Leonie Plaar ist politische Aktivistin – und Tochter eines AfD-Mitglieds. Über das Lösen von ihrer Familie und hat sie ein Buch geschrieben.
Anti-AfD-Aktivistin Leonie Plaar„Wir sollten ein bisschen wütender werden“

Leonie Plaar
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Frau Plaar, in Ihrem Buch „Meine Familie, die AfD und ich“ beschreiben Sie, wie sich Ihre Familie immer weiter der AfD angenähert hat und wie es schließlich zum Kontaktabbruch kam. Können Sie zusammenfassen, was da vorgefallen ist?
Wir hatten komplett auseinandergehende moralische Kompasse. Die Politik, die wir vertreten haben, war nur das Symptom dafür. Ich glaube, so ist das in vielen Familien. Es ging nicht per se um parteipolitische Dinge, sondern um das Verständnis von Menschlichkeit und Menschenwürde und darum, wie wir in einer Gesellschaft miteinander leben möchten. Das, was meine Verwandtschaft vertreten hat, war nicht mehr mit dem vereinbar, was ich vertrete. Das war eine lange Entwicklung. Über zehn Jahre habe ich zu diskutieren versucht, aber am Ende des Tages musste ich mir dann selbst eingestehen, dass ich diese Menschen mit Argumenten nicht mehr erreichen werde. Dann habe ich meine persönlichen Konsequenzen daraus gezogen, sonst hätte es mich zerrieben.
Hat Ihre Familie denn schon immer „AfD-Gedankengut“ vertreten?
Das, was die AfD inhaltlich vertritt, ist sehr schnell auf fruchtbaren Boden gefallen. Gerade der antimuslimische Rassismus, die Frauenfeindlichkeit und die Queerfeindlichkeit waren schon vorher da. Und zwar nicht nur in meiner Familie – in den späten 2000er und frühen 2010er Jahren haben viele so gesprochen. Der Rest der Gesellschaft hat sich inzwischen ein bisschen weiterentwickelt und erkannt, dass bestimmte Redensarten problematisch sind. Aber dann gab es eben noch eine Gruppe von Menschen, die sich an diesem Gestern, an diesem „Ich will alles sagen können, ohne dafür kritisiert zu werden“ festgebissen haben. Und genau die hat die AfD abgeholt. So war es auch bei meiner Familie.
Was war dann der konkrete Auslöser für den Kontaktabbruch?
Es gab den Auslöser und den Punkt des Kontaktabbruchs. Zwischen beiden lagen etwa sechs Monate. Die Entscheidung, den Kontakt abzubrechen, fiel, als mein Erzeuger während der Corona-Pandemie eine medizinische Impfpflicht mit dem Holocaust verglichen hat. Da wusste ich: Hier komme ich mit Argumenten nicht mehr weiter, den Menschen, an den ich mich von früher erinnere, gibt es nicht mehr. Es gab dann noch ein letztes Gespräch. Ich wollte mir nicht vorwerfen müssen, es nicht versucht zu haben. Wie das Gespräch gelaufen ist, schildere ich im ersten Kapitel meines Buchs. Es hat offensichtlich nicht funktioniert.
Aber das Buch ist nicht dafür gedacht, bei meiner Verwandtschaft etwas zu erreichen. Und es ist auch keine Abrechnung
Es ist eine Sache, den Kontakt zur Familie abzubrechen, und eine andere, öffentlich darüber zu schreiben. Wie ging es Ihnen, als das Buch veröffentlicht wurde? Hatten Sie Angst vor den Reaktionen der Familie?
Nein, Angst hatte ich gar nicht. Vielleicht eher eine naive Hoffnung, dass meine Familie, wenn sie dieses Buch tatsächlich in die Hände bekommt und es liest, es versteht. Aber das Buch ist nicht dafür gedacht, bei meiner Verwandtschaft etwas zu erreichen. Und es ist auch keine Abrechnung. Es richtet sich an Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind wie ich. Menschen, die sich nicht gesehen fühlen, und medial auch nicht gesehen werden: Queere Menschen wie ich, nicht weiße Menschen, migrantische Menschen, Menschen mit Behinderung.
Sie sind seit Jahren als Aktivistin „Frau Löwenherz“ unterwegs und wissen, was es bedeutet, Teile seines Privatlebens auf Social Media zu teilen. Warum haben Sie sich trotzdem dafür entschieden, das Buch zu veröffentlichen?
Ab dem Tag, an dem ich zufällig anfing, Social Media zu machen, war für mich klar: Ich teile Geschichten aus meinem Privatleben dann, wenn es für andere einen Nutzen hat, wenn andere davon profitieren können – ob auf persönlicher Ebene oder mit einem Bildungsauftrag. Ich habe mein Privatleben nie aus Selbstdarstellung geteilt, im Gegenteil, mir ist es bis heute eher unangenehm. Ich teile diese Geschichte meiner Familie, weil es eine ist, die noch nicht erzählt wurde und die sehr unsichtbar gemacht wird in Deutschland. Ich hoffe, ich kann damit helfen, etwas zu ändern.
Bei der Lektüre des Buchs merkt man deutlich, wie unterlegen Sie anfangs in den Gesprächen mit Ihrem Vater waren, wie hilflos Sie den rechten Parolen ausgesetzt waren. Irgendwann hat sich das geändert. Was ist da passiert?
Ich hatte keine Lust mehr, mich an die Wand diskutieren zu lassen – schon gar nicht mit erfundenen Fakten. Die Gespräche waren kein Austausch von Argumenten, es kamen größtenteils Verschwörungsideologien auf den Tisch. In dieser Zeit habe ich studiert, Diskussionskultur ganz anders kennengelernt und konnte anders argumentieren. Ich bin einfach selbstbewusster in diese Gespräche gegangen. Und ich habe mich im Vorhinein viel mit der Thematik auseinandergesetzt, und wusste schon, welche Punkte kommen würden. Immer getrieben von dem Gedanken: Vielleicht erreiche ich die Person ja heute damit.
Welche Ratschläge können Sie aus Ihrer Erfahrung Menschen geben, die in einer ähnlichen Situation sind wie Sie? Wie führt man so eine Diskussion am besten?
Wenn ich dafür die richtige Lösung hätte, gäbe es dieses Buch nicht (lacht). Ich denke, als Erstes sollte man abtasten, wie weit die Person sich schon radikalisiert hat. Das habe ich auch im letzten Gespräch mit meinem Erzeuger gemacht und ihn gefragt: Was würde es brauchen, dich vom Gegenteil zu überzeugen? Wenn ich die Antwort bekomme: Es bräuchte das und das, dann kann ich Beweise liefern und wir können weitermachen. Aber viel häufiger lautet die Antwort – und so war es auch bei mir: Es gibt nichts, was mich vom Gegenteil überzeugen kann. Dann weiß man, dass es nicht mehr um Fakten geht, sondern um Ideologie. Ich muss aber auch ehrlich sagen, dass ich heute anders in diese Diskussionen reingehen würde als damals.
Wie meinen Sie das?
Heute weiß ich, dass unsere politischen Überzeugungen sehr wertvoll für uns sind, etwas, woran wir festhalten. Und wenn jemand von außen kommt und daran rüttelt, halten wir sie noch fester. Deswegen würde ich mein Gegenüber heute nicht mehr mit Zahlen, Daten und Statistiken bewerfen, sondern hier und da diese kleine Saat des Zweifels säen, und einfach nur sagen: „Na gut, das wurde ja längst widerlegt, aber lass uns über was anderes sprechen.“ Sodass der Mensch im Stillen seine Meinung überdenken kann. Denn die wenigsten von uns – und da schließe ich mich ein – würden in einer Diskussion dem anderen rechtgeben und den eigenen Fehler eingestehen. Anstatt in die Konfrontation zu gehen, würde ich stattdessen versuchen, der Person das zu geben, was sie in dieser radikalen Blase sucht: positive Aufmerksamkeit, Bestätigung, Austausch. Und manchmal macht es vielleicht auch mehr Sinn, sich der spezifischen Situation zu entziehen und die Ressourcen woanders zu investieren. Statt fünf Stunden mit den Eltern am Tisch zu diskutieren, kann man sich besser in einer demokratischen Partei, in der Gewerkschaft oder im Jugendzentrum um die Ecke engagieren.
Einer der größten Fehler der Politik in den letzten Jahren war meiner Meinung nach, die Jugend nicht ernst zu nehmen
Ihr Buch richtet sich ja eigentlich an Erwachsene. Nun waren Sie damit zu Gast bei der lit.kid, also im Kinder- und Jugendprogramm der lit.cologne. Wie finden Sie das?
Ich finde das toll und super wichtig. Gegen Radikalisierung können wir nur präventiv vorgehen. Und die Generation, die sich gerade radikalisiert, sind größtenteils jugendliche Jungs. Das sind die Menschen, mit denen wir ins Gespräch kommen müssen. Und auf solche Gespräche lasse ich mich gerne ein. Ich finde es schön, wenn Jugendliche bereit sind, zu diskutieren. Einer der größten Fehler der Politik in den letzten Jahren war meiner Meinung nach, die Jugend nicht ernst zu nehmen, wie etwa bei der Klimabewegung, einer der weltweit größten Jugendbewegungen jemals. Jugendliche haben also gelernt: Selbst, wenn wir millionenfach auf die Straße gehen, nimmt uns die Politik nicht ernst. Jetzt sehen wir, wo so eine Frustration hinführt. Da kommt eine Partei wie die AfD und sagt: „Hey, wir hören euch zu, wir sehen euch.“ Sie machen das halt nur mit absolut menschenverachtenden Inhalten.
Die AfD ist da erfolgreich, wo Sie auch viel unterwegs sind: bei Instagram und TikTok. Was glauben Sie, warum die Partei dort gerade so viele junge Menschen erreicht?
Der Ort, an dem Jugendliche in Austausch kommen, ist eigentlich nur noch das Internet. Und die Rechten haben sehr früh verstanden, wie man diesen Ort besetzt. Die Propaganda und die Mechanismen, die die AfD anwendet, sind die gleichen, die andere vor 100 Jahren anwendeten. Aber auf Social Media findet die Message genau die Person, die dafür am empfänglichsten ist. Es ist quasi Propaganda auf Steroiden. Dazu kommt, dass Algorithmen Inhalte pushen, mit denen viel interagiert wird. Und der größte Motivator ist Wut: Wenn ich wütend bin, schreibe ich eher einen Kommentar, als wenn ich Content sehe, den ich einfach schön finde. Das spielt der AfD in die Hände. Gleichzeitig könnte sich aber auch die Gegenseite diese Wut zunutze machen. Und wenn ich mir den Zustand unserer Demokratie angucke und die Hilflosigkeit vieler demokratischer Parteien, finde ich, wir sollten ein bisschen wütender werden. Wir brauchen einen positiven Gegenentwurf zu den Endzeitfantasien der AfD. Aber den Vorsprung, den die AfD in den sozialen Medien bereits hat, können die demokratischen Kräfte nur noch sehr schwer einholen.
Was könnten die anderen Parteien denn tun?
Ein Paradebeispiel dafür, wie es funktionieren kann, ist Heidi Reichinnek von den Linken. Auf ihrem Social-Media-Account erreicht sie die Leute mit Inhalten. Man muss diese Inhalte nur gut aufarbeiten und den Menschen vermitteln, dass Politik nichts Abstraktes ist, sondern dass sie etwas mit ihnen zu tun hat. Aber inhaltslose Sharepics, Fotos von Fleischwürsten oder ein „Follow-me-around“ mit Aktentasche brauchen wir nicht. Genau durch so etwas fühlt sich die Jugend nicht ernst genommen.
Machen Sie sich große Sorgen um die junge Generation und den Zustand der Demokratie?
Natürlich mache ich mir Sorgen um die jungen Männer, die sich radikalisieren. Aber es sind auch viele junge Frauen, die dagegen aufstehen. Denn die AfD richtet sich ja ganz deutlich gegen Frauen, gegen die körperliche Selbstbestimmung von Frauen, gegen Rechte von Frauen und vertritt ein Geschlechterbild, das sehr schädlich für Frauen ist. Und das sehen Frauen. Zum Glück gibt es auch junge Männer, die sich mit den jungen Frauen verbünden. Deswegen habe ich ganz viel Hoffnung in die Gegenbewegungen, die sich gründen und immer größer werden. Und es gab schon viele Generationen vor uns, die das Gefühl hatten, dass die Welt untergeht, dass alles aussichtslos ist, dass es nicht weitergeht. Aber wir sind immer noch hier. Und wir schulden es denen vor uns, weiterzumachen.
Leonie Plaar wurde 1992 in Osnabrück geboren und studierte Englisch, Geschichte und American Studies, ergänzt durch ein Zertifikat in Geschlechterforschung. Unter dem Namen Frau Löwenherz klärt sie online zu historischen Themen, Queerness und Feminismus auf. Sie arbeitet aber nicht nur aktivistisch, sondern ist auch freie Journalistin und berät Redaktionen sowie Unternehmen und Museen. Plaar wohnt in Düsseldorf.
Über ihr Buch „Meine Familie, die AfD und ich: Wie Rechtsextremismus uns entzweit – und wie wir dagegenhalten“) Goldmann Verlag, 192 Seiten, 18 Euro) diskutierte sie bei der lit.kid.Cologne mit Jugendlichen.

