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Kann Köln bald Gladbach überholen?Wie der FC seinem Erzivalen Borussia immer näher kommt

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27.09.2025 , xophax, Fussball 1.Bundesliga, 1.FC Koeln Mitgliederversammlung , Präsidentenwahl. Rhein Energie Stadion Jahreshauptversammlung am Samstag den 27.09.2025. 1.FC Köln Geschäftsführer Finanzen Philipp Türoff DFL/DFB REGULATIONS PROHIBIT ANY USE OF PHOTOGRAPHS as IMAGE SEQUENCES and/or QUASI-VIDEO Koeln *** 27 09 2025 , xophax, Fußball 1 Bundesliga, 1 FC Koeln Mitgliederversammlung , Präsidentenwahl Rhein Energie Stadion Jahreshauptversammlung am Samstag den 27 09 2025 1 FC Köln Geschäftsführer Finanzen Philipp Türoff DFL DFB REGULATIONS PROHIBIT ANY USE OF PHOTOGRAPHS as IMAGE SEQUENCES and or QUASI VIDEO Koeln

Philipp Türoff, Sprecher der Geschäftsführung des 1. FC Köln

Fast 100 Millionen Euro Umsatz trennten den FC und seinen Erzrivalen Gladbach vor wenigen Jahren. Jetzt rückt Köln immer näher – sofern der Klassenerhalt gelingt.

Es war ein bewegender Montagabend in Mönchengladbach. Vereinspräsident Rainer Bonhof brach auf der Mitgliederversammlung in Tränen aus, sprach von einem „Scheißjahr“ und sagte mit brüchiger Stimme: „Ich dachte, wir wären stabiler.“ Damit bezog sich der 74-jährige Weltmeister vor allem auf die sportlich enttäuschende Saison. Aber Borussia hat auch finanziell zu kämpfen und im Geschäftsjahr 2025 erneut einen Verlust erzielt: knapp vier Millionen Euro nach Steuern. Das zweite Minus in Folge. Ein Klub im Umbruch, gegen den Abstieg kämpfend, wirtschaftlich auf der Suche nach Stabilität. Die Verantwortlichen wurden mit für Gladbacher Verhältnisse ungewöhnlich harter Kritik konfrontiert.

Beim Erzrivalen 1. FC Köln hat man diese Zahlen und Stimmungen nüchtern aufgenommen. Der Klub kennt schwere Zeiten zu Genüge. Aber am Geißbockheim verlief die Entwicklung zuletzt in eine andere Richtung – zumindest in der Bilanz. Auf dem Rasen aber ist die Situation für beide Klubs ernst. Gladbach hat einen Punkt mehr als der FC, der Klassenerhalt ist für beide drei Spieltage vor Saisonende noch nicht gesichert. Was folgt, gilt mit einem Vorbehalt.

Noch vor einigen Jahren schaute man in Köln neidisch nach Mönchengladbach – auch wenn das im FC-Kosmos keiner zugeben will. Die Borussia spielte zwischen 2015 und 2021 dreimal in der Champions League (2012/13 schied der VfL in den Playoffs der Königsklasse aus), zudem in der Europa League, hatte Stars wie Granit Xhaka, Yann Sommer, Raffael, Thorgan Hazard, Alassane Pléa oder Marcus Thuram in ihren Reihen. Der Verein präsentierte Jahr für Jahr solide, zeitweise hervorragende Finanzzahlen – im eigenen Stadion. Der weitläufige Borussia-Park mit vereinseigenem Hotel und Medizinzentrum, finanziert, bezahlt, dem Klub gehörend. Kein Vermieter, keine Kompromisse, kein städtisches Mitspracherecht.

Beim FC dagegen verlief die Geschichte deutlich turbulenter: Zwischen 2012 und 2024 musste der Klub drei Abstiege verkraften, zwischendurch gab es zwar auch stabile Zeiten – später, vor allem nach Corona, aber einen Kampf ums finanzielle Überleben. Lange Zeit kam eine katastrophale infrastrukturelle Situation am geschichtsträchtigen, wundervoll gelegenen, aber hoffnungslos veralteten Geißbockheim hinzu. Dazu spielt der FC im Rhein-Energie-Stadion, das der Stadt gehört. All das nährte das nagende Gefühl, dem Rivalen strukturell immer einen Schritt hinterherzulaufen.

Der Abstand beim Umsatz war zeitweise enorm. Während der FC im September 2019 für das Geschäftsjahr 2018/19 einen Umsatz-Rückgang auf 114,6 Millionen Euro präsentieren musste – in einer Saison, in der er erneut in der 2. Bundesliga antrat –, wies Borussia für das Kalenderjahr 2019 einen Rekord-Umsatz von 213 Millionen Euro und ein Eigenkapital von 103,3 Millionen Euro aus. Die Bezugszeiträume sind unterschiedlich, aber die Größenordnung des damaligen Abstands ist eindeutig – fast 100 Millionen Euro. Gladbach schloss die Saison 2018/19 als Fünfter ab, qualifizierte sich direkt für die Europa League und spielte erneut international. 2020/21 erreichte die Fohlenelf sogar das Achtelfinale der Champions League, dort war Manchester City eine Nummer zu groß.

Wir werden das laufende Geschäftsjahr voraussichtlich mit einem soliden positiven Ergebnis abschließen. Der Abschluss bestätigt die Nachhaltigkeit unseres Kurses: Der 1. FC Köln erwirtschaftet seine Handlungsfähigkeit aus eigener Kraft.
Philipp Türoff, Sprecher der Geschäftsführung des 1. FC Köln

Doch die Zeiten haben sich geändert. Der 1. FC Köln präsentierte im September 2025 seinen Jahresabschluss: 150,8 Millionen Euro Umsatz, 5,4 Millionen Euro Gewinn – nach einer kompletten Saison in der 2. Bundesliga. Es war das fünfte positive Jahresergebnis in Folge, eine Serie, die vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Allerdings schlägt die niedrigere DFL-Ausschüttung noch nach: Gegenüber einem Erstligajahr fehlen allein bei den TV-Einnahmen rund 15 bis 20 Millionen Euro. Doch der FC holt auf, für weit über 15 Millionen Euro wurde auch das Geißbockheim umgebaut, modernisiert. Borussias Vorsprung wird kleiner. Und nun meldete Gladbach erneut rote Zahlen.

All das gilt unter einem entscheidenden Vorbehalt: dem Klassenerhalt. Ein Abstieg – auf welcher Seite auch immer – würde die wirtschaftlichen Prognosen über den Haufen werfen. Das weiß man in Köln besser als anderswo. Doch sollte der FC die Klasse halten, sind die Voraussetzungen für eine vielversprechende Zukunft so gut wie lange nicht. Philipp Türoff, Sprecher der FC-Geschäftsführung, blickt gegenüber dieser Zeitung optimistisch voraus: „Wir werden das laufende Geschäftsjahr voraussichtlich mit einem soliden positiven Ergebnis abschließen. Auch wenn wir das Ergebnis des Vorjahres erwartungsgemäß nicht übertreffen werden, bestätigt dieser Abschluss die Nachhaltigkeit unseres Kurses: Der 1. FC Köln erwirtschaftet seine Handlungsfähigkeit aus eigener Kraft.“

FC peilt für Geschäftsjahr 2025/26 Umsatz von 180 Millionen Euro an

Die Zahlen hinter dem Zitat sind bemerkenswert: Für das Geschäftsjahr 2025/26 wird beim FC nach Informationen dieser Zeitung ein Umsatz zwischen 175 und 180 Millionen Euro erwartet – das wären fast 20 Millionen Euro mehr als im bis dato letzten Bundesliga-Jahr 2023/24, in dem der Klub 159 Millionen Euro erlöste. Beim Gewinn wird ein Ergebnis von rund fünf Millionen Euro prognostiziert. Möglich wird das auch durch Transfererlöse, die der FC bereits realisiert hat – unter anderem durch die Verkäufe von Damion Downs und Max Finkgräfe nach der Saison in der 2. Bundesliga.

Die wirtschaftliche Erholung ist das Werk mehrerer Verantwortlicher über viele Jahre. Den Grundstein legte Alexander Wehrle, der den Klub umsichtig durch die heftigen Corona-Jahre führte – eine Phase, in der viele Klubs in existenzielle Schieflagen gerieten. Wehrle, seit 2022 Vorstandsvorsitzender beim VfB Stuttgart, hielt den FC auf Kurs, als Geisterspiele und wegbrechende Einnahmen die Branche lähmten.

Die Rolle des Ex-Gladbachers El Mala Auf diesem Fundament bauten Präsident Werner Wolf, die Vizepräsidenten Eckhard Sauren und Carsten Wettich sowie die Geschäftsführer Christian Keller und Türoff weiter – sie stabilisierten den Klub, setzten schmerzhafte Einschnitte durch und etablierten eine Kultur der finanziellen Disziplin, die bis heute trägt.

27.04.2026 Moenchengladbach Fussball, Herren, 1. Fussball-Bundesliga, Saison 2025/2026, Mitgliederversammlung Borussia Moenchengladbach Begruessung durch Rainer Bonhof Praesident Gladbach DFL regulations prohibit any use of photographs as image sequences and/or quasi-video. Borussia-Park NRW Deutschland *** 27 04 2026 Moenchengladbach Fußball, Herren, 1 Fussball Bundesliga, Saison 2025 2026, Mitgliederversammlung Borussia Moenchengladbach Begruessung durch Rainer Bonhof Praesident Gladbach DFL regulations prohibit any use of photographs as image sequences and or quasi video Borussia Park NRW Deutschland

Erlebte am Montagabend eine emotionale Mitgliederversammlung: Borussias Präsident Rainer Bonhof

Allerdings hatte die Sanierung ihren Preis. Die strikte Kostenkontrolle trug mit dazu bei, dass der FC 2024 erneut abstieg. Hinzu kam eine Transfersperre, die den sportlichen Handlungsspielraum einengte. Kurzfristiger Schmerz für langfristige Stabilität – so lautete das Kalkül. Und es scheint aufzugehen. Die Lorbeeren ernten Wolf und Co. allerdings nicht mehr: Seit September bilden Präsident Jörn Stobbe, Jörg Alvermann und Ulf Sobek den FC-Vorstand. Und führen den Klub weiter in die Zukunft.

Wir haben uns eine wirtschaftliche Stabilität erarbeitet, die uns am Verhandlungstisch unabhängig macht. Wir verspüren keinerlei finanziellen Druck, Spieler veräußern zu müssen.
Philipp Türoff

Türoff hat den kaufmännischen Kurs seither weiter professionalisiert – mit strategischem Transfermanagement, wachsender Mitgliederbasis und einem Geschäftsmodell, das selbst die Zweitklassigkeit aushält. Selbst im Unterhaus blieb das Stadion voll, blieben Sponsoren loyal. Gegenüber dieser Zeitung zieht er eine positive Zwischenbilanz: „Das Geschäftsjahr verläuft finanziell weitgehend im Rahmen unserer Erwartungen. Wir sehen positive Entwicklungen in einigen Geschäftsbereichen, die uns zusätzliche Handlungsspielräume verschaffen.“

Gladbach dagegen steckt in einer strukturellen Klemme. Kein Europapokal nach 2021, dafür über Jahre hohe Personalkosten aus besseren Zeiten. Sportchef Rouven Schröder soll die Kosten „signifikant senken“, heißt es. Immerhin: Im kommenden Sommer erhält auch Borussia eine relevante Transfereinnahme – die höchste seit sieben Jahren. Der im Verein ausgebildete Rocco Reitz (23) wechselt für mindestens 20 Millionen Euro zu RB Leipzig. Das lindert den Druck, löst die strukturellen Probleme aber nicht. Und nach Aufbruch klingt es auch nicht.

Eine Rolle für die FC-Zukunft spielt ausgerechnet Ex-Borusse El Mala

Und dann ist da noch Said El Mala. Im Sommer 2021 wurde das Talent bei Borussia aussortiert – der damals jugendliche Offensivspieler sei körperlich zu schwach, hieß es. Der 1. FC Köln griff nach El Malas Zwischenstation bei Viktoria Köln 2024 zu. Was folgte, ist ein kleines Fußballer-Märchen. El Mala entwickelte sich in Köln zum Jungstar, spielte sich in der Aufstiegssaison in den Fokus europäischer Topklubs – und verlässt womöglich bei einer Ablöse von rund 50 Millionen Euro den FC. Verkaufen muss der FC nicht: Der Spieler steht nach aktuellem Stand bis 2030 unter Vertrag. Aber bei einer solchen oder sogar noch höheren Summe, so ist aus dem Umfeld des Klubs zu hören, würden die Verantwortlichen den Transfer vollziehen.

Türoff macht unmissverständlich klar, von welcher Position aus der FC verhandelt: „Transfererlöse sind eine sehr wichtige Erlösquelle für Klubs in unserem aktuellen Wettbewerbsumfeld. Eine außergewöhnlich hohe Ablöse kann Spielräume für nachhaltige Verbesserungen der Wettbewerbsposition eröffnen. Das gilt auch für den FC, wenn ein solcher Fall eintritt. Wir haben uns eine wirtschaftliche Stabilität erarbeitet, die uns am Verhandlungstisch unabhängig macht. Wir verspüren keinerlei finanziellen Druck, Spieler veräußern zu müssen.“ Finanziell wäre ein solcher Verkauf für den FC eine neue Dimension – und würde den ohnehin geschrumpften Abstand zum Rivalen weiter verringern, möglicherweise sogar egalisieren.

Doch Gladbach bleiben strukturelle Vorteile: Der Klub besitzt den Borussia-Park. Kein Vermieter, keine geteilten Eventerlöse, kein Abhängigkeitsverhältnis gegenüber einer Stadt. Den FC als Mieter des Rhein-Energie-Stadions kostet die Arena jährlich knapp zehn Millionen Euro; der Pachtvertrag läuft bis 2034.

Doch Gladbach bewegt sich beim Umsatz trotz dauerhafter Erstliga-Zugehörigkeit auf einem Niveau, das der FC für das laufende Bundesliga-Jahr nach dem Wiederaufstieg anpeilt – obwohl die Borussia allein durch die höhere DFL-Ausschüttung deutlich mehr als zehn Millionen Euro zusätzlich erhält. Dass der FC dennoch mithalten kann, spricht für seine wirtschaftliche Stärke in anderen Geschäftsbereichen. Hinzu kommt: Gladbach leistet sich einen höheren Kaderetat – ein Modell, das bei sinkenden Einnahmen direkt auf das Ergebnis durchschlägt. Und auch bilanziell hat der FC aufgeholt: Beim Eigenkapital befinden sich beide Klubs inzwischen auf vergleichbarem Niveau.

Sollte der FC die Klasse halten – und Gladbach ebenfalls – könnte Köln den Rivalen nicht nur weiter einholen, sondern in naher Zukunft überholen. Das Momentum könnte auf Kölner Seite gewandert sein. Und Gladbach? Dort forderte die aktive Fanszene am Montagabend bereits den Rücktritt des Präsidiums. Von Harmonie soll wenig zu spüren gewesen sein – gestellt wurde vielmehr die Frage nach den Ambitionen.