David Schalko, Schöpfer der österreichischen Erfolgsserie „Braunschlag“, spricht vor der Premiere der zweiten Staffel beim Kölner Seriencamp über Stadt-Land-Gegensätze und Nostalgie.
„Braunschlag“-Autor David Schalko„Verklären und Verdrängen liegen sehr nah beieinander“

Der österreichische Schriftsteller und Filmregisseur David Schalko
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Herr Schalko, nachdem Ihre Serie „Braunschlag“ vor 14 Jahren erschien, sagten Sie, dass es keine zweite Staffel geben werde. Was hat Sie zum Umdenken bewogen?
Zunächst hatte ich nur die Idee, anhand des Jahres 1986 über die Sehnsucht nach der Vergangenheit und der damit verbundenen Verklärung zu erzählen, die man im Augenblick überall spürt. Dann stellte sich mir die Frage, wo die Geschichte spielen soll, und dann habe ich mir gedacht: „Ich muss mir jetzt kein zweites Dorf erfinden, wenn es schon eines namens Braunschlag gibt.“
Warum haben Sie das Jahr 1986 ausgewählt?
1986 war in Österreich eine Art politisches Wendejahr: Der Aufstieg der Rechtspopulisten, die Kontroverse um die NS-Vergangenheit des ehemaligen Bundespräsidenten Kurt Waldheim, das Weltereignis Tschernobyl hatten weitreichende Folgen: Die Wahl Jörg Haiders zum neuen FPÖ-Obmann führte zum vorzeitigen Ende der amtierenden Koalition, die österreichischen Grünen zogen bei den vorgezogenen Neuwahlen zum ersten Mal ins Parlament ein, die Mitschuld der Österreicher an den Verbrechen im Nationalsozialismus wurde öffentlich diskutiert. Gleichzeitig ging es mir auch darum, ein Jahr zu nehmen, das in der nahen Vergangenheit liegt, und das die Jugend der Protagonistinnen und Protagonisten repräsentiert.
Zwischen Nostalgie und Gegenwartsbeschreibung
Themen wie der fortschreitende Rechtsruck sind heute vielleicht noch relevanter als damals. Wo verläuft bei „Braunschlag 1986“ die Grenze zwischen Nostalgie- und Gegenwartsbeschreibung?
Die Serie spielt mit der Vorstellung der Neuen Rechten, die gute alte Zeit wiederherstellen zu können, obwohl diese ein Fantasiegebilde ist, obwohl diese verklärt wird. In der zweiten Staffel verordnet der Bürgermeister Gerri Tschach, dass in Braunschlag ab sofort das Jahr 1986 herrscht. Es geht also um die Simulation von Vergangenheit, aber auch darum, dass früher natürlich nicht alles besser war. Die Serie behandelt die unangenehmen Seiten der 80er-Jahre, den ausgeprägten Rassismus beispielsweise oder den sich entfesselnden Kapitalismus. Gleichzeitig zeigt sie, dass sich eigentlich gar nicht so viel verändert hat. Terrorismus, Korruption, die Umweltverschmutzung und der Nahostkonflikt waren auch schon damals wichtige Themen.
Wie erklären Sie sich diesen Drang einer Gesellschaft, die Vergangenheit zu verklären?
Es gibt keine Gesellschaft der Welt, bei der das nicht so ist, bei der keine Schere zwischen moralischen Selbstbehauptungen und der Realität existiert. Dabei liegen Verklären und Verdrängen sehr nah beieinander. Oft geht es dann darum, Pseudo-Kulturkämpfe auszutragen – sowohl bei den extremen Moralisten als auch bei denen, die den anständigen Deutschen oder den anständigen Österreicher beschwören wollen. Es bleibt bei einem terminologischen Kulturkampf, der heuchlerisch ist, der davon abhängt, wer in welchen Institutionen oder an welchen Schalthebeln sitzt. Der Rassismus verschwindet dadurch nicht, wenngleich man schon betonen muss, dass sich in den vergangenen 40 Jahren trotzdem einiges verbessert hat. Dazu gehört eine stärkere Sensibilisierung für bestimmte Themen, mit denen vor 40 Jahren wesentlich salopper umgegangen wurde.
Es bleibt bei einem terminologischen Kulturkampf, der heuchlerisch ist.
Zum Beispiel hinsichtlich der Verwendung des N-Worts, das Sie Ihre Protagonisten in der Serie sagen lassen.
Schon anhand dieses zeitlichen Sprachunterschieds kann man sehr viel deutlich machen. Wenn wir das heute so hören, erschrecken wir uns. Damals wurde der Begriff wie selbstverständlich benutzt. Gleichzeitig sprechen viele Leute inoffiziell noch immer so. Verändert hat sich also die Sensibilität für Sprache, nicht das rassistische Gedankengut.
Sie wohnen in Wien, trotzdem spielt „Braunschlag“ im ländlichen Waldviertel. Was interessiert Sie an der Provinz als Erzählraum?
Ich bin im Waldviertel geboren und kenne die Gegend gut. Man sollte nur von Dingen erzählen, die man kennt. Nach „Braunschlag“ ist zunächst meine Serie „Altes Geld“ entstanden, die in der dekadenten Großstadt-Oberschicht spielt – ein Milieu, das ich ebenfalls gut kenne: Ich bin als Mittelstandskind in einem reichen Bezirk in Wien aufgewachsen. Meine Identität ist also von diesen beiden Antipoden geprägt. Natürlich funktioniert die Provinz anders als die Großstadt. Sie funktioniert jetzt aber auch anders als vor 14 Jahren, als die erste Staffel „Braunschlag“ erschien. Die Infrastruktur hat sich verändert, die politischen Meinungen haben sich seit Corona radikalisiert, die Kluft zwischen Stadt und Land ist sicher noch größer geworden.
Wenn man aufs Land kommt, merkt man, dass der Hass auf Stadtbewohner extrem hoch ist, weil es in unseren Gesellschaften im Augenblick oft um Demütigung und Kränkung geht.
Was macht diese Kluft aus?
Wenn man aufs Land kommt, merkt man, dass der Hass auf Stadtbewohner extrem hoch ist, weil es in unseren Gesellschaften im Augenblick oft um Demütigung und Kränkung geht. Man empfindet den Städter als arroganten Menschen, der mit der Realität auf dem Land nichts mehr zu tun hat und daraus bildet sich dann ein politischer Reflex. Das hat aber auch stark mit dem Gefälle zu tun, dass auf dem Land mittlerweile eine sehr hohe Arbeitslosigkeit herrscht, Infrastrukturen verschwinden und deshalb viele Leute wegziehen. Diejenigen, die bleiben, fühlen sich im Stich gelassen und von der Politik ignoriert. Daraus entsteht eine ideologische Abkapselung.
Fungiert „Braunschlag 1986“ damit als Erklärungsansatz für diese Entwicklung?
Es geht mir nicht ums Erklären. Das wäre vermessen. Ich finde es wichtig, dass man seine Charaktere mit Empathie und Tiefe erzählt. Auf dem Land sind viele Sozialräume, wie Wirtshäuser, weggebrochen. Der Landmensch hat sich auf die eigenen Beine gestellt und sieht sich zu einer Art Selbstversorgertum gezwungen. Damit geht auch eine Abkapselung im Staatsverständnis einher. Man empfindet kein großes Miteinander mehr.
In Köln läuft aktuell eine Debatte, ob der Eintritt in den Dom zu dessen Musealisierung führt. In Ihrer neuen Serie entsteht in Braunschlag ein 1986er-Themenpark. Wird Europa allmählich zur Fassade?
Es wird immer gern so dargestellt, dass Europa nur noch von der Vergangenheit zehrt, gewissermaßen eine einzige Touristenattraktion ist. Gleichzeitig ist Europa einer der lebendigsten kulturellen Orte weltweit und die Hochburg der Aufklärung. Die europäischen Werte, die weltweit sozusagen ein Minderheitenprogramm sind, sind nicht museal, sondern etwas, von dem es wichtig ist, dass es vital ist und vital bleibt. Ansonsten leben wir irgendwann tatsächlich nur noch in Autokratien.
In Ihrem Roman „Bad Regina“ heißt es, dass in Österreich die Aufklärung nie stattgefunden habe.
Die Aufklärung ist vielleicht mehr ein idealistisches als ein realistisches Bild. Es gibt Desinformation, es gibt Wissenschaftsskepsis. Trotzdem ist eine aufgeklärte Gesellschaft ein Leitbild, auf das man sich immer wieder besinnen sollte, das man einfordern sollte. Allein die Trennung von Politik und Religion macht sehr viel aus. Das heißt nicht, dass das immer gelebt wird. Aber es macht einen Unterschied, ob das grundsätzlich in einer Gesellschaft verankert ist oder nicht. Insofern ist die Aufklärung schon der zentrale Wert Europas, auch wenn es oft nur ein Kopfgebilde ist.
„Braunschlag 1986“ von David Schalko wird in Deutschland erstmals am 10. Juni um 20:30 Uhr beim Kölner Seriencamp in Anwesenheit des Autors gezeigt. Das Seriencamp-Festival findet vom 9. bis zum 11. Juni im Cinenova-Kino in Ehrenfeld statt und ist kostenlos, wenn man sich während des Festivals ein Ticket vor Ort abholt. Onlinereservierungen kosten 2,55 Euro.
