nicht. Aber die Gesellschaft hat sich sehr verändert.

Unglaublich sogar, was die Kriminalität angeht. Als ich vor 26 Jahren meinen Krimi „Nordermoor“ schrieb, war es ein typisch isländischer Mord: einfach, sinnlos, der Mörder war leicht zu fangen. Heute ist es total anders, die Polizeistatistiken sind grauenvoll. In einem Jahr hatten wir sechs Morde. Wir haben organisierte Kriminalität, Menschenraub, Drogenhandel, Gangs, die aus dem Ausland kommen und sich wegen Drogen. Das war früher unbekannt.

Viel Stoff für Deine Bücher?

Das Schwierigste als Krimi-Autor für mich vor 25 Jahren war es, glaubwürdig zu sein für meine isländischen Leser. Das Land war so friedlich, irgendwie mussten sie mir ja abnehmen, dass der Mord in Island so ungefähr stattgefunden haben könnte. Auch die Detektiv-Arbeit musste möglichst realistisch sein. Ich konnte keine Explosionen einbauen oder eine Verfolgungsjagd durch die Stadt. Das wäre völlig lächerlich gewesen. Darum habe ich diesen alten Ermittler Erlendur entworfen mit seinem schrecklichen Privatleben. Weil die Spannung fehlte, musste ich auf Charaktere setzen. Heute dagegen ist alles möglich. Wirklich alles.

Selbst Verfolgungsfahrten durch die Einkaufszone von Reykjavik?

Das wäre gar kein Problem. Selbst Explosionen oder Exekutionen auf offener Straße sind heute absolut denkbar. Eine traurige gesellschaftliche Entwicklung.

Kürzlich gab es einen Bericht im isländischen Fernsehen über die Rauschgift-Flut hierzulande. Man fragt sich bei nur 390.000 Isländern allerdings sofort: Wer konsumiert das denn alles?

Das frage ich mich auch. Sie sollten Drogen einfach legalisieren, dann gäbe es nicht so viel Kriminalität drumherum. Die ganzen Millionen und die Manpower, um Drogen zu bekämpfen – und dann wird alles immer schlimmer. Da muss man sich fragen: Ist es das wert? Dann müssen es die Leute eben selbst verantworten, wenn sie ihr Leben zerstören wollen.

Die Hauptfigur Deiner nächsten Krimireihe, an der Du gerade schreibst, soll eine junge Polizistin sein. Klingt so, als hättest Du Dir als Autor eine neue Herausforderung gesucht.

Absolut. Die junge Polizistin arbeitet in Akureyri. Nach einem Ereignis in einem Dorf etwas außerhalb soll sie ermitteln. Dort dreht ein Filmteam aus Hollywood gerade eine Serie. Mehr werde ich noch nicht verraten.

Du hast eine besondere Verbindung zu Köln wegen Deines deutschen Verlags Bastei Lübbe. Was verbindest Du noch mit Köln?

Den Dom besuche ich immer. Und natürlich den 1. FC Köln. Ich war schon bei etlichen Spielen. Ich versuche eigentlich immer, ein Spiel zu sehen, wenn ich nach Köln komme. Fan vom 1. FC Köln zu sein ist natürlich immer ein großer Kampf. Immerhin muss ich mir um mein anderes Lieblingsteam Arsenal gerade keine Sorgen machen.

Die Kölner lieben es zu hören, was andere über ihre Stadt denken. Wie ist das in Island?

Da sind wir uns wohl sehr ähnlich. Die allererste Frage von Isländern, die Touristen treffen, lautet immer: How do you like Iceland?