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Clueso in KölnZwei Stunden Entschleunigung, dann zurück in die Welt

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Ein Mann hält ein Mikrofon in der Hand und singt.

Clueso bei seiner „Deja-vu“-Tour in der Lanxess-Arena

Beim Halt seiner „Déjà-vu“-Tour in Köln rief Clueso nostalgische Gefühle hervor. Als Überraschungsgast trat Wolfgang Niedecken auf.

Als der Sänger Clueso im Jahr 2009 mit der „1 Live Krone“ zum besten Künstler, sein Lied „Gewinner“ zur besten Single gekürt wurde, hatte Angela Merkel kurz zuvor nach erfolgreicher Wiederwahl ihre zweite Legislaturperiode als Bundeskanzlerin angetreten. Trotz oder vielleicht sogar wegen gewichtiger Problemlagen – man denke an die Finanzkrise 2008 – war es eine Zeit des politischen Mehltaues, der ermüdenden Alternativlosigkeit. Und Clueso, der mit seinem vierten Studioalbum „So sehr dabei“ den kommerziellen Durchbruch geschafft hatte, sang im darin veröffentlichten „Gewinner“-Song vom Unsicherheitsgefühl der Liebe: „Ich bin dabei, du bist dabei, wir sind dabei, uns zu verlier’n“.

Am Donnerstag ist dieser Entschleunigungszustand für etwa zwei Stunden in der gut gefüllten Lanxess-Arena greifbar, denn Clueso hatte auf seiner „Deja-vu“-Tour in Köln Halt gemacht. Seine Reise habe hier begonnen, betonte der 45-Jährige. Drei Jahre habe er hier mit Anfang 20 gelebt – in der Severinstraße und in der Machabäerstraße –, seine ersten musikalischen Gehversuche gemacht und auch seinen ersten Plattenvertrag bekommen. „Für mich ist das immer, wenn ich hier reinfahre und den Dom sehe, ein bisschen wie nach Hause kommen.“ Immer wenn er Leichtigkeit gebraucht habe, sei Köln am Start gewesen.

Aus Déjà-vu wird Nostalgie

So wird aus dem unheimlichen Gefühl, eine bereits vergangene Situation noch einmal zu erleben – die Tour ist nach seinem im Februar veröffentlichten zehnten Studioalbum benannt – ein wehmütiger, sehnsüchtiger Blick auf die Vergangenheit, eine Suche nach Vertrautheit. Aus Déjà-vu wird Nostalgie. Und dieser Eindruck bleibt. Gerade wenn der gebürtige Erfurter davon singt, einen Anfang mit mehr Tiefe, mit mehr Hintergrund zu wollen („Keinen Zentimeter“), geht das textsichere Publikum mit, schwelgt in Erinnerungen.

Besonders schwungvoll wird es dann aber, als Clueso seinen ersten Überraschungsgast auf die Bühne bittet. Wolfgang Niedecken erscheint mit Sonnenbrille und Hut. Gesungen wird, wie sollte es anders sein, „Verdamp lang her“, und es wird so laut in der Arena, dass man sich kurz vergewissern muss, nicht auf einem BAP-Konzert zu sein. Der gemeinsame Auftritt wird in Retro-Filmrollen-Ästhetik auf der Leinwand im Hintergrund vergrößert. „Geht doch“, ruft Niedecken nach dem Schlussakkord. Das Publikum jubelt.

Ein Konzert in Referenzen

Weiter geht das Leben, das Konzert in Referenzen. Nach „Verdamp lang her“ wird es dunkel. Clueso hat sich auf die Tribüne begeben und singt seine Version von „Wenn ein Mensch lebt“ der Ost-Berliner Rockband Puhdys, dessen Basslinien wiederum jenen des Pachelbel-Kanons entsprechen. „Jegliches hat seine Zeit. Steine sammeln, Steine zerstreu’n.Bäume pflanzen, Bäume abhau’n. Leben und sterben und Frieden und Streit.“

Ein Mann steht auf einer Bühne, hält ein Mikrofon in der rechten Hand und singt.

Clueso während seines Konzerts in Köln

Das Konzert scheint aus der Zeit gefallen. In Zeiten, in denen die Politik auf unbarmherzige Weise zuschlägt, Verteilungskämpfe schwelen oder bereits ausgebrochen sind, sich die geopolitische Konfliktlage zuspitzt, wirken viele Songs wie ein Anachronismus. Da grüßt der Sänger aus der Achterbahn, „denn ich fahr’ immer noch ohne Plan nach all den Jahren. Und ich fühl mich gut, denn es fühlt sich so gut an“. Lassen sich Clueso und sein zweiter Überraschungsgast Johannes Oerding rückwärts in den Treibsand fallen: „Es ist alles okay, alles gut, Augen zu, Flugmodus an.“

Ein im besten Sinne schwereloser Abend

Zwischendurch improvisiert Clueso zum Beat von „Still D.R.E.“, singt den Refrain seines Songs „Freidrehen“ auf die Melodie von Bilderbuchs „Bungalow“. Die sehr gut aufgelegte Band tut das Ihrige dazu. Bei der Darbietung von „Verrückter Sommer“, einem Lied des neuen Albums, erinnert das Saxofon-Solo an „Sweet Harmony“ – ein Song der britischen Elektropop-Band The Beloved, der die Einheit und Sehnsucht nach einer besseren Welt beschwört.

So ist der Abend ein im besten Sinne schwereloser. Bei „Zusammen“ – einem Song, den Clueso mit den Fantastischen Vier aufnahm –, ist immer wieder kurz die Pride-Flagge auf der Leinwand zu sehen. Viel politischer wird es nicht. Das bloße Ausstellen genügt. Und da ist wieder die nostalgische Erinnerung an eine Zeit, in der gewisse Dinge alternativlos schienen, Angela Merkel die Abstimmung über die Ehe für alle zuließ, sie ermöglichte, obwohl sie selbst dagegen votierte.

Clueso kostet den Moment der Entschleunigung bis auf die Minute pünktlich aus. Sein Auftritt ist von 20 bis 22.15 Uhr angesetzt. Keine Minute länger steht er auf der Bühne. Nachdem er zum Abschluss seines Konzerts „Gewinner“ gesungen hat, hat er noch eine Botschaft für die Zuschauer, bevor sie in die kalte Kölner Nacht entlassen werden: „Lasst uns nicht vergessen, was in der Welt los ist.“