Großbritannien hat bewiesen, dass eine gestaffelte Steuer den Zuckergehalt in Softdrinks halbiert und der Wirtschaft nicht schadet. Der Kölner Professor Christian Karagiannidis erklärt, warum Deutschland das Zuckersteuer-Modell aus Großbritannien umsetzen sollte.
Kölner Professor für Zuckersteuer„Enormer gesundheitlicher Gewinn, ohne dass jemand verzichten muss“

In Großbritannien ist der Konsum von Softdrinks nach der Zuckersteuer sogar leicht gestiegen - bei Halbierung des Zuckergehalts. „Die Wirtschaft nahm keinen Schaden“, sagt Karagiannidis.
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Herr Professor Karagiannidis, 4.000 Ärztinnen und Ärzte haben gemeinsam mit Foodwatch einen Appell für eine Zuckersteuer unterzeichnet. Sie nicht – warum?
Ich war diesmal nicht mit dabei, teile aber die grundsätzliche Stoßrichtung. Wir haben das Thema bereits in unserem Buch vorgeschlagen: Zucker-, Alkohol- und Tabaksteuern rauf. Und der Druck in diese Richtung wächst – zuletzt hat auch die Finanzkommission eine solche Steuer empfohlen, und vor dem CDU-Parteitag haben wir als Bündnis von 43 Fachgesellschaften und der Bundesärztekammer dafür geworben. Die Richtung stimmt.
Sie betonen aber, dass eine Zuckersteuer nicht einfach eine Steuer wie jede andere ist.
Genau – und das ist entscheidend. Bei Tabak erhöht man die Abgabe, die Packung wird teurer, der Konsum sinkt. So simpel funktioniert das bei Zucker nicht. Eine Zuckersteuer muss clever konstruiert sein, sonst verpufft sie.

Prof. Christian Karagiannidis plädiert für eine Stufensteuer auf zuckerhaltige Getränke.
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Was heißt das genau?
Wir präferieren das britische Modell. Es ist das einzige, das wirklich funktioniert hat – belegt durch eine umfassende Analyse einer englischen Kollegin. Die Briten besteuern Softdrinks in zwei Stufen: ab 5 Gramm Zucker pro 100 Milliliter greift eine niedrige Abgabe, ab 8 Gramm eine deutlich höhere. Das Entscheidende ist nicht die Höhe der Steuer, sondern die Stufenlogik: Wer unter den Schwellenwerten bleibt, zahlt weniger – oder gar nichts.
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Und die Hersteller haben diesen Anreiz tatsächlich angenommen?
Genau. Innerhalb von fünf Jahren sank der Zuckergehalt in den betroffenen Getränken um rund 50 Prozent. Die Industrie reformierte die Rezepturen, weil sie die Mehrkosten nicht weitergeben wollte. Und gleichzeitig stieg der Konsum sogar leicht an. Die Wirtschaft nahm keinen Schaden.
Das ist ein bemerkenswerter Befund: weniger Zucker, mehr Konsum. Wie erklären Sie dieses Paradox?
Es ist eigentlich kein Paradox, sondern der Kern des Modells. Diese Steuer zielt gar nicht darauf ab, dass Menschen weniger Cola trinken – sondern dass die Cola, die sie trinken, weniger Zucker enthält. Wenn die Hälfte der Würfelzucker wegfällt, ist das ein enormer gesundheitlicher Gewinn, ohne dass irgendjemand auf Genuss verzichten muss.
Welche Effekte hat das in der Bevölkerung hinterlassen?
Sehr greifbare. Kariesbedingte Zahnextraktionen bei Kindern gingen zurück – in England wird das stationär erfasst, weshalb die Zahlen besonders präzise sind. Noch wichtiger: Die Rate übergewichtiger Kinder sank, vor allem in sozial benachteiligten Gruppen. Genau dort, wo wir es am dringendsten brauchen.
Kritiker werfen solchen Steuern vor, sie schränkten die persönliche Freiheit ein.
Das Argument ist fadenscheinig. Wer Zucker in sich hineinstopfen möchte, kann das weiterhin tun. Die britischen Daten belegen: Der Konsum der Produkte wurde nicht eingeschränkt, er stieg sogar. Das Freiheitsargument ist entkräftet, sobald man sich wirklich mit dem Modell beschäftigt.
Warum tut sich Deutschland trotzdem so schwer?
Zwei Reflexe blockieren die Politik: die Angst vor Industriebelastung und die Angst vor dem Vorwurf der Bevormundung. Beides löst sich auf, wenn man die britischen Daten wirklich ernst nimmt. Das Problem ist: Viele debattieren über eine Zuckersteuer, ohne das Modell zu kennen.
Wofür würden Sie die Einnahmen einsetzen?
Für echte Prävention – ohne Wenn und Aber. Wenn das Geld in unreformierte Strukturen fließt oder neue Bürokratie finanziert, ist es falsch angelegt. Das Gesundheitssystem hat bereits enorm viel Geld. Was fehlt, sind Reformen.
Was ist das eigentliche Ziel – Einnahmen oder Gesundheit?
Die Briten geben die Antwort. Sie rechnen knallhart: Was kostet die Abnehmspritze – und was spare ich an Folgeerkrankungen, Pflegebedürftigkeit, Herzinfarkten? Für sie ist die Zuckersteuer kein Fiskalinstrument. Es geht um Volksgesundheit. Das sollte auch für uns der Maßstab sein.
Zur Person: Christian Karagiannidis ist Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Intensivmedizin. 2021 wurde er als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) in den Corona-Expertenrat der deutschen Bundesregierung berufen. 2024 wurde er in das Nachfolgegremium berufen, den Expertenrat Gesundheit und Resilienz. Er leitet das ECMO-Zentrum in der Lungenklinik in Köln Merheim. Zusammen mit Boris Augurzky und Mark Dominik Alscher hat er dieses Buch geschrieben: Die Gesundheit der Zukunft. Wie wir das System wieder fit machen. Hirzel 2025.

