- Die technische Panne wurde bei der Premiere der „Fledermaus” in der Bonner Oper von den Darstellern bemerkenswert cool überspielt.
- Aron Stiehls Inszenierung ist einfallsreich und verzichtet auf die wohlfeile Besoffenenkomik.
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Bonn – Der Alarmton, ein nicht endenwollendes Terzpendel, foltert. Aber vielleicht gehört er ja sogar zur Produktion. So ganz sicher kann man da sich jedenfalls nicht sein, denn das Bühnenpersonal geht mit der Situation bemerkenswert spielerisch-souverän um: Männlein und Weiblein fahren fort, einander routiniert zu beschmatzen, der spätere Frosch-Darsteller erscheint vorzeitig und erzählt von seinem „Duett mit dem Feuermelder“. Schließlich trollt sich noch ein netter Hund – angeblich der des Regisseurs – an die Rampe.
Indes dauert die neue Bonner „Fledermaus“ am Ende eine Viertelstunde länger als angekündigt – ein massives Indiz dafür, dass im ersten Akt tatsächlich etwas schief gelaufen, eben ein Fehlalarm losgegangen war. Dass das Publikum – ganz auf der Linie von Tieck und Pirandello – eine Vermischung der Realitäts- und Fiktionsebenen immerhin für möglich halten konnte, spricht eigentlich für Aron Stiehls Inszenierung (Koproduktion mit dem Theater Dortmund und dem Saarländischen Staatstheater), die er dem Strauß’schen Evergreen angedeihen lässt. Tatsächlich geht hier vieles mal elegant, mal rustikal durcheinander – sei es, dass Prinz Orlofsky eine zweite Liedstrophe mit eben diesem Hinweis ankündigt, sei es, dass sich die Polonaise von der Bühne ins Publikum begibt oder dieses durch ein lauthals angestimmtes „Do simmer dabei“ zum Mitakteur wird.
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Tatsächlich ist diese „Fledermaus“ von Konzeption und Ausführung her, was der Regie bei dem Werk meistens versagt bleibt: Sie ist gelungen. Das Gelingen lässt sich zunächst einmal negativ formulieren: Die Inszenierung kommt – obwohl der Kühlschrank im Hause Eisenstein lediglich Champagnerflaschen und zwischendurch auch mal Alfred, den Liebhaber der Dame des Hauses, enthält – weithin ohne die wohlfeile Besoffenenkomik und andere plumpe Späße aus. Und sie drückt auch nicht da aufs Zwerchfell, wo es billigerweise nichts zu drücken gibt: Wenn Gabriel von Eisenstein erzählt, wie er seinen „Freund“, den Doktor Falke in seinem Fledermauskostüm, einst reinlegte, dann ist er selbst der einzige, der auf der Bühne darüber lacht. An dieser Stelle ahnt man – und das darf man auch –, dass in der Farce sogar das Potenzial für eine Tragödie steckt.
Kleinteilige Fülle amüsant.fantasievoller Einfälle
Positiv gewendet: Stiehl wartet mit einer kleinteiligen Fülle amüsant-fantasievoller Einfälle auf, die en passant kommen und sich daher nie aufdrängen, dafür aber die komödiantische Maschinerie über nahezu drei Stunden hinweg gut geölt halten. Nur ein Beispiel: Als Rosalinde von Eisenstein mit ihrem selbst zubereiteten Eintopf zugange ist, besorgt sie sich die Fleischbeilage aus dem hauseigenen Aquarium. Und bereits das Beine-Ballett zur Ouvertüre, sichtbar durch den halbgeöffneten Vorhang, ist ein echter Hingucker.
Großartig, farbenfroh und detailfreudig sind auch Bühnenbild und Ausstattung (Timo Dentler, Okarina Peter) sowie die Lichtregie (Max Karbe): Die zweistöckige Puppenstube des ersten Akts fächert sich im zweiten surreal auf zur Ballszenerie mit hängenden Gärten, Wasserdampf, einem schmissigen Ballett und einem zwischen Himmel und Erde auf ein Klavier eindreschenden Beethoven.
Der dritte Akt kehrt zum Puppenhaus des ersten zurück – die Zimmer im Hause Eisenstein sind jetzt zu Gefängniszellen mutiert. Wesentlich zum Erfolg dieser Schlussstrecke trägt Christoph Wagner-Trenkwitz als Frosch bei. Was oft genug seine Erfüllung in Klamauk auf dem Niveau von Vorstadtkarneval findet, gerät aus dem gepflegt wienernden Mund des österreichischen Dramaturgen zu einer angedeuteten Kabarettnummer – in der die Verständigungsschwierigkeiten zwischen Rheinländern und Österreichern genauso zum Thema werden wie der unliebsame Beethoven/Hitler-Tausch zwischen beiden Ländern.
Die Sänger agieren geschmeidig und spaßfroh
Auch die beste „Fledermaus“-Regie ist darauf angewiesen, dass die Darsteller nicht nur gut singen, sondern eben auch gut, das heißt geschmeidig und spielfreudig, mit gelöstem Spaß agieren. Beides ist in Bonn gewährleistet: Johannes Mertes als Eisenstein, Giorgos Kanaris als Falke, Martin Tzonev als Gefängnisdirektor Frank und Kai Kluge als Alfred sind ideale Rollenbesetzungen, und mehr noch gilt das womöglich für die Frauen: Anna Princeva als erotisch ambitionierte Rosalinde verströmt Fülle und Kraft der Grande Dame, Marie Heeschen begeistert durch gut fokussierte Soubretten-Leichtigkeit, und auch Susanne Blattert als androgyner Orlofsky überzeugt. Der Theaterchor bringt sich angemessen ein und am Pult des Beethoven Orchesters entfaltet Daniel Johannes Mayr ein Feuerwerk an Drive, Energie und Vitalität. Stürmischer Beifall für alle Beteiligten.
Nächste Vorstellungen: 11. März, 3., 29. April, 2. Mai



