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Premiere im Schauspiel90 Minuten Hass auf die Kloake Köln, das tut gut

4 min

Das Ensemble als Brinkmann-Avatare in „Die Wörter sind böse“

Wolfgang Menardi dramatisiert Rolf Dieter Brinkmanns Radiocollage „Die Wörter sind böse“ im Depot 2 des Kölner Schauspiels.

„Kölnische Fressen“, schimpft Rolf Dieter Brinkmann ins geschulterte Tonbandgerät, „kölnische Visagen, kölnische schleimige Wörter.“ Sülz. Hürth. Klingelpütz. Gürzenich.

Der Dichter aus Vechta streift durch die stinkenden Straßen seiner rheinischen Wahlheimat, „eine Kloake von einer Million Menschen“, wettert gegen blödsinnige Autos, gegen Mufftypen und Medienköpfe, gegen das verrottete, katholisch verseuchte Land. Er flucht über die „Büdchen-Mentalität“, die „Kölsch- und Halven-Han-Mentalität“, hat die Hand innerlich zur Faust geschlossen, schüttelt die Faust gegen das „fahle Gemisch“, gegen den gelb-schmutzigen, miesen Himmel über Köln.

Seine in alle Richtungen ausschlagende Wut ist so grenzenlos, dass es schon wieder komisch ist, sie ist eine Clownsnummer des Hasses: Der Autor schimpft, das Publikum lacht. Dieses Lachen kann freilich jederzeit in Erschrecken umkippen.

Volle Bierflasche gegen den Stadt-Anzeiger-Wagen

Dann randaliert der Dichter. Sticht in Autoreifen. Schlägt Fensterscheiben ein. Wirft ein Fahrrad in den Aachener Weiher und eine volle Bierflasche gegen den Stadt-Anzeiger-Wagen. Doch eigentlich sind Wörter seine Waffen. Pfeilgleich schießen sie aus seinen offenen Wunden gegen die vom Bürgersteig bis zur Dachrinne aus dumpfem Schweigen gekachelten Häuserwände der Stadt.

„Die Wörter sind böse“, hat der österreichische Regisseur Wolfgang Menardi seinen Rolf-Dieter-Brinkmann-Abend am Kölner Schauspiel genannt. Der Titel funktioniert als Kurzbeschreibung des Abends. „Die Wörter sind böse“ heißt auch die wilde Radiocollage, die Brinkmann 1974 für den WDR erstellt hat. Menardi lässt sein Ensemble die Lippen synchron zur alten Tonbandaufnahme bewegen, dann nahtlos selbst den Text übernehmen, einzeln oder im Chor.

Vier Schauspieler und Schauspielerinnen halten eine fünfte hoch.

Szene aus „Die Wörter sind böse“

Nikolaus Benda, Paul Grill, Lavinia Nowak, Uwe Schmieder, und Birgit Unterweger sind fünf chorische Brinkmänner, identisch kostümiert in türkisfarbenen Schlaghosen mit hohem Bund und hellbraunen Kunstlederjacken, die langen, fettigen Haare am Mittelscheitel ausrasiert, eine Frisur wie eine Selbstverletzung (Kostüm: Jelena Miletić).

Bevor der Schauspieler Menardi vor acht Jahren als Regisseur reüssierte, hatte er bereits zum Bühnen- und Kostümbildner umgelernt, mit großem Erfolg. Und auch im Depot 2 ist es zuerst seine Bühne, die den Blick gefangen nimmt und in den folgenden anderthalb Stunden nicht mehr loslässt: Eine von Straßenlaternen gesäumte Bahn aus schwarzen Fliesen umrundet ein in diffuses Licht getauchtes Chaos aus umgestürzten Stühlen, Papieren, Plattencovern und dreckigen Matratzen, links gibt Live-Musiker Nico Stallmann am Schlagzeug den Takt der Suada vor, rechts liegt eine Domspitze im Dreck, es riecht nach kalter Zigarettenasche.

Ein Roboterarm mit Kamera und ein kopfüber gekreuzigter Wagen mit geöffneten Seitentüren – in Märtyrer- beziehungsweise Mehrtürer-Position – geben die Mittelachse vor, zu deren Seiten sich symmetrisch Tische mit Schreibmaschinen und Plattenspielern, eine Reihe von Urinalen und der Schriftzug „Cologne mon Amour“ spiegeln – der Stadtname in Fraktur geschrieben, wie man das von bodenständigen Tätowierungen kennt.

Die vom Roboterarm eingefangenen Live-Bilder vermischt Videokünstler Jan Isaak Voges mit Einspielern, die das Ensemble im Kostüm auf Kölner Straßen zeigen, und Super-8-Aufnahmen Brinkmanns. Das ganze Nicht-Geschehen hat etwas Installatives, oft rennt ein Dichter-Avatar, um dieses Nicht-Fortkommen zu illustrieren, auf der Fliesenbahn im Kreis.

Wir kreisen im Kopf des Autors und um ihn herum. Wäre da nicht seine in ihrer Heftigkeit, in ihrer verqueren Poesie, auch in ihrem abgestandenen Sexismus permanent Reaktionen provozierende Sprache, wäre da nicht die flirrend-gefährliche Energie der Schauspielerinnen und Schauspieler, allen voran der unglaubliche Uwe Schmieder – man würde sich im Brinkmann’schen Assoziationsraum nicht weniger gefangen fühlen, als der im Muff der geschichtsvergessenen Nachkriegsgesellschaft.

So aber (und auch dank der Körperarbeit Mason Mannings) schlägt der Abend Funken, lässt den unruhigen Geist des Autors in neuer Lebendigkeit aufflackern. Es ist schon 15 Jahre her, dass zum letzten Mal ein Brinkmann-Text im Schauspiel Köln auf die Bühne gebracht wurde. Und es sind mehr als 50 Jahre vergangen, seit Rolf Dieter Brinkmann, erst 35 Jahre alt, vor dem Pub The Shakespeare in London von einem Auto überfahren wurde, weil er in die falsche Richtung sah. „Sein Gesicht sah noch friedlicher aus als das eines Schlafenden“, erinnert sich ein Freund, der Zeuge des Unfalls war. In seinen Texten bleibt er ewig unerlöst. Aber Wolfgang Menardis Inszenierung verlässt man hochzufrieden.