Die A&M Universität untersagt einem Philosophiedozenten, seinen Studenten Passagen aus Platons „Gastmahl“ vorzustellen. Die enthielten „Gender-Ideologie“.
Blüten des TrumpismusWenn in Texas selbst Platon zu woke ist


Platons Akademie, Mosaikfußboden in Pompeji, 1. Jahrhundert n. Chr.
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Dem britischen Philosophen und Mathematiker Alfred North Whitehead wird die Bemerkung zugeschrieben, der zufolge die europäische Philosophiegeschichte lediglich aus Fußnoten zu Platon bestünde. Das mag arg zugespitzt sei, aber falsch ist es nicht. Wer sonst kann eine 2400 Jahre andauernde Wirkungsgeschichte von nahezu unbegrenztem Einfluss vorweisen?
Geht es nach der Verwaltung der texanischen A&M Universität – mehr als 73.000 Studierende sind hier eingeschrieben – ist damit nun aber Schluss. Wie anders sollte der Philosophiedozent Martin Peterson eine Mail seiner Fachbereichsleiterin interpretieren, die ihm untersagt, in seinem Ethik-Seminar Passagen aus Platons Gastmahl-Dialog zu behandeln. Ansonsten könnte er einen Kurs über Moral im Ingenieurswesen übernehmen. Warum? Weil der Grieche darin gegen das neue Verbot der Verbreitung von „Gender-Ideologie“ verstoße.
Kugelmenschen sind verboten
Im „Symposion“ halten die Gastmahlsteilnehmer Lobreden auf den Liebesgott Eros. Der Komödiendichter Aristophanes erzählt dort den Mythos von den Kugelmenschen: Nach dem besaßen die Menschen ursprünglich kugelförmige Rümpfe, vier Hände und Füße und zwei Gesichter. Bis Zeus sie in zwei Hälften zerschnitt, die sich bis heute eng umschlungen nach der vormaligen Einheit sehnen.
Weil diese Kugelwesen laut Aristophanes jedoch in drei Geschlechtervarianten vorkamen – rein weiblich, rein männlich und mit männlicher und weiblicher Hälfte – weil, schlimmer noch, einzig die Abkommen dieser „andrógynoi“ heterosexueller Neigung seien, läutet Texas jetzt das Ende des Abendlandes ein. Die Philosophie muss in Zukunft ohne den links-grün-versifften Platon auskommen.
Den verzweifelten Aufschrei des zensierten Dozenten kann man in der „New York Times“ nachlesen: „Wie soll ich denn Philosophie lehren ohne Platon?“ Von hier aus gesehen mag man über die schiere Absurdität des Vorgangs lachen, ein puritanisch-trumpistischer Schildbürgerstreich, es ist zum Kugeln.
Vor Ort aber herrscht das pure, Orwell'sche Grauen. Als nächstes wird die A&M University wohl mit Platons Annahme einer eigenständig existierenden geistigen Wirklichkeit aufräumen.

