Der Roman „Der Vorleser“ machte ihn zum Bestseller-Autor. Nun hat der Jurist Bernhard Schlink einen Essay zum Thema Gerechtigkeit veröffentlicht.
Bernhard Schlink bei der lit.CologneEs gibt keine Formel für Gerechtigkeit

Bei der lit.Cologne sprach Bernhard Schlink über seinen neuen Essay zum Thema Gerechtigkeit.
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Geht es nach dem amerikanischen Philosophen John Rawls, lässt sich mit dem Schleier des Nichtwissens bestimmen, was gerecht ist. Wenn man nicht weiß, wie wohlhabend, wie intelligent, mit welcher Hautfarbe oder mit welchem Geschlecht man in der Gesellschaft leben wird, tendiert man aus einem Eigeninteresse zu möglichst fairen Regeln für alle. Bernhard Schlink ließen solche Konzepte immer unbefriedigt zurück, wie er am Dienstagabend als Gast der lit.Cologne im WDR-Funkhaus erzählt. Er hat Ende Februar einen Essay vorgelegt, der nicht als allgemeingültige Lösung, sondern Annäherung zu verstehen ist.
Gerechtigkeit, schreibt Schlink, gebe es nicht so, „wie wir sie gerne hätten: als Formel, die wir einfach handhaben können.“ Sie müsse immer wieder aufs Neue von Situation zu Situation, von Problem zu Problem gefunden werden. Diesen Prozess nennt er Gerechtigkeitsarbeit. Theorien, wie der von John Rawls, wirft er vor, keine Wege für ihre Verwirklichung aufzuzeigen, keine Antworten auf realpolitische Aufgaben, wie den Umgang mit Migration, Epidemien, wirtschaftlichen Krisen oder militärischer Bedrohung zu geben. Seine Annäherung, das wird schnell deutlich, ist die eines Verfassungsrechtlers. Es geht um den schonenden Ausgleich widerstreitender Interessen, zum Beispiel Grundrechten, im Einzelfall.
Schlink: Auch Gerechtigkeit hat ihren Preis
„Der Streit“, stellt der Jurist in Köln fest, „fängt da an, wenn wir Menschen ungleich behandeln und dafür einen Grund brauchen.“ Mit dieser Erkenntnis ist aber noch nichts gewonnen, denn das Reich der guten Gründe sei ein zerklüftetes, von Kultur zu Kultur unterschiedliches, das sich mit fortschreitender Erkenntnis verändere, verbessere. „Dass es blaues Blut braucht, um die anderen zu regieren, das war mal evident und das ist es nicht mehr“, sagt der 81-Jährige.
Trotzdem habe Gerechtigkeit auch ihren Preis. Sie werde von der Erwartung gestützt, wie etwas sein solle. Nach Schlink geht damit aber kein Lerneffekt einher: „Auch wenn sie dreimal bestohlen werden, sagen sie nicht: Offensichtlich ist da nichts mehr mit dem Eigentum. Sie bestehen darauf, dass sie nicht bestohlen werden dürfen.“ Diese Haltung könne aber zu Realitätsverlust führen und uns von einer klügeren, aussichtsreicheren Entscheidung abhalten.
„Wir beobachten heute in unserer Gesellschaft eine Freude am Moralisieren“, konstatiert der Autor. Für zivilen Ungehorsam, dem Schlink ein eigenes Unterkapitel gewidmet hat, werde inzwischen Anerkennung gefordert. Dieser passe aber nur dann in eine demokratische, freiheitliche und rechtsstaatliche Verfassungsordnung, wenn Betroffene solchen Gesetzen, die sie diskriminieren, ihren Gehorsam verweigerten. Mitgliedern der Letzten Generation würde er sagen: „Okay, aber zahlt den Preis dafür.“

