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Premiere in KölnSollen wir Putin töten? Stimmen Sie jetzt ab!

4 min

Elias Eilinghoff, Anke Zillich und Kamerakind Schorsch in „Du musst Dich entscheiden“ im Schauspiel Köln

Schauspiel-Intendant Kay Voges fragt im Depot 1 per Handy-Abstimmung die Ansichten des Publikums ab. Unsere Kritik.

Und jetzt alle: „1, 2 oder 3/Du musst Dich entscheiden/3 Felder sind frei.“ Hätten Michael Schanze oder Biggi Lechtermann geahnt, wie viel gesellschaftlicher Sprengstoff in der von ihnen sukzessive moderierten Kinderquizsendung „1, 2 oder 3“ steckt, sie hätten wohl die Finger davon gelassen.

Weshalb im Depot 1 nun ein seltsames Paar als Showmaster der Erwachsenenausgabe des Ratespiels auftritt: Anke Zillich gibt die regelkonforme Zuchtmeisterin Michelle Pelosi, das „Fallbeil der Unterhaltungskultur“ – ob sich ihr Name aus RuPauls strenger Jury-Beisitzerin und der bekannten US-Demokratin zusammensetzt? Elias Eilinghoff steht ihr als ultraschmieriger Minipli-Lockenträger Tommy McDonalds zur Seite, sein Strickpollunder und Hemd erstrahlen in den Farben der Hackfleisch-Braterei.

Friedrich Schiller meldet sich mit Darth-Vader-Stimme zu Wort

Bevor sie ihre Quiz-Kandidaten vorstellen können, es soll um nicht weniger als zwei Millionen Euro gehen, meldet sich der KI-animierte „Spiele-Spezialist“ Friedrich Schiller vom Bildschirm aus zu Wort: „Das Spiel“, doziert der Weimaraner mit Darth-Vader-Stimme, „versöhnt Neigung und Pflicht, so dass der ästhetisch erzogene Mensch das Gesollte auch Wollen kann.“ Da fällt der zumindest auf dem Papier bestehende Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens mit der Schiller’schen Idee vom Theater als moralischer (Erziehungs-)Anstalt zusammen, so sind wir also hierhingekommen.

Dass die fröhlich gesungene Aufforderung „Du musst Dich entscheiden“ eigentlich eine Nötigung ist, wird dann ziemlich schnell klar. Gefragt wird nämlich nicht nach dem Nachnamen des Eiffelturm-Erbauers, sondern nach möglichen und unmöglichen Antworten auf moralische Dilemmata. Und entscheiden müssen wir selbst, das per Handy zugeschaltete Publikum. „Eine Meinung ist richtig, wenn …“, lautet die erste, noch scherzhaft gemeinte Frage, und die Mehrheit auf der Tribüne wählt Option 1: „ich sie für richtig halte“.

Die Deichteufel vertreten rechte Kampfmeinungen.

Tatsächlich hat hier aber nicht der oder die Einzelne, sondern stets nur die relative Mehrheit Recht und die Kandidaten müssen es erraten. Aber was für Kandidaten hier von Feld zu Feld hüpfen! Es sind grobe (und grob gemeinte) Karikaturen wie der jammernde Ossi Rico (Uwe Schmieder), das besserverdienende Ehrenfelder Schwulenpaar Maik und Moritz (Fabian Reichenbach und Frank Genser), die oberwoke Layla (Paula Carbonell Spörk) – „meine Pronomen sind they/them“ – oder der Ebenauer Ferdinand, ein erzkatholischer Kärntner Hinterwälder (Günther Wiederschwinger).

Je gröber, desto beherzter arbeiten freilich die Darstellenden daran, ihnen menschlich-allzumenschliche Züge zu verleihen, vor allem dem urkomischen Schmieder („Wo isch uffgewachsn bin, do gabs nich emol VHS-Videorekogger, un Demogratie scho glei gar nich.“) gelingt es, in gleichem Maße Überheblichkeits- wie Mitleidsgefühle zu wecken. Beide sind auch im gleichen Maße unangenehm, und eben darauf zielt der von Schauspiel-Chef Kay Voges und Johan Frederik Hartle – der Philosoph ist Rektor der Wiener Kunstakademie – entworfene Spieleabend ab.

Da ist es schade, dass die Abstimmungsergebnisse eher selten überraschen. Höchstens bei der Frage, ob Putin den Tod verdient habe, können sich 42 Prozent der Befragten hinterher wundern, warum sie ernsthaft „Ja, jederzeit“ gedrückt haben. Aber dass die große Mehrheit der Zuschauerinnen und Zuschauer davon ausgeht, dass man mit Nazis nicht verhandelt, oder weiß, dass man das „Pinkwashing“ nennt, wenn Frontex mit der Regenbogenfahne wirbt, war im liberalen Köln erwartbar. Was der allgemeinen Verunsicherung dienen könnte, verkommt so zur gemütlichen Selbstvergewisserung.

Eine größere Zumutung stellen da schon die Showblöcke dar, etwa die sagenhaft rassistische Aneignung einer chinesischen Oper oder die rechten Kampfsprüche der Deichkind-artigen „Deichteufel“: „Du willst ein Kind missbrauchen, aber Du darfst es nicht/Du willst mal eine rauchen, aber Du darfst es nicht/Ja, drehn die jetzt ganz durch?“ Je bösartiger er daherkommt, desto besser funktioniert dieser Abend, der mit den Waldorf-und-Statler-artigen Sofakommentaren eines Trickfilm-Marx und -Adornos die eigene Reflexionsebene bereits eingepreist hat.

„Fun ist ein Stahlbad“: Das berühmte Zitat des Kulturindustrie-Kritikers hat sich der Abend zum inoffiziellen Motto erwählt, und wenn die heillos zerstrittenen Kandidaten schließlich mit dem Format-typischen Sadismus zum Äußersten genötigt werden – Autos werden beschädigt, Kinder in Geiselhaft genommen, Kunstblut spritzt –, scheint sich das Diktum zu bewahrheiten.

Aber war das deutsche Fernsehen nicht selbst schon vor Urzeiten so weit? Etwa mit der provokativen Spielshow „Wünsch Dir was“, die von 1969 bis ’72 im ZDF lief. In Köln entpuppt sich das angekündigte Stahl- doch eher als Bällebad. Plastikkugeln überschwemmen die Bühne, durchbrechen die vierte Wand. Der Abend ist durchweg vergnüglich, doch im Vergleich zum Meinungsterror da draußen wirkt das Depot 1 geradezu wie ein Kinderparadies.