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Museum für Ostasiatische KunstWer braucht Drachen, wenn er Pferde hat

5 min
Das Bild zeigt den Berg Fuji mit Reisenden im Vordergrund.

Holzschnitt mit Pferd von Katsushika Hokusai aus der Ausstellung im Kölner Museum für Ostasiatische Kunst

Das Kölner Museum für Ostasiatische Kunst feiert mit einer schönen Ausstellung ins chinesische Mondjahr des Pferdes hinein.

Als durchschnittlicher Mitteleuropäer erwartet man von der ostasiatischen Kultur vor allem Drachen und möchte nicht gerne mit Pferden hingehalten werden. Andererseits sattelten die chinesischen Kaiser bereits in der Han-Dynastie (220 v. Chr. bis 220 n. Chr.) zusehends vom Drachen auf Himmelspferde um, um ins Jenseits hinaufzureiten. Der Grund dürfte ein trivialer gewesen sein: Real existierende Tiere lassen sich leichter zähmen und zu Statussymbolen erklären als bloße Fabelwesen. Selbst Kaiser müssen ihre Mythen offenbar auf halbwegs glaubwürdige Fundamente bauen.

Selbst Götter und Dämonen ließen sich auf dem Pferderücken nieder

Beim Besuch der aktuellen Pferde-Ausstellung im Kölner Museum für Ostasiatische Kunst sollte sich die Enttäuschung daher in Grenzen halten. Beim „Galopp durch Raum und Zeit“ (so der Untertitel) lassen die edlen Zehenspitzengänger nicht selten das Irdische hinter sich, um den Menschen zu dienen und ihnen zu gefallen. Von China bis Korea trugen sie ihre Besitzer ins Himmelreich und verewigten als figürliche Grabbeigabe die Bedeutung des Verstorbenen. Selbst Götter und Dämonen ließen sich auf ihren Rücken nieder, besonders eindrucksvoll in der tantrischen Spielart des Buddhismus. In Köln pflügt eine grausame Gottheit durch ein Meer aus Blut, und ein feuriger Dämon hat sein Maultier mit Schlangen aufgezäumt. Lediglich der Religionsgründer Siddharta ließ sein weißes Lieblingspferd Kanthaka zurück, um den Pfad der Erleuchtung allein zu gehen. Es heißt, die treue Pferdeseele sei daraufhin an gebrochenem Herzen eingegangen.

Am 17. Februar 2026 beginnt nach chinesischer Zeitrechnung das „Mondjahr des Pferdes“, und das Kölner Museum feiert mit der gleichnamigen Ausstellung ins Festjahr hinein. Die von Daniel Suebsman kuratierte Schau speist sich vor allem aus der museumseigenen Sammlung und wird um einige private Leihgaben ergänzt – insgesamt sind mehr als 70 Skulpturen, Hängerollen, Keramiken oder auch Handschmeichler zu sehen. Die alte Maxime, nach der sich der Rang eines Toten an der Größe seiner behuften Grabbeigabe messen lässt, scheint für moderne Sammler weiterhin zu gelten: Die prächtigsten Gäule der Ausstellung steuerte das legendäre Ehepaar Irene und Peter Ludwig als Dauerleihgaben bei – unter anderem eine meisterliche Bronzefigur von „Pferd und Knecht“ aus der Han-Dynastie.

Reiter jagen mit Spießen nach wilden Tieren.

Ausschnitt aus einer „Herbstlichen Treibjagd“ aus der Ausstellung „Zum Mondjahr des Pferdes“

Dieses grazile Himmelspferd wurde aus elf Einzelteilen gegossen und hat eine ungewöhnlich dünne Haut von lediglich vier Millimetern. Schwer vorstellbar, auf ihm tatsächlich ins Jenseits zu reiten, aber die kostbare Illusion ist perfekt und überzeugt auch den heutigen Betrachter davon, dass hier ein großer Mann von uns gegangen ist. Vielleicht aber auch ein grausamer Kriegsverbrecher; der gestiefelte Knecht, der nach den Zügeln des Wundertieres greift, soll jedenfalls ein Kriegsgefangener sein.

Die Verbindung von Pferd und Krieg zieht sich durch die gesamte Ausstellung. Auf einer Reihe japanischer Hängerollen sehen wir die Kriegerkaste der Samurai mit ihren dressierten Pferden prahlen, sei es beim Bogenschießen im fliegenden Galopp oder beim Wettrennen. Selbst zivilisierte Darstellungen von Pferderennen wie auf einer monumentalen Scheibentür können ihre Herkunft aus dem Militärischen kaum verleugnen. Nach Japan gelangten die ersten Pferde vermutlich im vierten Jahrhundert durch Invasionen seefahrender Reitervölker. Bei der Jagd verlagerte sich das Kriegerische dann vom Menschen auf das Tier – oder waren die berittenen Soldaten auf Menschenjagd?

Die edelsten Pferde wurden zu Charakterdoubles ihrer Besitzer

Der Stolz auf das Pferd war auch der Stolz auf die eigene Leistung, es gezähmt zu haben. Bei der Jagd machte sich der Mensch dann den Rest der Wildnis mit seiner Hilfe untertan. Bildwürdig waren ihm vor allem die behuften Prachtexemplare. Mit ihnen ließ sich der eigene Rang und der eigene Reichtum betonen (Pferde waren beliebte Geschenke und Tributgaben), mit ihnen ließen sich aber auch (in der Theorie) die Götter bestechen. Mit schwarzen Pferden bat man um Regen, und wer keines entbehren konnte, versuchte es mit einer entsprechenden Tierfigur. Aber auf solche Spenden war offenbar so wenig Verlass wie auf andere Gaben – jedenfalls lässt sich ein seltenes Bildnis entsprechend deuten, auf dem ein bockiger Rappe einen Tempeldiener schwungvoll aus dem Sattel wirft.

Die edelsten Pferde wurden zu Charakterdoubles ihrer Besitzer erhoben – als Ausdruck von Mut, Stärke und Willenskraft. Auf den höchsten Rössern saßen selbstredend die Kaiser, die sich allerdings auch gar nicht erlauben konnten, als Kutschfahrer oder Sänftenreisender zu gelten. Zwei imposante Querrollen zeigen in Köln einen chinesischen Herrscher samt Hofstaat bei der kleinteiligen, wimmelnden Jagd, eine offizielle Verlautbarung im Breitwandformat, die ihm wohl den Respekt der kriegerischen Reitervölker sichern sollte.

Sehr viel später verewigte Hokusai die verschiedenen Arten des Reisens auf seiner berühmten Bilderserie über den Berg Fuji. Auf einer der 36 Ansichten sehen wir einen Reiter, der auf seinem Pferd geführt wird, gemeinsam mit einem Wandermönch und zwei Sänftenträgern, die ihre schlafende Last für eine Pause abgelegt haben. Das Reiten wirkt hier demokratisiert oder jedenfalls nicht sonderlich hoheitsvoll – beinahe eine Beleidigung der sonst so hoch gepriesenen Pferdemajestät.

Der kurioseste Beitrag zum Kölner Mondjahr des Pferdes findet sich als Miniatur in einer Vitrine: ein geschnitztes Pferd, das aus einem geschnitzten Kürbis zu schlüpfen scheint. Offenbar hat der Künstler damit ein japanisches Sprichwort buchstäblich übersetzt: „das Pferd im Kürbis“ ist Ausdruck eines ungewöhnlichen Ereignisses. Da staunt der Mitteleuropäer und zieht ehrfürchtig das Kaninchen aus dem Hut.


„Zum Mondjahr des Pferdes – Ein Galopp durch Zeit und Raum“, Museum für Ostasiatische Kunst, Universitätsstr. 100, Köln, Di.–So. 11–17 Uhr, bis 31. Januar 2027